Arzneimittel und Therapie

Schwangerschaftsdiabetes: Mehr gesunde Babys durch Screening?

Ein in der Schwangerschaft auftretender Diabetes mellitus stellt nicht nur einen Risikofaktor für eine späteren Diabetes der Mutter dar, sondern kann auch beim Kind zu schwerwiegenden Problemen, hauptsächlich während der Geburt, führen. Bisher ist noch nicht systematisch untersucht worden, ob ein Screening und eine intensive Betreuung der Schwangeren mit erhöhten Blutzuckerspiegeln diese Risiken vermindern kann. Aus einer kürzlich veröffentlichten großen australischen Studie stehen nun erstmalig Daten zu dieser Problematik zur Verfügung.

Die randomisierte klinische Studie (ACHOIS = Australien Carbohydrate Intolerance Study in Pregnant Women) wurde durchgeführt um herauszufinden, ob bei Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes das Risiko für perinatale Komplikationen gesenkt werden kann, wenn sie eine besondere Betreuung erfahren. Zwischen der 24. und 34. Schwangerschaftswoche wurden die Studienteilnehmerinnen in zwei Gruppen randomisiert.

Den 490 Frauen der Interventionsgruppe war die Diagnose einer gestörten Glucosetoleranz mitgeteilt worden. Sie erhielten eine individuelle Ernährungsberatung, gegebenenfalls eine Insulintherapie und wurden in der Selbstbestimmung der Blutzuckerwerte geschult. Die Zielwerte für die Blutzuckerspiegel lagen nüchtern zwischen 63 und 99 mg/dl, präprandial bei maximal 99 mg/dl und zwei Stunden postprandial bei maximal 126 mg/dl. Den 510 Frauen der Kontrollgruppe wurde die übliche Routinebetreuung in der Schwangerschaft zuteil. Sie hatten die Diagnose "kein Schwangerschaftsdiabetes" mitgeteilt bekommen. Die primären Endpunkte der Studie waren schwerwiegende Komplikationen unter der Geburt (Tod, Schulterdystokie, Knochenbrüche und Nervenlähmung), die Aufnahme des Kindes auf eine Neugeborenenstation, ein phototherapiepflichtiger Ikterus, eine Weheneinleitung, Kaiserschnitt, Angstzustände und Depressionen der Mutter sowie der Gesundheitszustand.

Intensive Betreuung senkt Komplikationsrate

Die Rate schwerwiegender perinataler Komplikationen war in der Interventionsgruppe signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe (1% vs. 4%). Todesfälle traten nur in der Kontrollgruppe auf (fünf tot geborene bzw. nach der Geburt verstorbene Kinder). Es wurden jedoch mehr Säuglinge von Frauen aus der Interventionsgruppe auf eine Neugeborenenstation aufgenommen (71% vs. 61%), auch erfolgte bei diesen Frauen signifikant häufiger als bei Frauen der Kontrollgruppe eine künstliche Geburtseinleitung (39% vs. 29%). Die Kaiserschnittraten waren in beiden Gruppen relativ hoch, jedoch vergleichbar (31% bzw. 32%).

Drei Monate nach der Entbindung zeigten die von insgesamt 573 Frauen verfügbaren Daten über die Stimmungslage und den Gesundheitszustand niedrigere Depressionsraten und einen besseren Gesundheitszustand in der Interventionsgruppe an.

Ab wann bringt eine Behandlung Nutzen?

Die Studie hat erstmalig gezeigt, dass durch die Behandlung eines Schwangerschaftsdiabetes schwerwiegende perinatale Komplikationen bei den Neugeborenen verringert und darüber hinaus die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Mütter verbessert werden kann. Die Autoren merken dazu an, dass zur Verringerung der Komplikationsrate unter der Geburt in der Interventionsgruppe auch die Tatsache beigetragen haben kann, dass bei diesen Frauen die Geburt häufiger eingeleitet wurde und dadurch das Gestationsalter zum Geburtstermin niedriger war als in der Kontrollgruppe. Kritiker der Studie halten es zudem für ethisch bedenklich, dass die Schwangeren der Kontrollgruppe, auch wenn sich ihre Werte nahe an der diabetischen Stoffwechsellage befanden, die Auskunft "kein Gestationsdiabetes" erhalten hatten und sich dadurch in falscher Sicherheit geglaubt haben könnten. Unklar bleibt nach dieser Studie weiterhin, ab welchem Blutzuckerspiegel eine Behandlung der Schwangeren sinnvoll erscheint. In Deutschland ist ein Diabetes-Screening in den Mutterschafts-Richtlinien noch nicht enthalten.

Ein in der Schwangerschaft auftretender Diabetes mellitus stellt nicht nur einen Risikofaktor für eine späteren Diabetes der Mutter dar, sondern kann auch beim Kind zu schwerwiegenden Problemen führen. Diese Risiken können durch ein Screening und eine intensive Betreuung der Schwangeren vermindert werden.

Definition Schwangerschaftsdiabetes

In der zweiten Schwangerschaftshälfte kommt es zu einer Insulinresistenz, die in den meisten Fällen durch eine erhöhte Insulinausschüttung kompensiert wird. Kann die Insulinsekretion nicht ausreichend erhöht werden, tritt ein Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes) auf. Nach der WHO-Definition wird darunter jede gestörte Glucosetoleranz mit Hyperglykämie unterschiedlichen Ausmaßes, die erstmalig in der Schwangerschaft auftritt oder erkannt wird, verstanden.

Schwangerschaftsdiabetes: kontroverse Diskussion in Deutschland

Empfehlung der Deutschen Diabetes Gesellschaft: Die Deutsche Diabetes Gesellschaft empfiehlt ein Screening aller Schwangeren zwischen der 24. und 28. Woche. Als Grenzwert eines behandlungsbedürftigen Gestationsdiabetes wird ein Plasmaglucose-Nüchternwert im oralen 75-g-Glucosetoleranztest (OGTT) von mindes-tens 95 mg/dl, ein 1-Stunden-Wert von mindestens 180 mg/dl und ein 2-Stunden-Wert von mindestens 155 mg/dl angesehen, wobei mindestens zwei Werte erreicht oder überschritten sein müssen.

Stellung des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen:

In einer Bekanntmachung aus dem Jahre 2003 hat der Gemeinsame Bundesausschusses mitgeteilt, dass die Beratungen zum Thema "Screening auf Gestationsdiabetes" aufgrund des Mangels an validen Daten aus Studien ausgesetzt werden, bis solche vorliegen.

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