Arzneimittel und Therapie

Lutein und Zeaxanthin gegen AMD

Möchte man in der Apotheke einem Patienten mit altersbedingter Makuladegeneration (AMD) ein Präparat empfehlen, dass das Fortschreiten der AMD verlangsamen soll, so ist man mit einer fast unüberschaubaren Vielzahl an Präparaten konfrontiert. Die Age Related Eye Disease Studies (AREDS) sollen Aufschluss über den Nutzen von Vitamin- und Mineralstoffkombinationen geben. Soeben wurde die AREDS-2-Stude veröffentlicht. Sie bestätigt den Nutzen von Lutein und Zeaxanthin.

Vor zwölf Jahren wurde die erste Age Related Eye Disease Studie veröffentlicht [1]. Sie hatte gezeigt, dass Patienten mit altersbedingter Makuladegeneration im intermediären oder fortgeschrittenen Stadium von der Einnahme hochdosierter antioxidativer Vitamine und Mineralstoffe [Vitamin C (500 mg), Vitamin E (400 I.E.), Beta-Carotin (15 mg), Zink (80 mg) und Kupfer (2 mg)] profitieren. Mit der jetzt veröffentlichten Anschlussstudie Age Related Eye Disease Study 2 sollte geprüft werden, ob die bisherige AREDS-Formulierung noch verbessert werden kann. AREDS 2 ist eine placebokontrollierte, randomisierte, kontrollierte Multicenter-Studie mit 1608 Teilnehmern im Alter von 50 bis 85 Jahren, die primär die verschiedenen Effekte von hochdosierter Nahrungsergänzung mit Lutein (10 mg) plus Zeaxanthin (2 mg) und/oder langkettigen Omega-3-Fettsäuren DHA (350 mg) und EPA (650 mg) auf das Fortschreiten der altersbedingten Makuladegeneration untersucht hat [2]. In einer zweiten Randomisierung wurde getestet, ob eine Reduzierung der Zink-Dosis und ein Weglassen des Beta-Carotins aus der ursprünglichen ARED-Formulierung einen Effekt auf die Wirksamkeit der Behandlung hat.

Ist eine Nahrungsergänzung notwendig?

Reicht eine ausgewogene Ernährung nicht aus, um den Bedarf an Mikronährstoffen zu decken?


Lutein, Zeaxanthin und andere Carotinoide werden ausschließlich über die Nahrung zugeführt. Der Körper kann sie weder selbst synthetisieren, noch kann er andere Carotinoide wie z. B. Beta-Carotin in Lutein bzw. Zeaxanthin umwandeln. Lutein und Zeaxanthin, sowie die Vorstufe von Retinol, das Beta-Carotin, sind in Gemüsesorten wie Spinat, Brokkoli, Feldsalat und Mais enthalten.

Lutein ist auch in Eigelb enthalten und ist für die gelbe Farbe verantwortlich.

Omega-3-Fettsäuren sind in Fischölen enthalten. Doch auch bei ausgewogener Ernährung liegen die Konzentrationen unter denen, die mit hochdosierten Nahrungsergänzungsmitteln erzielt werden.

Die Zusammensetzung der Formulierung

Die Omega-Fettsäuren wurden in die neue Formulierung mit aufgenommen, da sie in hoher Konzentration in der Netzhaut vorkommen. Beta-Carotin steht im Verdacht, das Lungenkrebsrisiko zu erhöhen. Deshalb wurde es aus der ursprünglichen Formulierung entfernt und durch die beiden Carotinoide Lutein und Zeaxanthin ersetzt, die Bestandteile des Makulapigments sind. Die Zinkdosis wurde von 80 mg auf 25 mg reduziert, um das Risiko von gastrointestinalen Nebenwirkungen zu minimieren.

