AVR: Fixzuschlag aufweichen und Mehrbesitzverbot aufheben

BERLIN (ks). Die Botschaft des druckfrischen Arzneiverordnungs-Reports 2006 (AVR) ist nicht sehr überraschend: Noch immer schlummern angeblich erhebliche Effizienzreserven in der Arzneimittelversorgung. Mit 3,5 Mrd. Euro lagen sie im vergangenen Jahr wieder um 0,6 Mrd. Euro höher als 2004, dem ersten Jahr des GKV-Modernisierungsgesetzes (GMG).

Same procedure as every year

Das alljährliche Herbstritual ist vollzogen: Die Herausgeber des AVR, Prof. Ulrich Schwabe und Dr. Dieter Paffrath, haben am 19. Oktober in Berlin die neueste Ausgabe ihres Werkes vorgestellt. Die Pharmaverbände reagierten prompt entrüstet, die Politik verwies auf ihre jüngsten Maßnahmen und Pläne, mit denen die Arzneimittelausgaben gedrosselt werden sollen. Denn 2005 haben die Kassen 16,8 Prozent bzw. 3,6 Mrd. Euro mehr für Medikamente ausgegeben als im Vorjahr - insgesamt 25,4 Mrd. Euro. Der Anteil der Arzneimittel an den GKV-Gesamtausgaben in Höhe von 143,6 Mrd. Euro hat sich nunmehr auf 16,5 Prozent erhöht, 2004 betrug er noch 15,6 Prozent.

Ein Drittel der Mehrkosten erklärt sich leicht: Nachdem Arzneimittel ohne Festbetrag im Jahr 2004 mit einem zusätzlichen Rabatt von zehn Prozent belegt waren, reduzierte sich dieser im vergangenen Jahr wieder auf sechs Prozent. Neue Festbeträge konnten dies nur begrenzt kompensieren. Zudem hatten die Vorzieheffekte des GMG zu Umsatzverschiebungen ins Jahr 2003 geführt - dies musste 2005 zwangsläufig zu höheren Ausgaben führen. Die Mehrausgaben, die sich nicht durch Sondereffekte erklären lassen, sind Schwabe zufolge zu zwei Dritteln durch innovative und therapeutisch sinnvolle Arzneimittel bedingt - darunter Zytostatika, Sartane, Antiepileptika und Antibiotika. Ein Drittel des Ausgabenanstiegs beruhe jedoch auf der Verordnung von Analogpräparaten ohne therapeutischen Zusatznutzen. Hierzu zählt der AVR beispielsweise Arzneimittel aus den Gruppen der Opioidanalgetika, Protonenpumpenhemmer und ACE-Hemmer.

AVR: Her mit den Ketten!

Wie üblich rechnen die AVR-Autoren vor, wie ein verändertes Verordnungsverhalten helfen könnte, die Kassenfinanzen zu entlasten: 1,6 Mrd. Euro Einsparpotenzial sehen sie im Bereich der Analogarzneien, 1,3 Mrd. Euro bei Generika und immerhin noch 0,6 Mrd. bei den umstrittenen Arzneimitteln.

Dass diese Potenziale nicht gehoben werden, ist Schwabe zufolge vor allem auf Strukturdefizite in der Arzneimittelversorgung zurückzuführen. Nötig seien insbesondere Maßnahmen, die den Einfluss der Pharmaindustrie auf das ärztliche Verordnungsverhalten eindämmen - etwa durch die Einführung einer Arzneimittel-Positivliste.

Darüber hinaus müssten Ärzte unabhängig über neue Arzneimittel informiert werden und ihre Praxissoftware werbefrei sein. Verordnungsdaten aus der Praxis dürften nicht an Pharmafirmen weitergegeben, vergütete Anwendungsbeobachtungen und die Abgabe von Ärztemustern verboten werden.

Aber auch die Rahmenbedingungen der Arzneimitteldistribution wollen die AVR-Autoren neu ausgerichtet sehen. Zu mehr Wirtschaftlichkeit würde es ihres Erachtens führen, wenn künftig Apothekenketten erlaubt wären: "Im Zeitalter der industriellen Arzneimittelproduktion kann die Distribution nicht ausschließlich über die klassische Einzelapotheke laufen, die noch aus der Zeit der individuellen Einzelanfertigung von Arzneimitteln stammt", heißt es dazu im AVR. Es sei nicht nötig, dass in Ballungsgebieten "alle 400 Meter" eine Apotheke zu finden ist.

Darüber hinaus fordern die Autoren die Umstellung der Arzneimittelpreisverordnung auf Höchstpreise und eine Flexibilisierung des Apotheken-Festzuschlages - der Apotheker soll künftig selbst entscheiden, wie viel er von seinen 6,10 Euro behält. Selbstverständlich müsse es zudem sein, dass die Einkaufsrabatte der Apotheken an die GKV weitergegeben werden und einheitliche Preisbedingungen für Arzneimittel im Krankenhaus und in öffentlichen Apotheken bestehen. Nicht zuletzt fordert der AVR Sparanreize für die Patienten: Etwa durch eine zehnprozentige Zuzahlung mit einer Obergrenze von zehn Euro aber ohne Mindestzuzahlung und eine bessere Information über Arzneimittelpreise.

WSG: "bürokratische Minikorrekturen"

Schwabe bringt diese Forderungen auf den Punkt: "Mehr Politik für Patienten, weniger für Pharma". Er räumt ein, dass ein Teil der Forderungen bereits aufgegriffen wurden - die anstehende Gesundheitsreform zeichnet sich für Schwabe dennoch durch unzureichende "bürokratische Minikorrekturen" aus. Die Politik habe sich hier als weitgehend "beratungsresistent" erwiesen. Dies ließ die parlamentarische Staatssekretärin Marion Caspers-Merk, die bei der AVR-Vorstellung ebenfalls auf dem Podium saß, nicht auf sich sitzen: "Ihre Zahlen sind bedrohlich, aber alt", konterte sie. Sie verwies darauf, dass die Ausgabendynamik in diesem Jahr ganz anders aussieht: Dank des seit Mai wirkenden AVWG seien die Arzneimittelausgaben wieder rückläufig.

Caspers-Merk zeigte sich zuversichtlich, dass das angestrebte Einsparvolumen von 1,3 Mrd. Euro über zwölf Monate tatsächlich erreicht werde. Auch für die Patienten habe man bereits einiges getan, etwa durch die neuen Möglichkeiten der Zuzahlungsbefreiung. Die Staatssekretärin verwies zudem auf die in der nächsten Gesundheitsreform vorgesehenen Maßnahmen. Besonders viel verspricht sie sich von der beabsichtigten Änderung der Arzneimittelpreisverordnung, der Einführung von Kosten-Nutzen-Analysen und dem Zweitmeinungsverfahren für die Verordnung besonders kostenintensiver Arzneimittel.

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