Feuilleton

Auf Leben und Tod – Geburt und Entbindungskunst

Hier wird im Zimmer einer Wöchnerin die glückliche Geburt gefeiert, dort trägt ein geflügeltes Skelett ein Baby aus der Wiege davon. Eine Geburt bedeutete bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein großes Risiko: Statt neuem Leben brachte sie oft ein jähes Ende von Mutter und Kind. Das Ringen um das Leben bei einer "schweren Geburt" ist das Hauptthema einer Sonderausstellung, die bis zum 30. August 2009 im Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt zu sehen ist.
Diptam (Dictamnus albus) – eine traditionelle Heilpflanze der Hebammen.
Foto: Krämer

Nicht nur Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett sind "Frauensache", auch die Geburtshilfe ist traditionell eine Angelegenheit von Frauen gewesen. Obwohl der Volks- und Aberglauben hier eine große Rolle spielte, wie Wehenfläschchen mit Reliquien oder Opferkröten als Symbol für die Gebärmutter dokumentieren, verfügten die Hebammen über Fachkenntnisse, wie die seit dem 15. Jh. bestehenden städtischen Hebammenordnungen belegen. Schon ab dem 13. Jh. waren sie verpflichtet, in Notfällen die Nottaufe zu vollziehen. Wenn der Fötus im Geburtskanal feststeckte, verwendeten sie dazu eine Taufspritze, die zu ihrer Ausrüstung gehörte. Wenn möglich, rief die Hebamme bei einer schweren Geburt einen Chirurgen zu Hilfe, der versuchte, wenigstens das Leben der Mutter zu retten, indem er den Fötus mit Instrumenten zerstückelte und so aus ihrem Leib entfernte.

Dem "Männerblick", wie ein Teil der Ausstellung überschrieben ist, waren die Vorgänge von Schwangerschaft und Geburt lange Zeit verborgen. Wenn der Medicus versuchte, durch die Harnschau eine Schwangerschaft zu diagnostizieren, betrug die Trefferquote nur 50% …

Einen ersten Blick in den Körper warfen ab dem 14. Jh. die Anatomen an den Universitäten. Sie sezierten die Leichen von ledigen Schwangeren, die Selbstmord begangen hatten, und vereinzelt auch andere "interessante Leichen", die für die Anatomie freigegeben wurden. Dennoch lernten Medizinstudenten keine Gebursthilfe; nur der Chirurg oder Wundarzt konnte bei Geburtskomplikationen helfen.

Ab dem 18. Jh. wurden bei den Universitäten Gebärhäuser oder Entbindungsanstalten eingerichtet, in denen ledige Schwangere kostenlos aufgenommen wurden und sich dafür als "Untersuchungsmaterial" zur Verfügung stellten. Hier wurden herkömmliche Instrumente wie die Geburtszange systematisch weiterentwickelt. Hinzu kamen z. B. Instrumente zur Vermessung des Beckens, dessen oft rachitisch bedingte Verformungen die häufigste Ursache für eine schwere Geburt waren. Für den Unterricht in der Geburtshilfe wurden unterschiedlichste Modelle aus Wachs, Holz oder Pappmaché gefertigt, beispielsweise die Muttermundmodelle, an denen die Veränderungen während der Geburt getastet werden konnten.

Unter dem Thema "Tod im Leben" informiert ein Teil der Ausstellung über die sehr seltenen "Steinkinder". Sie entstehen, indem ein toter Fötus im Uterus verbleibt und Kalk aufnimmt, wobei er sich allmählich verhärtet. Das Steinkind von Leinzell trug seine Mutter 46 Jahre lang bis zu ihrem Tod in sich. Danach, im Jahr 1720, gelangte es in die herzogliche Kunstkammer in Stuttgart.

Häufiger war das Phänomen "Leben im Tod", also ein lebender Fötus in einer toten Mutter. Er musste durch eine sofortige "Sectio in mortua", einen Kaiserschnitt an der Toten, herausgeholt werden, um wenigstens eine Nottaufe zu erhalten. Der Kaiserschnitt an der lebenden Mutter konnte erst nach der Etablierung der Anästhesie und der Asepsis zum Standardverfahren bei einer schweren Geburt werden. Vorher bedeutete er höchste Lebensgefahr für die Schwangere und wurde nur sehr selten durchgeführt.

Ergänzt wird die Ausstellung durch den Arzneipflanzengarten, in dem bestimmte Pflanzen, die während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (volks-) medizinisch angewandt wurden, gekennzeichnet sind. So sollte beispielsweise der Diptam die Monatsblutung verstärken und die Nachgeburt austreiben. Die Blüten der Königskerze oder Wollblume waren ein wichtiger Bestandteil von Hebammensalben und sollten den Wochenfluss fördern. Nachwehen linderten die Hebammen mit Lavendel. Im umfassenden, sehr informativen Katalog sind weitere Anwendungsgebiete genannt.

Dr. Karin Krämer
Deutsches Medizinhistorisches Museum
Anatomiestraße 18 - 20, 85049 Ingolstadt
Tel. (08 41) 3 05 28 60, www.dmm-ingolstadt.de
Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10 – 17 Uhr
Katalog: 98 S., 12,– Euro (nur im Museum)
Justina Siegmund (1636 –1705) Autorin eines seinerzeit berühmten Lehrbuchs für Hebammen.
"Es kumpt über zwarch …" Schwangere mit quer liegendem Fötus. Aus: Pseudo-Albertus Magnus, De secretis mulierum, Ende 15. Jh., Universitätsbibliothek Erlangen, Ms. B 33.

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