Schwerpunkt AMD

Den Schaden begrenzen

Nahrungsergänzung und alternative Optionen bei AMD

Sowohl für die trockene als auch die feuchte AMD werden zahlreiche nichtmedikamentöse alternative bzw. ergänzende Therapien angepriesen. Verläss­liche Daten aus Studien liegen jedoch derzeit nur für Nahrungsergänzungsmittel mit spezieller Zusammensetzung vor. Sie sind für Patienten mit bestimmten Stadien der AMD empfehlenswert. | Von Claudia Bruhn


Eine bestimmte Ernährungsform kann AMD-Patienten bisher nicht empfohlen werden, da keine belast­baren Daten dazu vorliegen. So hatten zwar kleinere Studien zunächst gezeigt, dass der Verzehr von Fisch bzw. eine an ungesättigten Omega-3-Fettsäuren reiche Ernährung die AMD-Progression möglicherweise verlangsamt. Spätere größere prospektive ­Studien konnten dies für die ungesättigten Omega-3-Fettsäuren Docosahexaensäure (DHA) und Eicosapentaensäure (EPA) jedoch nicht bestätigen. Grundsätzlich ist dennoch eine ausgewogene Ernährung entsprechend den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), die eine ausreichende Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen gewährleistet, für AMD-Patienten empfehlenswert.

Prospektive Studien mit NEM

Der Grundgedanke der Nahrungsergänzung bei der trockenen AMD ­besteht darin, durch die hochdosierte Einnahme antioxidativ wirkender ­Vitamine (C und E), ausgewählter ­Mineralstoffe (Zinkoxid, Kupferoxid), Omega-3-Fettsäuren sowie der Carotinoide Lutein und Zeaxanthin, die Bestandteile des Makulapigments sind, den Zellschädigungen in der Makula entgegenzuwirken. Wer AMD-Patienten Nahrungsergänzungsmittel (NEM) empfehlen möchte, kommt an den Ergebnissen der ARED-Studien (Age-­Related Eye Disease Study 1 and 2) nicht vorbei.

Tab. 1: Die in den ARED-Studien geprüften Nährstoffsupplemente (jeweils Tagesdosis; bei AREDS2 verschiedene Kombinationen).
Zusammensetzung
AREDS1
Vitamin C 500 mg
Vitamin E 400 IE
Zink 80 mg
Kupfer 2 mg
β-Carotin 15 mg
AREDS2
Vitamin C 500 mg
Vitamin E 400 IE
Zink 25 mg/80 mg
Kupfer 2 mg
Lutein 10 mg
Zeaxanthin 2 mg
DHA 350 mg
EPA 650 mg

Die erste ARED-Studie war bereits in den 1990er-Jahren nicht nur zur Erforschung der AMD, sondern auch des Grauen Stars konzipiert worden. Ein Ziel war, herauszufinden, inwieweit die oben genannten Vitamine und Mineralstoffe sowie β-Carotin diese beiden Erkrankungen verhindern bzw. ihr Fortschreiten verzögern können (Tab. 1). Elf medizinische Zentren in den USA nahmen daran teil, mehr als 4700 Patienten wurden eingeschlossen (die letzten im Januar 1998) und durchschnittlich 6,3 Jahre lang beobachtet. Unterstützt wurde die Studie staatlicherseits vom National Eye Institute, einer Einrichtung der National Institutes of Health (NIH). Auch die Firma Bausch & Lomb Pharmaceuticals unterstützte einen Teil der Studie finanziell. Das auch für die Beratung in der Apotheke relevante Hauptergebnis war, dass die Progression einer ­intermediären AMD zu einem Spät­stadium (geografische Atrophie) bei den Patienten der AREDS-Kategorien 3 und 4 (s. Kasten „Intermediär und fortgeschritten: AREDS-Kategorien 3 und 4“), die das Nährstoffsupplement einnahmen, um 25% seltener auftrat.

Intermediär und fortgeschritten: AREDS-Kategorien 3 und 4

In den intermediären und fortgeschrittenen Stadien der AMD weist die Makula folgende morphologische Veränderungen auf:

  • in mindestens einem Auge ausgeprägte (d. h. Drusenfläche insgesamt ≥ 360 μm Durchmesser) intermediäre Drusen (63 bis 125 μm) oder
  • in mindestens einem Auge mindestens eine große Druse (> 125 μm) oder
  • in mindestens einem Auge eine nicht-zentrale geografische Atrophie oder
  • eine fortgeschrittene AMD bzw. Visus < 20/32 aufgrund der AMD in nur einem Auge.

