Wirtschaft

DAX: "Time Out" bei Kursen unter 4700 Punkten

Gegenwehr der Optimisten lässt nach – Berichtssaison als Zünglein an der Waage?

(hps). Optimismus "auf Sichtweite" – so könnte man die Strategie der Optimisten nennen. Am Parkett wird derzeit kurzfristig alles honoriert, was Hoffnung macht. Bis hin zu den schlechten Nachrichten, die ja dazu prädestiniert sind, auf Besserung hoffen zu dürfen. Und dabei hält man den Kopf am besten gesenkt, denn der Blick über den Tellerrand verspricht nichts Gutes.

Die aktuelle Marktlage

An der Börse müssen jetzt die Karten auf den Tisch gelegt werden, die Berichtssaison für das zweite Quartal steht an. Den Startschuss für den Zahlenreigen gibt traditionell Alcoa mit der Berichterstattung am 8. Juli. Das Parkett hat mit seinen satten Kursgewinnen schon einiges an positiver Wirtschaftsentwicklung vorweggenommen. Jetzt werden die Daten zeigen, inwieweit dies auch belegbar ist. Dabei wird sich das Augenmerk auf die Erwartungen der Unternehmen hinsichtlich des dritten Quartals richten. Als besorgniserregend könnte sich für das Parkett die mittelfristige Perspektive jener Analysten erweisen, die zwar für 2010, bedingt durch einen gewissen Nachholeffekt, mit einer Verbesserung der Wirtschaftslage rechnen, für die Jahre danach aber mit Auslaufen der Konjunktur-stützenden Maßnahmen die glanzlosen "Aufräumarbeiten" erwarten. Daraus lässt sich folgern, dass der Markt auch in den nächsten Monaten hauptsächlich von kurzfristig agierenden Investoren bestimmt werden dürfte. Entsprechend planlos erscheint auch das Agieren der Profis: Mal geraten die Börsen unter Druck, weil das amerikanische Verbrauchervertrauen infolge der schlechten Arbeitsmarktsituation einknickt, dann kehren tags darauf die Optimisten wieder zurück, beseelt von der Hoffnung, die Wirtschaft möge sich schon bald stabilisieren. Aussagekräftige Fundamentaldaten, die letzteres erhärten könnten, sind indes nach wie vor Mangelware.

Aus der Perspektive der Analysten

Die Charttechniker billigen dem DAX allenfalls ein Rückschlagpotenzial bis auf 4500 Punkte zu, vertrauen ansonsten aber der Stabilität der 200-Tage-Durchschnittslinie, die derzeit bei ca. 4700 Punkten liegt. Ansonsten gehen selbst optimistisch gestimmte Analysten vor der anlaufenden Berichtssaison vorsichtshalber in Deckung. Die Wahrscheinlichkeit eines deutlichen Kursrutsches stufen die meisten Experten allerdings als gering ein, wobei häufig 4500 Punkte als mögliche Haltemarke herumgereicht werden. Zur Begründung werden die alten Argumente angeführt: Hohe Liquidität und Anlagedruck der institutionellen Anleger.

Ernüchterndes aus den USA

6,3 Millionen Arbeitsplätze sollen in den USA innerhalb der letzten 19 Monate verloren gegangen sein. Die Arbeitslosenrate liegt derzeit bei ca. 9,5 Prozent, könnte sich aber nach Ansicht von Experten bis 2010 auf 12 Prozent erhöhen. Fakten, die jetzt auch Mitglieder der US-Notenbank (FED) dazu bewegen, Klartext zu sprechen. So z. B. Janet Yellen, die in der FED die Distriktnotenbank San Francisco vertritt. Yellen erwartet zwar für die USA eine wirtschaftliche Erholung, das Tempo der Erholung werde aber "frustrierend niedrig" sein. Sie befürchtet einen weiteren Rückgang bei den Beschäftigtenzahlen und leitet daraus für die US-Notenbank die Notwendigkeit ab, unter Umständen über einige Jahre die Null-Zins-Politik beizubehalten. Die Notenbankerin erteilte damit der Hoffnung auf eine schnelle Wirtschaftserholung, wie sie derzeit von der Börse gehegt wird, eine klare Absage.

Musterdepot und Strategie

BMW meldete letzte Woche schlechte Zahlen aus dem USA-Vertrieb. Im Verhältnis zu Daimler erscheint die Aktie überbewertet. Zum dritten Mal wird ein Put-Schein des Münchener Autobauers aufgenommen, diesmal vom Emittenten Citigroup mit einer relativ langen Laufzeit bis September und einer ganz nah gewählten Basis von 27 Euro, was praktisch dem aktuellen Kursgeschehen entspricht.

DAX am 5. Juli (14.30 h): 4762 Punkte.