Im Gegensatz zu AREDS wurden für AREDS 2 nur Teilnehmer mit mindestens mittlerem Progressionsrisiko eingeschlossen. Etwa 4000 Patienten wurden aufgenommen, die entweder bilateral große Drusen oder große Drusen in einem Auge und eine fortgeschrittene AMD (neovaskuläre AMD oder zentrale atrophische Geografie) im anderen Auge aufwiesen. Die Teilnehmer erhielten entweder Placebo (hier die ursprüngliche AREDS-Formulierung) oder zusätzlich Lutein plus Zeaxanthin, DHA plus EPA oder beide Komponenten täglich über fünf Jahre. Primärer Endpunkt war die Progression der AMD. In der ersten AREDS-Studie konnte gezeigt werden, dass die Teilnehmer, die die AREDS-Formulierung über fünf Jahre einnahmen, ein um 25% gemindertes Risiko zur Progression in eine fortgeschrittene Form der AMD hatten. In der AREDS-2-Studie konnte hingegen kein zusätzlicher Nutzen durch Hinzufügen von Omega-3-Fettsäuren und/oder Lutein und Zeaxanthin gezeigt werden. Allerdings konnten bei der Untersuchung der Subgruppen einige andere wichtige Ergebnisse ausgemacht werden:

  • Teilnehmer, die anstatt Beta-Carotin Lutein und Zeaxanthin einnahmen, hatten ein um 18% reduziertes Risiko für eine fortgeschrittene AMD, verglichen mit denen, die die AREDS-Formulierung mit Beta-Carotin ohne Lutein und Zeaxanthin einnahmen.
  • Teilnehmer, die am Anfang der Studie wenig Lutein und Zeaxanthin durch die Nahrung aufgenommen hatten, dann aber die AREDS-Formulierung mit den beiden Substanzen einnahmen, hatten eine 25%ige Risikoreduktion verglichen mit Teilnehmern, die kein Lutein und Zeaxanthin in der Formulierung hatten.
  • Teilnehmer, die alle drei Carotinoide (Beta-Carotin, Lutein und Zeaxanthin) eingenommen haben, wiesen niedrigere Konzentrationen an Lutein und Zeaxanthin auf, möglicherweise deshalb, weil Carotinoide untereinander um die Resorption in das Blut konkurrieren.
  • Die Entfernung des Beta-Carotins schränkte den protektiven Effekt der Formulierung nicht ein.
  • Die Reduktion der Zinkdosis hatte keinen Effekt auf das Risiko, eine fortgeschrittene AMD zu entwickel.
  • Hinzufügen von Omega-3-Fettsäuren hatte keinen Effekt auf das Risiko, eine fortgeschrittene AMD zu entwickeln.

Da Beta-Carotin im Verdacht steht, bei Rauchern das Risiko für Lungenkrebs zu erhöhen, wurde aktiven Rauchern keine Formulierung mit Beta-Carotin gegeben. In der AREDS-2-Studie zeigt sich bei ehemaligen Rauchern ein Zusammenhang zwischen Beta-Carotin und dem Risiko, ein Lungenkarzinom zu entwickeln.

Was ist AMD?


Die altersabhängige Makuladegeneration (AMD) ist eine Sehstörung, die durch zunehmende Beeinträchtigung des scharfen Sehens gekennzeichnet ist. Der betroffene Fleck des schärfsten Sehens ist die Makula. Kennzeichnend sind Sehstörungen im zentralen Gesichtsfeld, die z. B. die Lesefähigkeit erheblich einschränken können. Die Häufigkeit nimmt mit steigendem Lebensalter zu. Frühformen der AMD findet man bei 35% der über 75-Jährigen, das Endstadium bei 5% derselben Altersgruppe. Die Ursache der AMD ist noch nicht eindeutig geklärt. Man unterscheidet zwei Formen, die häufigere trockene und langsam fortschreitende Makuladegeneration und die feuchte, häufig schnell verlaufende Form.


"Trockene" Makuladegeneration

Im Frühstadium der trockenen Makuladegeneration entstehen im Augenhintergrund sogenannte Drusen, kleine gelbliche Ablagerungen unter der Netzhaut. Dabei ist das Sehen allenfalls geringfügig eingeschränkt.

Im Spätstadium der trockenen Makuladegeneration gehen Sinneszellen und deren Ernährungszellen zugrunde und das zentrale Sehen verschlechtert sich erheblich.


