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Teuer zu stehen

Dr. Doris Uhl Chefredakteurin der DAZ

Viagra®, die blaue Potenz-Pille, bekommt Konkurrenz. Am 22. Juni 2013 ist das Patent abgelaufen, und schon zum 1. Juni hat der Viagra-Hersteller Pfizer sein eigenes Generikum eingeführt. 28 weitere Zulassungen für Sildenafil-Generika sind erteilt und drängen nach und nach in die Apotheken (siehe Seite 16).

Der Markt ist heiß umkämpft, denn es geht um viel Geld und viele potenzielle Kunden. Allein im Jahr 2012 lag der Viagra®-Umsatz bei gut 2 Milliarden Dollar, seit 1998 hat Pfizer weltweit 1,8 Milliarden Viagra® -Tabletten an den Mann gebracht. Dafür musste tief in die Tasche gegriffen und pro Tablette 10 bis 20 Euro je nach Dosierung und Packungsgröße hingelegt werden.

Dass Sildenafil, das zweifelsohne die Behandlung der erektilen Dysfunktion revolutioniert hat, mit dem Ablauf des Patentschutzes jetzt günstiger werden wird, freut diesmal nicht die Krankenkassen, dafür aber sicher umso mehr die Anwender, denn die Behandlung der erektilen Dysfunktion ist keine Kassenleistung. Nimmt man das Pfizer-Generikum als Maßstab, dann werden die Preise für die Generika in Zukunft zumindest um 80% unter denen des Originals liegen. Damit wird für manch einen, dem das Vergnügen bislang zu teuer war, sicher die Hürde sinken, die vielversprechende Pille einmal auszuprobieren.

Für den Pro-Generika-Verband, der naturgemäß die Einführung der Generika begrüßen muss, profitieren die Verbraucher gleich doppelt:

  • von dem niedrigen Preis und
  • von mehr Arzneimitteltherapiesicherheit.

Die Begründung: durch die niedrigen Preise entfalle der Anreiz, auf dubiose Internetanbieter zurückzugreifen. Eine Logik, der man nur auf den ersten Blick folgen kann.

Denn nach wie vor unterliegen Sildenafil-haltige Präparate der Verschreibungspflicht und es führt kein legaler Weg an einem Arztbesuch und an einer ärztlichen Verordnung vorbei. Doch wie gerne Männer einen Arzt aufsuchen und das auch noch bei einem so heiklen Thema wie Erektionsstörungen, ist ein offenes Geheimnis. Da googelt man doch lieber und nimmt die Dienste der Internetanbieter in Anspruch, die eine diskrete Abwicklung ohne Rezept versprechen.

Welche Gefahren hier lauern, ist uns Apothekerinnen und Apothekern allen klar. Da ist vor allem die Gefahr, gefälschte Präparate zu erhalten. Fälschungen zu produzieren wird mit der zu erwartenden Flut von Generika sicher einfacher. Der Farben-und Formenvielfalt sind keine Grenzen gesetzt, das eine Generikum hat die Form des Originals und ist weiß, das andere ist blau, aber rund, und wieder ein anderes ist weiß und länglich.

Was der auf Hilfe hoffende Mann dann vom Postboten gebracht bekommt, ist vollkommen offen. Wenn er Glück hat, ist der Wirkstoff in korrekter Dosierung und ausreichender Qualität in seiner Pille enthalten. Wenn er ganz großes Pech hat, steigert die Tablette nicht das Vergnügen, sondern ruft aufgrund einer falschen Dosierung oder eines nicht deklarierten Inhaltsstoffes schwerste Nebenwirkungen hervor, mit denen dann auch der Notarzt und die Klinikärzte nur schwer umgehen können, weil sie noch nicht einmal erraten können, was der Patient wirklich eingenommen hat.

Und auch eine nicht gefälschte Sildenafil-Tablette ist keine harmlose "Happy Pill", sondern ein hochwirksames Arzneimittel mit Kontraindikationen, das nicht ohne Grund verschreibungspflichtig ist. Gerade Männer mit Potenzproblemen haben häufig kardiovaskuläre Risikofaktoren oder nehmen Arzneistoffe ein, die aufgrund von Interaktionen zu höheren Wirkspiegeln des PDE-5-Hemmers führen können. Das Risiko für Nebenwirkungen steigt und die sind nicht von Pappe. Hier eine kleine Auswahl: Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen, Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen, plötzlicher Herztod – und nicht zu vergessen Priapismus, also anhaltende schmerzhafte Erektionen.

Und spätestens dann, wenn Probleme auftreten, kommen die Krankenkassen doch wieder ins Spiel. Denn die Behandlung von Komplikationen geht immer noch auf ihre Rechnung. Wenn jetzt noch mehr Männer gerade wegen des günstigen Preises auf eine der zahlreichen Sildenafil-Generika zurückgreifen und auch noch ein bedeutender Teil von ihnen nicht den Weg über den Arzt wählt, dann werden die Krankenkassen von dieser besonderen Generika-Einführung nicht nur nicht profitieren, sie könnte sie teuer zu stehen kommen.


Doris Uhl

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