DPhG

SHIP und GANI_MED

Prof. Dr. Heyo K. Kroemer von der Abteilung Allgemeine Pharmakologie am Zentrum für Pharmakologie und Experimentelle Therapie der Universität Greifswald hat mit seiner groß angelegten Populationsuntersuchung SHIP in Vorpommern eine wichtige Grundlage für die Fortentwicklung der individualisierten Medizin in Deutschland geschaffen. Erfahrungen mit der klinischen Anwendung werden derzeit in seinem neuen Projekt GANI_MED gesammelt.

Inhaltsverzeichnis: DPhG-Jahrestagung

Heyo K. Kroemer
Foto: DAZ/hb

Mit der personalisierten Medizin wird angestrebt, die Effektivität einer Behandlung unter Zuhilfenahme modernster Diagnostik und durch Einsatz neuer, individuell auf die Bedürfnisse des Patienten ausgerichteter Therapieverfahren zu steigern, unerwünschte Effekte zu vermeiden, damit die Effizienz zu erhöhen und letztendlich auch vermeidbare Kosten zu reduzieren. Für eine breite Anwendung in der Praxis ist eine Reihe von Voraussetzungen zu erfüllen (siehe Kasten).

Großangelegte Datenerhebung notwendig

Eine davon ist die möglichst umfassende Kenntnis aller relevanten Krankheitsfaktoren und ein Verständnis ihres Zusammenwirkens. Hierfür müssen vielfältige Daten wie Umweltfaktoren, Lebensführung und sozioökonomischer Status, Gene, körperliche und psychische Verfassung sowie medizinische Behandlungen erfasst werden, wobei pharmakogenetischen Untersuchungen eine zunehmende Bedeutung beigemessen wird. Die erforderlichen Daten müssen in Populationsuntersuchungen erhoben werden. Eine solche ist die von Kroemer durchgeführte Study of Health in Pomerania (SHIP). In der Region Vorpommern werden in mehreren Stufen (SHIP-0, SHIP-1 und SHIP-2) zwischen 1997 und 2011 Daten zur Inzidenz und Prävalenz häufiger Risikofaktoren und Erkrankungen dokumentiert und deren Assoziationen und Interaktionen ausgewertet. Vorpommern ist deswegen von besonderem Interesse, weil für die Bevölkerung im Nordosten Deutschlands im Vergleich mit anderen Landesteilen eine geringere Lebenserwartung und ein deutlich erhöhtes kardiovaskuläres Risiko festgestellt wurden.

Personalisierte Medizin


Voraussetzungen für die Umsetzung

  • Daten aus der Normalbevölkerung,
  • Krankheitskohorten,
  • Biobanking (DNA, Gewebe)
  • Analytik und Diagnostik,
  • Bioinformatik
  • Medizininformatik (digitales Klinikum)

Umsetzung in die Klinik mit GANI_MED

Mit dem GANI_MED-Konsortium soll nun die Translation der Erkenntnisse aus SHIP in die Klinik erfolgen. Im "Greifswald Approach to Individualized Medicine" haben sich universitäre, außeruniversitäre und industrielle Partner aus dem In- und Ausland in einem breiten, interdisziplinären Ansatz zusammengefunden. Die Laufzeit des Projektes geht von Oktober 2009 bis September 2014. Initiator ist erneut die Universität Greifswald, die mit den Ergebnissen aus SHIP über die notwendigen Basisdaten zum Gesundheitszustand eines repräsentativen regionalen Bevölkerungsquerschnitts verfügt.

Das Konsortium, das von Kroemer koordiniert wird, zeichnet sich vor allem durch eine umfassende Herangehensweise aus, die in dieser Form bislang einmalig ist. Im Strukturbereich sollen die Kapazität und die Kompetenz der Biobank sowie der Bioinformatik und Medizininformatik erhöht werden. Darüber hinaus soll hier eine professionelle, wissenschaftliche Organisationsstruktur für die Belange der individualisierten Medizin entwickelt werden.

Drei Projektbereiche

Im Projektbereich 1 von GANI_MED werden vorhandene moderne bioanalytische Verfahren, vor allem im Bereich von Proteomics, Metabolomics und Pharmacogenomics, systematisch weiterentwickelt und für Untersuchungen von Biomaterialien eingesetzt, mit dem Ziel, neue Biomarkerkandidaten zu entdecken und zu validieren. Das Ziel ist eine vollautomatisierte Biobank mit einer ebenfalls vollautomatischen Auslesung. Hiermit könnten auch ganz seltene Genotypen identifiziert werden. Kroemer hält die Krankenhausinformatik in Deutschland übrigens für vollkommen unterentwickelt und geht davon aus, dass speziell die Metabolom-Analyse wegen der kurzen Messzeit und der hohen Informationsdichte in Zukunft eine wesentlich größere Rolle spielen wird.

"Personalisierte Medizin ist der Versuch, jedem Patienten die richtige Arznei in der richtigen Dosis zum richtigen Zeitpunkt zu verabreichen."


Prof. Dr. Heyo K. Kroemer

Im Projektbereich 2 werden mehrere Patientenkohorten für häufig vorkommende Erkrankungen gebildet. Außerdem wird eine Kohorte an einem noch nicht vollständig etablierten Krankheitsbild aufgebaut (Fettleber). Diese vorab exakt definierten Patientenkohorten sollen mit gesunden Probanden aus SHIP verglichen werden. Dabei soll eine umfassende Charakterisierung des Risikoprofils, des klinischen Phänotyps, des Proteom-, Transkriptom- und Metabolommusters von Biomaterialien und des Genotyps erfolgen, um evidenzbasiert individuelle diagnostische Strategien zu entwickeln.

Der Projektbereich 3 befasst sich mit ethischen, kulturellen, rechtlichen und ökonomischen Fragen, die mit GANI_MED generiert werden. Kroemer hält gerade diesen Bereich für extrem wichtig, da hier bislang kein interdisziplinärer Ansatz vorhanden ist. Angestrebt wird die Entwicklung eines eigenen Ethikkonzeptes für die individualisierte Medizin.

Da die personalisierte Medizin klinische und analytische Fragestellungen miteinander verknüpft, sieht Kroemer hier gerade für Pharmazeuten ein attraktives Betätigungsfeld. hb

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.

DAZ.online mit Werbung und Tracking

Nutzen Sie den Newsbereich von DAZ.online wie gewohnt kostenlos. Alle Details zu unseren Werbe- und Trackingverfahren finden Sie hier.

DAZ.online – ohne Tracking

Nutzen Sie DAZ.online ohne verlagsfremde Werbung und ohne Werbetracking für 9,80 Euro pro Monat.
Alle Details zu unserem DAZ.online PUR-Abo finden Sie hier.

Jetzt DAZ.online PUR-Zugang buchen

(Sie können Ihren DAZ.online PUR-Zugang jederzeit kündigen.)