Interpharm 2011

Wenn's im Ohr des Patienten klingelt

Tinnitus ist häufig mit Stress assoziiert. Das unliebsame Hörgeräusch tritt dann oft unmittelbar nach der akuten Stresssituation auf, wenn der Patient zur Ruhe kommt, erläuterte Prof. Dr. Frank Rosanowski, Nürnberg. In der Therapie stehen Beratung und Aufklärung im Vordergrund. Ob Tinnitus-Masker oder Tinnitus-Noiser tatsächlich Abhilfe schaffen, muss im Einzelfall ausprobiert werden. Sicher nicht empfehlenswert ist die hyperbare Sauerstofftherapie.

Tinnitus lässt sich nach verschiedenen Kriterien klassifizieren. Unterschieden wird zwischen

  • subjektiv und objektiv,

  • akut und chronisch,

  • kompensiert und dekompensiert.

Foto: DAZ/Reimo Schaaf
Prof. Dr. Frank Rosanowski

In der Regel wird der Tinnitus subjektiv vom Patienten wahrgenommen. Nur sehr selten können auch Außenstehende, mit oder ohne Hilfsmittel, das Ohrgeräusch wahrnehmen, etwa wenn eine Gefäßerkrankung ursächlich ist. Als akut wird der Tinnitus bezeichnet, wenn er nicht länger als drei Monate besteht. Alles andere gilt inzwischen als chronisch. Die frühere Bezeichnung des subakuten Tinnitus mit einer Dauer von drei bis zwölf Monaten ist in die neue Leitlinie nicht mehr aufgenommen worden und aus Sicht von Rosanowski auch verzichtbar.


Dekompensierter Tinnitus:
Starke Beeinträchtigung

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen kompensiertem und dekompensiertem Tinnitus. Beim kompensierten Tinnitus hat der Patient das Ohrgeräusch integriert und fühlt sich durch das Klingeln im Ohr nicht beeinträchtigt. Besonders gut kompensieren Patienten mit einer angeborenen Innenohrschwerhörigkeit einen Tinnitus. Auf gezieltes Nachfragen haben zwei Drittel dieser Patienten ein Ohrgeräusch, allerdings ohne jeglichen Leidensdruck. Beim dekompensierten Tinnitus hadert der Patient mit seinem Schicksal. Es kommt zu Depression, Schlafstörung mit reaktiver Tagesmüdigkeit und Leistungseinbußen. Verspannungen können hinzukommen. "Es ist nicht nur das Ohr betroffen, sondern auch das körperliche, geistige und emotionale Befinden des Patienten", machte Rosanowski deutlich. Der Patient sollte aber wissen: Die Invalidisierung wegen eines Tinnitus ist eine Rarität. Und auch die Suizidrate als Folge von Ohrklingeln geht gegen null.

Auch an Borrelien denken


Bei plötzlich auftretenden Ohrgeräuschen sollte auch eine Infektion mit Borrelien ins Kalkül gezogen und serologisch abgeklärt werden. Denn die Spirochäten können isolierte Ohrsymptome verursachen.

Begrenzte Therapiemöglichkeiten

Beratung und Aufklären stehen im Vordergrund der Behandlungsmaßnahmen. Einige therapeutische Optionen zielen darauf ab, das Ohrgeräusch durch äußere Geräusche in den Hintergrund treten zu lassen. So sollte der Patient zur Schallanreicherung in seinem Umfeld angehalten werden, etwa indem er das Radio in seiner Wohnung anstellt. Liegt bereits eine Hörminderung vor, kann, auch wenn sie kaum ausgeprägt ist, ein Hörgerät helfen, da es die Umweltgeräusche verstärkt. Ist der Therapieerfolg unbefriedigend, kann als Therapie der zweiten Wahl ein Tinnitus-Masker versucht werden, der den Tinnitus durch ein intern erzeugtes Geräusch überdecken soll. Am Markt konnten sich die Geräte allerdings wegen fehlender Langzeiteffekte nicht breit durchsetzen. Wer normal hört, für den können Tinnitus-Noiser hilfreich sein. Sie verdecken den Tinnitus nicht, sondern versuchen mit einem anderen Geräusch den Höreindruck vom Tinnitus wegzulenken. Getragen werden müssen sie an sechs Stunden pro Tag für mindestens sechs Monate. In schweren Fällen kann eine Psychotherapie angeraten sein. Kaum empfehlenswert ist dagegen laut Rosanowski die hyperbare Sauerstofftherapie.


bf

Zum Weiterlesen


Nicht auf Rezept: Wenn Tinnitus und Hörsturz zur Privatsache werden

DAZ 2011, Nr. 10, S. 62



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DAZ 2011, Nr. 14, S. 79

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