Die aktuelle Leitlinie der ophthalmologischen Fachgesellschaften trifft daher die Aussage, dass bei Patienten mit einer intermediären oder späten AMD-Form die Einnahme des in ­AREDS1 geprüften Nährstoffsupplements erwogen werden kann. Dabei bestehen folgende Einschränkungen:

  • Patienten mit beidseitiger fortgeschrittener AMD wurden in AREDS nicht untersucht, daher gilt die Empfehlung für diese Gruppen nicht.
  • Andere Studien hatten gezeigt, dass sich bei Rauchern, die β-Carotin als NEM einnehmen, die Inzidenz von Lungenkrebs erhöhen kann. Daher sollten Raucher sowie ehemalige Raucher auf die Einnahme von β-Carotin verzichten.

2006 wurde die zweite ARED-Studie initiiert, bei der zusätzlich die Omega-3-Fettsäuren DHA und EPA supplementiert wurden. Außerdem wurde in einigen Studienarmen die Formulierung etwas abgewandelt: Die Zinkdosis wurde von 80 auf 25 mg/Tag reduziert, weil über längere Zeit eingenommene hohe Zinkmengen die Resorption von Kupfer beeinträchtigen und unter anderem zu gastrointestinalen Nebenwirkungen führen können. Außerdem wurde β-Carotin durch Lutein und ­Zeaxanthin ersetzt, um das Lungenkrebsrisiko von Rauchern und ehe­maligen Rauchern nicht zu erhöhen (Tab. 1).

AREDS2 war ebenfalls eine multi­zentrische, randomisierte, placebo­kontrollierte, doppelblinde, prospektive Phase-III-Studie; Teilnehmer ­waren ca. 4200 Patienten mit einem Durchschnittsalter von 73,1 Jahren und einem hohen Risiko für die Entwicklung einer fortgeschrittenen AMD; sie wurden über einen mittleren Zeitraum von fünf Jahren beobachtet. Die reduzierte Zinkdosis stellte sich als nicht nachteilig für die AMD-Entwicklung heraus. Andererseits konnte die zusätzliche Gabe der Omega-3-Fettsäuren das AMD-Progressions­risiko nicht weiter reduzieren.

Zu­sammengefasst sprechen die ­AREDS2-Daten dafür, dass die geprüften Nährstoffsupplemente sinnvoller sind als bei AREDS1; weil sie kein β-Carotin enthalten, sollten sie insbesondere Rauchern und ehemaligen Rauchern empfohlen werden.

Für Nahrungsergänzungsmittel mit ähnlicher Zusammensetzung und anderen Dosierungen, die auf dem Markt sind, wurde eine Wirksamkeit bisher nicht nachgewiesen, sodass eine Einnahme nicht sinnvoll erscheint (s. „Präparate mit Formulierungen nach ARED-Studien“). Auch für eine prophylaktische Einnahme von NEM zur Risikoreduktion einer AMD-Entstehung gibt es bisher keine Belege.

Als wichtigste Empfehlung weisen die Fachgesellschaften auf den Rauch­verzicht hin. Denn in vielen Studien konnte das Rauchen als Hochrisikofaktor für eine AMD identifiziert werden.

Präparate mit Formulierungen nach ARED-Studien

Die Ergebnisse der ARED-Studien sind nur auf Nahrungsergänzungsmittel oder ergänzende bilanzierte Diäten mit identischer Zusammensetzung übertragbar. Die Firma Bausch & Lomb vertreibt in den USA das Produkt PreserVision®, das eine AREDS2-Formulierung (80 mg/Tag Zink, keine Omega-3-Fettsäuren) enthält. Nach Recherchen der Stiftung Warentest gibt es derzeit im deutschen Markt kein Präparat, das eine Zusammensetzung wie die in den ARED-Studien geprüften Formulierungen besitzt. Die Stiftung hat deshalb die verfügbaren Präparate als „wenig sinnvoll“ eingestuft – auch deshalb, weil einige von ihnen Vitamine oder Mineralstoffe in Dosierungen enthalten, die weit über dem Tagesbedarf l­iegen oder so hoch sind, dass un­erwünschte Wirkungen nicht auszuschließen sind. Für eine prophylaktische Einnahme sind die Produkte nicht geeignet. Präparate, die den AREDS-Formulierungen relativ nahe kommen, sind z. B. orthomol® AMD extra Kapseln, CentroVision® AMD-Kapseln und Lutax® AMD Kapseln.

Alternative Therapieansätze

Die Akupunktur und eine spezielle Augenakupunktur (bei der die Nadeln nicht in die Augen gestochen, sondern z. B. im Stirnbereich angewendet werden!), auch in Kombination mit Tee­zubereitungen der Traditionellen ­Chinesischen Medizin (TCM), werden als alternative Behandlungsmethode angeboten. Ausreichende wissenschaftliche Daten, die eine allgemeine Empfehlung rechtfertigen würden, ­liegen derzeit nicht vor.