"Feuchte" Makuladegeneration

Bei der "feuchten" Makuladegeneration, die sich bei einem kleineren Teil der Patienten aus der trockenen Form entwickelt, wachsen als Reaktion auf die Drusenablagerungen kleine Gefäßknospen unter die Netzhaut. Diese neu gebildeten Gefäße sind undicht, weshalb die Netzhautmitte anschwillt (Makulaödem). Auch kann es aus diesen Gefäßen bluten. Die Gefäße können schließlich dazu führen, dass sich die Netzhautmitte in eine bindegewebige Narbe umwandelt und die Sehzellen zugrunde gehen. Bei der feuchten Makuladegeneration gibt es verschiedene Unterformen. Im Gegensatz zur trockenen Spätform kann die feuchte Form mitunter sehr rasch voranschreiten, kommt aber auch schließlich zum Stillstand, ohne die ganze Netzhaut in Mitleidenschaft zu ziehen [3].

Derzeitige Therapien zielen darauf ab, den Krankheitsprozess aufzuhalten oder zu verlangsamen und so die Lebensqualität der Betroffenen möglichst zu erhalten. Die (wenigen) vorhandenen Therapien sind nicht bei allen Patienten anwendbar, sie sind nicht immer wirksam und müssen zum Teil wiederholt durchgeführt werden.

Fazit der AREDS-2-Studie

Durch die AREDS-2-Studie konnte gezeigt werden, dass sowohl bei Rauchern, aber auch bei ehemaligen Rauchern eine Supplementation mit Beta-Carotin nicht angezeigt ist, da in beiden Gruppen das Risiko an Lungenkrebs zu erkranken deutlich steigt. Zink ist eine wichtige Ergänzung und sollte im Präparat enthalten sein, jedoch ist noch nicht abschließend geklärt, wie viel Zink notwendig ist. Es konnte deutlich gezeigt werden, dass Omega-3-Fettsäuren und Beta-Carotin nicht die Progression der AMD aufhalten, jedoch der Austausch von Beta-Carotin in Lutein und Zeaxanthin von Nutzen ist. Patienten über 60 Jahre sollten sich mindestens einmal jährlich einer Augenuntersuchung unterziehen und je nach Art der AMD ein geeignetes Präparat einnehmen (s. Tabelle).

Empfehlungen bei AMD

Nur wenn zahlreiche mittelgroße bis große Drusen in beiden Augen oder wenn in einem Auge bereits ein Spätstadium der AMD mit Gefäßneubildungen oder geografischer Atrophie aufgetreten ist, kann mit der Hochdosis-Vitamintherapie ein prophylaktischer Effekt beobachtet werden. Patienten ohne erkennbare Veränderungen oder mit lediglich einzelnen kleinen bis mittleren Drusen profitieren hiervon nicht.

Arten der AMD
Charakterisierung
tägliche Einnahme von
hochdosierten
antioxidativen Vitaminen
und Mineralstoffen
frühes Stadium
einige kleiner/intermediäre Drusen, keine Sehfeldeinschränkung
nicht empfohlen
intermediäre
trockene AMD
viele mittlere oder eine oder mehrere große Drusen
oder nichtzentrale Areale mit geografischer Atrophie in
mindestens einem Auge
empfohlen
fortgeschrittene
trockene AMD
geografische Atrophie des retinalen Pigmentepithels;
Untergang der Pigmentepithelzellen, Aderhautkapillaren
und äußeren Schichten der neurosensorischen Netzhaut
empfohlen, wenn nur
in einem Auge
feuchte AMD
chorioidale Neovaskularisation
Abhebung oder Risse des retinalen Pigmentepithels
empfohlen, wenn nur
in einem Auge
[Quelle: Age Related Eye Disease Study results. National eye institute. www.nei.nih.gov/amd]


Quelle

[1] Age Related Eye Disease Study Research Group. A placebocontrolled trial of high-dose supplementation with vitamins C and E and carotene for age-related cataract. Arch Ophthalmol 2001, 119: 1439 – 1452.

[2] The Age Related Eye Disease Study 2 Research Group. Lutein + Zeaxanthin and Omega-3 Fatty Acids for Age Related Macular Degeneration: The AREDS 2 Randomized Clinical Trial. JAMA. 2013, 5: 1 – 11.

[3] www.uni-augenklinik.uni-bonn.de/krohne/patienten/erkrankungen/amd/was-ist-amd.html, 13. Mai 2013.


Apothekerin Ina Richling, PharmD

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