AVR: Industrie kritisiert fragwürdige Rechnungen

BERLIN (ks). Die Verbände der pharmazeutischen Industrie sind traditionell nicht gut auf den Arzneiverordnungs-Report (AVR) zu sprechen. In diesem Jahr kritisierten sie insbesondere, dass die Daten bereits überholt seien. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) hatte zudem schon im Vorfeld auf die zu erwartenden Vorwürfe reagiert: Ende September stellte er den Arzneimittel-Atlas als neues Konkurrenzprodukt zum AVR vor. Dieser kommt im Hinblick auf die Einsparmöglichkeiten bei den so genannten Analogarzneien zu einem völlig anderen Ergebnis als die AVR-Autoren (siehe AZ Nr. 40, 2006, S. 3).

Der VFA kritisiert insbesondere, dass der AVR Jahr für Jahr auf die wachsende Strukturkomponente abhebt und die überflüssige Verordnung von Analogarzneien ohne Zusatznutzen ankreidet. VFA-Vorstandsmitglied Andreas Krebs sieht die Öffentlichkeit durch den AVR getäuscht. Dies sehe man etwa am Beispiel der ACE-Hemmer, die in der Rechnung über angeblich unnötige Analogpräparate mit 544,1 Mio. Euro zu Buche schlagen. Krebs verwies darauf, dass sich unter den ACE-Hemmern mit einem Anteil von über 300 Mio. Euro auch der derzeit zum Therapiestandard gehörende Wirkstoff Ramipril befinde.

Dieser sei generisch verfügbar und liege preislich fast 20 Prozent unter den durchschnittlichen Tagestherapiekosten der ACE-Hemmer. Der AVR ordne somit die Verordnung solcher Medikamente als Verschwendung ein, die therapeutisch anerkannt und gleichzeitig besonders preiswert seien. Der Arzneimittel-Atlas, so Krebs, erlaube einen differenzierten Blick auf die Arzneimittelausgaben und mache deutlich, dass die Krankheiten selbst die Kostenverursacher sind, und nicht deren Bekämpfung mit Hilfe von Arzneimitteln.

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), Henning Fahrenkamp, bezeichnete den AVR als "antiquarische Information über das Jahr 2005". Daraus die Forderung nach zusätzlichen Sparmaßnahmen im Arzneimittelbereich abzuleiten, sei unglaubwürdig angesichts des schon geltenden AVWG und der geplanten Gesundheitsreform.

Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) kritisierte, dass die AVR-Autoren wiederum "nach dem alten, aber trotzdem noch immer falschen Prinzip" verfahren: Schuld ist allein die Arzneimittelindustrie. Doch der Wegfall von Herstellerrabatten und der Vorzieheffekte des GMG seien ebenso ein Teil der Kostensteigerungsgründe. Die Aussagen zu den Arzneimittelkosten müssten zudem nach dem Inkrafttreten des AVWG im Mai 2006 relativiert werden; seitdem seien deutliche Preisabsenkungen im Markt festzustellen. Der BAH erinnerte erneut daran, dass eine adäquate medizinische Versorgung mit Arzneimitteln nicht immer nur unter Kostengesichtspunkten gesehen werden dürfe - denn Arzneimittel helfen auch, therapeutische Folgekosten zu vermeiden.

Pro Generika-Geschäftsführer Hermann Hofmann verwies ebenfalls auf die veralteten Daten des AVR: "Bezogen auf die Generikapreise war er bereits bei Drucklegung Makulatur". "Wider besseren Wissens" würden diese Preise als zu hoch bezeichnet. Als Beispiel hatte Prof. Schwabe den Preisunterschied zwischen Großbritannien und Deutschland angeführt. Dabei, so Hofmann, blieb unberücksichtigt, dass die Generikahersteller ihre Preise zwischen März und Juli 2006 im Durchschnitt um 20 Prozent gesenkt haben - bei einzelnen Wirkstoffen gar um über 50 Prozent. Als Ergebnis habe Deutschland heute die niedrigsten Generikapreise unter den Top5-Pharmamärkten Europas.

Hofmann kritisierte zudem, dass der AVR auf Ebene des Apothekenverkaufspreises vergleiche, den die Hersteller nicht beeinflussen können. Der fixe Apothekenzuschlag führe dazu, dass gerade preisgünstige Arzneimittel in Deutschland von der Produktionsstätte bis in die Apotheke um das bis zu Fünffache teurer werden.

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