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Mehr als das persönliche Gespräch mit dem Patienten

PerMediCon – Personalized Medicine Convention

KÖLN (iz). Süddeutsche, FAZ, Spiegel – überall waren kürzlich Artikel zur "Personalisierten Medizin" zu lesen. Meist unter dem Tenor, dass die derzeitige Medizin eh "personalisiert" sei und sich ja schließlich der Arzt sehr wohl um den Patienten als Menschen, als Person kümmert und dass das, was die Industrie unter "personalisierter Medizin" subsummiert, nichts als leere Versprechungen sind. Dies kann nur als eine sehr eingeschränkte Sicht gewertet werden, die dem Anliegen dessen, was man heute unter "Personalisierter Medizin" versteht, in keiner Weise gerecht wird. In Köln kamen vom 19. bis 20. Juni bereits zum dritten Mal international renommierte Experten zusammen, um sich im Rahmen eines Fachkongresses mit der Komplexität der "Personalisierten Medizin" umfassend auszutauschen.
Biomarker können an verschiedenen Punkten der Diagnose und Therapie einer Erkrankung hilfreich sein: Zum einen können sie eine Patientengruppe in verschiedene Risikogruppen einteilen, sie können aber auch bei der Auswahl eines bestimmten Wirkstoffes und schließlich bei der Bestimmung der geeigneten Dosierung des Wirkstoffes eingesetzt werden.

Die PerMediCon bietet sehr unterschiedliche Plattformen wie Podiumsdiskussionen oder Innovationsforen, in denen sich Wissenschaftler, Mediziner, Industrievertreter, Patienten und Vertreter von Krankenversicherungen austauschen können. Erstmals in diesem Jahr konnten junge Unternehmer einzelne, zum Teil sehr interessante Projekte zum Thema "Personalized Medicine" vorstellen. Insgesamt wurde allerdings deutlich, dass sich sehr viel im Bereich Diagnostik abspielt: Können genetische Prädispositionen oder Biomarker identifiziert werden, die beispielsweise einen Hinweis geben, ob jemand an Typ-2-Diabetes oder Alzheimer erkranken wird, bevor derjenige erste, teils irreversible Schäden davonträgt? Könnte man dadurch nicht frühzeitig Präventionsmaßnahmen ergreifen, die eventuell wesentlich preisgünstiger sind als spätere, langwierige und möglicherweise ineffiziente Therapien? Auch im Erkrankungsfall können entsprechende Biomarker oder Gen-Analysen helfen, die richtige Therapie auszuwählen, um den Erfolg zu kontrollieren. Beispielsweise sind bereits etliche genetische Polymorphismen bekannt, die dazu führen, dass einige Typ-2-Diabetiker nicht auf Sulfonylharnstoffe ansprechen.

Während des Kongresses wurde deutlich, dass sich sehr viel auf dem Gebiet der Onkologie tut. Hatte man früher Tumore recht einheitlich mit "Stahl, Strahl und Chemotherapie" attackiert, wird heutzutage immer häufiger das Tumorgewebe molekularbiologisch umfassend analysiert, um mit zielgerichteten Therapien genau die Zielstrukturen zu treffen, die für die Entartung der Tumorzelle verantwortlich sind. Angefangen hatte diese Art der Therapie mit Imatinib, das sehr spezifisch das Fusionsprotein BCR-ABL bei chronisch-myeloischer Leukämie (CML) inhibiert. Auch der Antikörper Trastuzumab ist ein bekanntes Beispiel für eine dieser zielgerichteten Arzneimitteltherapien. Und je genauer man sich die Mutationen innerhalb von Tumorzellen ansieht, desto mehr Zielstrukturen werden identifiziert. Mittlerweile sind 23 personalisierte Medikamente auf dem deutschen Markt, die erst nach einer entsprechenden Testung des Patienten eingesetzt werden dürfen bzw. sollen.

Im Rahmen des Panels "Next Generation Gensequenzierung: Diagnostik für eine personalisierte Medizin" wurde sehr eindrücklich gezeigt, dass sich inzwischen bei Lungenkrebs durch Sequenzierung des Tumorgenoms und Vergleich mit dem Genom von Normalgewebe etliche neue Zielstrukturen detektieren lassen, die dann in neue Therapieoptionen integriert werden können. Folgert man aus diesem Ansatz jedoch, dass die "Personalized Medicine" auf eine "genomische Medizin" reduziert werden könnte, ist das viel zu eng gegriffen. Bei der "Personalized Medicine" wird eben nicht nur auf das individuelle Genom geschaut, sondern auch auf andere, individuelle Besonderheiten, wie beispielsweise bei der Anwendung von Natalizumab bei multipler Sklerose auf eine mögliche Infektion des Patienten mit dem JC-Virus, um eine progressive multifokale Leukenzephalopathie zu vermeiden. Gerade in der Onkologie gibt es darüber hinaus auch weitere Ansätze, dem Patienten eine sehr individuelle Therapie anzubieten: Seien es spezifisch auf "seinen" Tumor ausgerichtete Peptide für eine Immunisierung, um mögliche Metastasen über das eigene Immunsystem bekämpfen zu können, oder aber gezüchtete Mikrotumoren aus Biopsiematerial, um gezielt den möglichen Erfolg verschiedener Chemotherapieschemata im Vorfeld der eigentlichen Therapie zu testen. Auch die mittlerweile sehr ausgeklügelten bildgebenden Verfahren helfen dabei, Patienten-spezifisch die richtigen Therapieentscheidungen zu treffen.