Aus dem gleichen Grund wird derzeit auch die Plasmapherese in den Leit­linien der augenärztlichen Fachgesellschaften nicht empfohlen. Bei einer Sonderform der extrakorporalen Blutwäsche, der Rheopherese, werden große, rheologisch bedeutsame Plasma­proteine herausfiltriert, was zu einer Verbesserung der Mikrozirkulation im gesamten Kreislauf einschließlich der Augen führen soll. Bisher konnte die positive Wirkung der Rheopherese auf den Verlauf von feuchter und trockener AMD lediglich in Studien mit kleineren Patientengruppen nachgewiesen werden, darunter auch in einer randomisierten klinischen Studie mit 40 Patienten mit feuchter AMD.

Phytotherapie

Ginkgo: Zum Einfluss von Ginkgo-­Extrakt auf die Sehfähigkeit von AMD-Patienten wurden in einem Cochrane-Review zwei Studien mit insgesamt 119 Patienten ausgewertet. In der französischen Studie erhielten 20 Patienten randomisiert entweder Ginkgo-biloba-Extrakt EGb 761 (80 mg zweimal täglich) oder Placebo. In einer zweiten, in Deutschland durchgeführten Studie, wurden 99 Patienten auf zwei verschiedene Dosierungen des Extrakts randomisiert (240 mg/Tag und 60 mg/Tag. Die Behandlungsdauer lag bei sechs Monaten. Zwar zeigte sich in den Verumgruppen eine Verbesserung der Sehschärfe, jedoch wurden Nebenwirkungen und die Lebensqualität nicht berichtet. Ob Ginkgo-biloba-­Extrakte in der Lage sind, das Fortschreiten einer AMD aufzuhalten, konnte bisher noch nicht geklärt ­werden.

Safran: Die in Safran enthaltenen ­antioxidativ wirkenden Inhaltsstoffe Crocin und Crocetin sollen den Verlauf einer AMD positiv beeinflussen. Auch hierzu gibt es lediglich Daten aus kleinen Untersuchungen. |

Quelle

Stellungnahme der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft, der Retinologischen ­Gesellschaft und des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands zu Nahrungsergänzungsmitteln bei altersabhängiger ­Makuladegeneration (AMD), Stand Oktober 2014, http://cms.augeninfo.de/fileadmin/stellungnahmen/zu_Nahrungsergaenzungsmitteln_bei_AMD_Oktober_2014.pdf

The Age-Related Eye Disease Study (AREDS): design implications. AREDS report no. 1. Control Clin Trials 1999;20:573-600

Age-Related Eye Disease Study Research Group. The Age-Related Eye Disease Study system for classifying age-related macular degeneration from stereoscopic color fundus photographs: the Age-Related Eye Disease Study Report Number 6. Am J Ophthalmol 2001; 132:668-681

The Age-Related Eye Disease Study 2 (AREDS2) Research Group. Lutein + Zeaxanthin and Omega-3 Fatty Acids for Age-Related ­Macular Degeneration. JAMA 2013;309(19):2005-2015

Die Therapeutische Apherese – der Einsatz innovativer extrakorporaler Therapieverfahren. Bundesverband Medizintechnologie e. V. (BVMed); www.bvmed.de/download/apheresebroschueredt2001.pdf

Brunner R et al. Influence of membrane differential filtration on the natural course of age-related macular degeneration (AMD) – a randomized trial. Retina 2000;20:483-91

Was hilft bei Makula-Degeneration? Ärzte Zeitung online vom 1. Dezember 2014

Evans JR. Ginkgo biloba extract for age-related macular degeneration. Cochrane Database Syst Rev 2013; CD001775

Piccardi M et al. A longitudinal follow-up study of saffron supplementation in early age-­related macular degeneration: sustained benefits to central retinal function. Evid Based Complement Altern Med 2012; 429124

Falsini B et al. Influence of saffron supplementation on retinal flicker sensitivity in early age-related macular degeneration. Invest Ophthalmol Vis Sci 2010, 51(12):6118-6124

Mittel für die Sehkraft: Wenig ersichtlich. Test (Stiftung Warentest) Nr. 2/2016


Das könnte Sie auch interessieren

Lutein, Zeaxanthin und Omega-3-Fettsäuren können einer AMD nicht vorbeugen

Erhalten Nahrungsergänzungsmittel das Sehvermögen?

Was nützen Multivitamine bei Makuladegeneration und Katarakt?

NEM bei AMD

Fortbildung für Senior-Pharmazeuten in Nordrhein

Mittel gegen die Makuladegeneration

Erhöhte Zufuhr ist mit geringerer Inzidenz altersabhängiger Makuladegeneration assoziiert

Calcium für die Augen

Beratungswissen zu Provitamin A

Veganer im Fokus

0 Kommentare

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.