Musterdepot

Aktie
zum
Kurs
Tipp
vom
Kurs
aktuell
Veränderung
in %
Strategie
DWS Russia
74,38
14.01.
107,83
+ 45%
Verkauft 29.4.
ThyssenKrupp Put
0,12
28.01.
0,13
+ 8%
Verkauft 20.2.
Lufthansa Put
0,09
28.01.
0,10
+ 11%
Verkauft 20.2.
Telecom Put
0,48
04.02.
0,76
+ 58%
Verkauft 12.2.
RWE Put
0,25
04.02.
0,35
+ 40%
Verkauft 12.2.
Metro Put
0,12
25.02.
0,18
+ 50%
Verkauft 2.3.
ThyssenKrupp Put
0,11
11.03.
0,17
+ 29%
Verkauft 1.4.
M.A.N. Put 06/09
0,15
29.04.
0,22
+ 47%
Verkauft 14.5.
BMW Put 06/09
0,16
27.04.
0,48
+ 200%
Verkauft 14.5.
SAP-Put 08/09
WKN: GS10NS
1,30
04.06.
1,60
+ 91%
Verkauft 17.6.
BMW Put 08/09
WKN: CG4XRR
0,15
11.06.
0,31
+ 107%
Verkauft 24.6.
BMW Put 05/09
0,18
18.03.
0,00
Verlust
ausgebucht
Bayer Put
0,31
18.03.
0,00
Verlust
ausgebucht
Metro Put 05/09
0,13
18.03.
0,00
Verlust
ausgebucht
Salzgitter Put
0,28
18.03.
0,00
Verlust
ausgebucht
RWE Put
0,37
25.03.
0,00
Verlust
ausgebucht
SAP Put
0,08
01.04.
0,00
Verlust
ausgebucht
Deutsche Bank Put
0,32
01.04.
0,00
Verlust
ausgebucht
Metro Put 06/09
WKN: CM2JUG
0,21
16.04.
0,00
Verlust
ausgebucht
Deutsche Börse Put 06/09
WKN: CM1KEZ
0,26
20.04.
0,00
Verlust
ausgebucht
Caterpillar Put 06/09
WKN: CG3DFN
0,15
23.04.
0,00
Verlust
ausgebucht
RWE Put 06/09
WKN: AA1AE0
0,18
13.05.
0,00
Verlust
ausgebucht
Henkel Put 07/09
WKN: CM3PRW
0,02
21.05.
0,01
– 50%
Halten
Metro Put 09/09
WKN: DB94LX
0,18
28.05.
0,21
+ 17%
Halten
Henkel Put 08/09
WKN: CG4XXB
0,076
18.06.
0,03
– 60%
Halten
Salzgitter Put 09/09
WKN: CM2YZH
0,48
25.06.
0,48
+/– 0
Kaufen
Deutsche Bank 09/09
WKN: CB43VU
0,28
25.06.
0,03
+ 9%
Kaufen
BMW Put 09/09
WKN: CG4KMB
0,19
02.07.
neu
Kaufen
zum Vergleich:
DAX seit 8. 1.
4871,00
4762,00
– 2%
Die Angaben zu Aktienkäufen im Musterdepot und im Artikel sind nur fiktiv zu verstehen, es handelt sich dabei keinesfalls um Kaufempfehlungen.


Aus der Sicht des Querdenkers


Das Zeitfenster wird enger für die Optimisten. Die meisten bauen auf eine kurzfristige Wiedererstarkung der Konjunktur infolge der staatlichen Hilfspakete, befürchten aber gleichzeitig, dass sich nach deren Auslaufen – also möglicherweise schon im späten Jahresverlauf 2010 – ein wirtschaftliches Siechtum einstellen könnte. Dazwischen liegt eine Lücke, ein durch massive Staatsverschuldung finanzierter, konjunktureller Frühling. Eine Verschnaufpause auf Pump, wobei die Notenbanken mit ihrer Politik des billigen Geldes genau die Medizin verordnen, die den Patienten zuvor schon knapp an den Rand des Exitus gebracht hatte. Unterdessen ist der Zeitpunkt, an dem die Hilfsmaßnahmen zurückgefahren und die aufgelaufenen Defizite reduziert werden, absehbar. Dann müssen weltweit die Hypothekenschulden abbezahlt werden, die Abgabenlast wird fast überall auf dem Globus in der ein oder anderen Form steigen.

Damit stellt sich die Frage, ob die Optimisten tatsächlich noch viel stärker aufs Gaspedal drücken werden, wenn sie schon kurz danach – unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Börse die realwirtschaftlichen Geschehnisse in der Regel ein halbes Jahr vorwegnimmt – schon wieder das Bremsmanöver einleiten müssen. Wahrscheinlicher ist es, dass das Parkett auf absehbare Zeit von kurzfristig orientierten Tradern beherrscht wird, die zwar einerseits einem gewissen Anlagedruck unterworfen sind, andererseits aber aus den Quartalsberichten der Unternehmen kaum etwas herauslesen werden können, was den seit März aufgebauten, satten Kursaufschlag an den Weltbörsen rechtfertigen würde. Von dem Anlagenotstand getrieben, aber ohne jede innere Überzeugung, pushen die Optimisten den Index wieder nach oben, lassen dabei aber den Elan vermissen, der nötig wäre, um die 5000er Marke im DAX nachhaltig überwinden zu können. Auf der anderen Seite droht die 4700er-Unterstützungslinie (bzw. 8300 im Dow Jones), mit deren Fall es für den DAX dynamisch nach unten gehen dürfte. Betrachtet man die mühselige Kleinarbeit, in der der DAX seinen Anstieg in der letzten Woche zusammenstückelte, sollte man der 4700er Marke besser nicht allzu viel Vertrauen schenken. Der Auslöser dafür könnte in den anstehenden Quartalsberichten der US-Unternehmen liegen.


Peter Spermann

Peter Spermann ist Dozent für Wirtschaftslehre und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit der Börse. In der AZ-Rubrik "Querdenker" vertritt er konsequent den Standpunkt des Antizyklikers.

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