Biomarker und eine Flut von Daten

Die Möglichkeiten der individualisierten Therapie, die auf der PerMediCon vorgestellt wurden, sind enorm, und man kann eigentlich als Patient recht hoffnungsfroh darüber sein, was schon alles umgesetzt wird und zukünftig auch noch umgesetzt werden kann. Gerade was die Prävention und Prognose komplexer Krankheitsbilder angeht, steht und fällt die Entscheidungsfindung jedoch mit der Aussagekraft und Qualität der verwendeten Biomarker. Und um einen Patienten wirklich umfassend individualisiert behandeln zu können, müssen natürlich alle bereits ermittelten Daten standardisiert zusammengeführt und verfügbar sein. Eine immense Aufgabe! Spätestens an diesem Punkt tauchen die Bedenkenträger auf, die vor dem "gläsernen Patienten" warnen und nach ausreichendem Datenschutz rufen. Abgesehen von der Datenmenge, die irgendwie und irgendwo sicher aber doch auch abrufbar abgelegt werden muss, sollte zusätzlich das Untersuchungsmaterial der Patienten in Form von Biobanken gespeichert und sicher verwaltet werden. Wie soll man diese Probleme lösen? Sind dafür neue Gesetze notwendig? Fragen, die noch nicht wirklich abschließend lösbar sind, und doch kritisch auf der Fachmesse diskutiert wurden.

Die übersichtlichere Variante

Im Vergleich zu den Daten, die für eine "Personalized Medicine" bei verschiedenen Krankheiten gesammelt werden, sind die Informationen, die man für eine sichere Arzneimitteltherapie benötigt, relativ überschaubar. Kennt man Pharmakokinetik und -dynamik eines Wirkstoffes, lässt sich "recht schnell" auf genetische Polymorphismen der beteiligten Proteine innerhalb einer Bevölkerungsgruppe überprüfen. Die Menge an Informationen, die hierfür mittlerweile zur Verfügung steht, ist bereits enorm (siehe http://www.pharmgkb.org/). Auf der PerMediCon war die Sicherheit von Arzneimitteltherapien kein sehr dominantes Thema. Das Innovationsforum "Personalisierte Medizin – Medizin ohne Nebenwirkungen?! Vision und Realität der Pharmakovigilanz" zeigte aber doch, dass im Prinzip bei der "Personalized Medicine" etliche Möglichkeiten zur Reduktion der Nebenwirkungen vorhanden sind. Allerdings müssen dafür die auftretenden Nebenwirkungen registriert und ebenfalls bestimmten Biomarkern oder genetischen Polymorphismen zugeordnet werden. Der Knackpunkt dabei ist, dass die Meldung von Nebenwirkungen, die nicht während Klinischer Studien auftreten, sehr nachlässig gehandhabt wird: Ärzte haben dafür keine Zeit und Patienten sind oft nicht willens, sich nochmals mit den unangenehmen Nebenwirkungen auseinanderzusetzen.

Last but not least: Wie steht es mit den Kosten?

Next-Generation Genom-Sequenzierung, hochauflösende bildgebende Verfahren, mehr oder weniger aufwendige qualitätsgesicherte Tests, Hochleistungsrechner für die Datenanalyse und -speicherung, Biobanken – all das sind Faktoren, die für eine "Personalized Medicine" wichtig und nötig sind und sicherlich die Kosten in die Höhe treiben werden. Auch bei der PerMediCon, bei der etliche Vertreter von Krankenversicherungen an den Podiumsdiskussionen teilnahmen, wurde die Kostenfrage angesprochen. Allerdings kann niemand genau sagen, wie teuer letztlich der Aufwand in der Routine wird. Denn sicherlich ist es nicht mehr nötig, gesamte Genome von Tumorgeweben zu analysieren, wenn man aussagekräftige Kandidaten identifiziert hat. Und letztlich muss man diesen Diagnostik-Kosten auch die Kosteneinsparungen gegenrechnen, die daraus resultieren, dass man Patienten, die von einer Therapie nicht profitieren können, diese erspart, u. U. mit einem deutlichen MEHR an Lebensqualität.

Ausblick

Es bleibt auf jeden Fall spannend auf dem Gebiet der "Personalized Medicine", "individualisierten Medizin" oder wie man sie auch immer bezeichnen mag, und es bleibt auch noch viel zu erforschen und zu diskutieren. Neue Aspekte werden sicherlich im nächsten Jahr auf der PerMediCon angesprochen werden, die vom 18. bis 19. Juni 2013 in Köln stattfinden wird.



DAZ 2012, Nr. 26, S. 35

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