Wirtschaft

DAX: Die Situation wird eskalieren

US Notenbank stützt Anleihenmarkt und übt sich derweil in Zweckoptimismus

(hps). Wer den Zinssatz fast bis auf Null absenkt, besitzt am Ende nicht mehr allzu viele Pfründe, mit denen man noch wuchern könnte. Nun also sollen es noch einmal 1 Billion Dollar sein, die die US-Notenbank zur Stützung des Finanzsystems in den Markt pumpt. Aber macht nichts, mögen sich die Amerikaner sagen – ist ja letztlich überwiegend das Geld der Chinesen.

Die aktuelle Marktlage

Auslöser der jüngsten Kurserholung an der Frankfurter Börse waren Berichte über mehrere US-Banken, nach denen die Institute in den ersten zwei Monaten des Jahres wieder Geld verdient haben sollen. Wo genau die Gewinne gemacht wurden, etwa bei den Gebühren aus Emissionstätigkeit im Anleihenmarkt oder nur durch Buchwerte infolge einer Höherbewertung von Schrottpapieren, blieb unklar.

Aus fundamentaler Sicht scheint sich unterdessen das Wirtschaftsszenario eher noch zu verdüstern. Furore machte dabei letzte Woche eine Analyse von Goldman Sachs. Das Investmenthaus geht laut seiner jüngsten Studie für Deutschland in 2009 von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 5,2 Prozent aus. Was wiederum überhaupt nicht mit dem ZEW-Index der europäischen Wirtschaftsforschung in Einklang zu bringen ist. Die Experten halten hier die wirtschaftliche Talsohle bereits im Sommer für überwunden. Neuerdings mimt auch die US-Notenbank den überzeugten Optimisten. "Nächstes Jahr werden wir den Beginn einer Erholung sehen", war letzte Woche von FED-Chef Bernanke zu hören. Diese zur Schau getragene Euphorie mag damit in Zusammenhang stehen, dass die Chinesen als größte Gläubigernation der USA inzwischen mehr oder minder offen die Bonität Amerikas anzweifeln. Diesen Verdacht dürfte auch so mancher Anleger hegen. Die Kapazitätsauslastung der US-Industrie sank jedenfalls im Februar auf den tiefsten Stand seit 1967. Gleichzeitig beklagte American Express für den gleichen Monat eine Zunahme der Ausfälle im Kreditkartengeschäft und der US-Häusermarkt musste erneut einen Anstieg bei den Zwangsvollstreckungen verkraften. Aufschwung, wo bist du?

Aus der Perspektive der Analysten

Nach dem wiederholten Überwinden der 4000er Marke sieht das Stuttgarter Bankhaus Ellwanger & Geiger jetzt für den DAX noch Raum nach oben. Dabei erhoffen sich die Stuttgarter auch Unterstützung von einer möglichen Null-Prozent-Zinspolitik durch die EZB. Von einem Level der "strategischen Wende" spricht die Hessische Landesbank beim DAX und verspricht sich davon weitere Kursgewinne. Viele Analysten bleiben allerdings trotz des jüngsten Kursanstiegs wegen der schlechten Rahmendaten skeptisch. Nur eine "Bärenmarktrallye" – so lautet das Votum unter anderem von Experten der LBBW, Commerzbank und der WestLB.

Musterdepot und Strategie

Das Engagement im ThyssenKrupp Put war bislang ein Nullsummenspiel. Dennoch darf man als Bär zuversichtlich bleiben. Mehr noch: Es empfiehlt sich der Ausbau weiterer Put-Engagements. Das Musterdepot tut dies mit einem Put auf den Stahlwert Salzgitter (Citigroup, Basis 40, WKN CG3BGX), Metro (Citigroup, Basis 22, WKN CG3VJZ), der äußerst schwachen Bayer (Citigroup, Basis 35, WKN CG3USY) und BMW (Citigroup, Basis 22, WKN CG3EGL). Diese Werte zeichnen sich durch eine relative Schwäche im Verhältnis zum DAX aus. Alle Optionsscheine haben eine Laufzeit bis Mai. DAX am 19. März (12.30 h): 4055 Punkte.


Aus der Sicht des Querdenkers


Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) versprüht Zuversicht. Die Talsohle soll bereits im Sommer dieses Jahres erreicht sein, liegt also quasi um die Ecke. Nur: Warum sah sich dann BMW auf der Bilanzpressekonferenz letzten Dienstag außerstande, einen Ausblick anzubieten? Und wie soll das mit der Aussage von Luxemburgs Ministerpräsident und Chef der EU-Gruppe Juncker zusammengehen, der für Europa eine Massenarbeitslosigkeit erwartet – eine Bedingung, unter der wohl schwerlich ein Aufschwung zustande kommen dürfte?

Mit diesem zur Schau getragenen Optimismus, so lässt sich erahnen, werfen die politisch Verantwortlichen nur Nebelkerzen. Er entbehrt jeder Grundlage. Müssen denn nicht alle Alarmglocken angehen, wenn inzwischen die ersten Anleihenschuldner ihre Zinszahlungen einstellen? Oder wenn ein chinesischer Ministerpräsident Jiabao sagt, er sei "ein bisschen besorgt" um die Sicherheit chinesischer Anlagen in US-Staatsanleihen? Zugegeben – vielleicht auch nur Säbelrasseln. Aber jetzt nur mal so in die Runde geworfen: Kann es sein, dass die Chinesen durch massive Einkäufe in Sachwerte – wie z. B. in Rohstoffminen – dem Worst-Case-Szenario einem möglichen Währungsbankrott im US-Dollar vorbeugen wollen?

Die institutionellen Anleger treiben jedenfalls scheinbar unbeeindruckt die Börsen in die Höhe. Da bejubelt man die Unternehmensführung von General Motors, die mit stolzgeschwellter Brust kundtut, dass sie bis Monatsende – gemeint ist März – keinen neuen Kapitalbedarf mehr habe. Oder die neue, 1 Billion Dollar starke Spritze der US-Notenbank für den Aufkauf von US-Anleihen (300 Milliarden für Staatsanleihen, 700 Milliarden für hypothekenbesicherte Anleihen) zur Stützung der Märkte. Sinnbild der Hilflosigkeit der Geld- und Finanzpolitik gegenüber diesem Moloch an Krise. Wer unter solchen Vorzeichen den DAX bis auf über 4000 Punkte hochtreibt, ist wirklich ausgesprochen mutig. Denn ausgestanden ist hier in der Wirtschaft noch gar nichts. Aber vielleicht wird damit ja auch gerade die Ausgangslage für das Ereignis geschaffen, das wir seit Langem herbeisehnen: Den finalen Ausverkauf an der Börse.


Peter Spermann


Peter Spermann ist Dozent für Wirtschaftslehre und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit der Börse. In der AZ-Rubrik "Querdenker" vertritt er konsequent den Standpunkt des Antizyklikers.

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