Gesundheitswesen

D. GrönemeyerHeilen statt Kranksparen – Die M

Medizin ist teuer und wird daher als ein volkswirtschaftliches Problem wahrgenommen. Doch mit den rigorosen Sparmaßnahmen, die die angeblich zu hohen Kosten unseres Gesundheitswesens senken sollen, schafft man mehr Probleme, als man löst. Zugleich verspielt man die Chancen, die eine wachsende Gesundheitswirtschaft der Allgemeinheit bietet. Im Mittelpunkt einer Gesundheitsreform muss immer der Mensch stehen. Die Medizin der Zukunft braucht kreativen Wettbewerb, Innovation und unternehmerische Phantasie Ų aber nicht zum Selbstzweck, sondern für ein vorrangiges Ziel: die Verbesserung der Lebensqualität der Patienten.

Liebevolle Medizin, mitmenschliche Fürsorge

Vor einiger Zeit bin ich auf einen Text gestoßen, der mich sehr fasziniert hat. Hintergrund ist das Russland des 19. Jahrhunderts – und doch illustriert dieser Text etwas Zeitloses.

Leo Tolstoi schildert in "Krieg und Frieden" eine Szene, nachdem Fürst Andrej eine schreckliche Verwundung im Kampf davongetragen hatte: "Der Arzt beugte sich tief über die Wunde, untersuchte sie und seufzte schwer. Dann gab er jemandem ein Zeichen.

Und nun ließ ein quälender Schmerz im Inneren des Leibes Fürst Andrej das Bewusstsein verlieren ... Als er wieder zu sich kam, waren die zerschmetterten Hüftknochen entfernt, die Fleischfetzen weggeschnitten und die Wunde verbunden. Man besprengte sein Gesicht mit Wasser. Als er die Augen wieder aufschlug, beugte sich der Arzt über ihn, küsste ihn schweigend auf die Lippen und entfernte sich eilig."

Vor diesem Hintergrund ist mir ein eigenes Erlebnis nachhaltig in Erinnerung, das noch nicht lange zurückliegt: Ich kam spät nachts an einer Unfallstelle vorbei. Drei Sanitätswagen und ein Hubschrauber waren da, ein Verletzter lag völlig allein gelassen auf der Trasse. Ärzte und Sanitäter waren dabei, heftig darüber zu diskutieren, in welche Klinik der Patient eingeliefert werden sollte.

Dieses Erlebnis hat mich nicht losgelassen. Es veranschaulicht, in welcher Gefahr unser Gesundheitssystem steckt. Im Kontrast dazu hat das Zitat von Leo Tolstoi für mich eine zentrale Bedeutung, auch wenn uns das Pathos fremd sein mag: Natürlich ist heute nicht vorstellbar, dass ein Arzt einen Patienten küsst.

Aber Tolstoi zeigt eine solch ausgeprägte Form der Zuwendung, der Selbstlosigkeit und Empathie, gerade in einer extremen Situation, dass ich diese menschliche Geste bleibend eindrucksvoll finde. Dieser Text illustriert für mich, was liebevolle Medizin ist: die wirklich ehrliche mitmenschliche Fürsorge eines Arztes. Die Geste der Hingabe, die Tolstoi beschreibt, sollte uns alle nachdenklich machen.

Erst die Inhalte planen, dann die Kosten

Dem Menschen zugewandt sich wieder auf die medizinischen Werte und Inhalte konzentrieren – darum geht es. In der Hetze des medizinischen Alltags, getrieben von Kostendiskussion und Einsparpolitik, verlieren wir das Wesentliche aus dem Blick. Verwaltungen und Ärzte werden mit ständig neuen Erlassen lahm gelegt. Krankenhäuser werden geschlossen und ganze Berufsstände schlecht geredet. Um uns Menschen und um uns selbst als Patienten geht es nicht – wir werden zunehmend vergessen.

"Was nützt mir der Erde Geld. Kein kranker Mensch genießt die Welt", so formulierte schon vor ungefähr zweihundert Jahren Johann Wolfgang von Goethe. Möglicherweise müssen wir in Zukunft sogar noch mehr für Gesundheit ausgeben. Keiner weiß es. Wir können dies nur dann wirklich feststellen, wenn wir uns auf die medizinischen Inhalte konzentrieren.

Bevor man ein neues Auto baut, definiert man erst einmal die Ausstattung, die Motorisierung und das Design. Danach legt man ein so genanntes Pflichtenheft an und definiert die Lieferantengruppen. Erst dann diskutiert man die Kosten und legt den Preis fest.

In der Politik wird jedoch anscheinend beim Thema Gesundheit genau umgekehrt vorgegangen. Daher kommen wir über die Kostendiskussion weltweit nicht mehr hinaus: Man muss inzwischen den Eindruck gewinnen, dass die Gesundheitsminister vieler Länder einander kopieren. Es ist wie in der Schule: Man hat seine Hausaufgaben nicht gemacht und übernimmt beim Abschreiben vor allen Dingen die Fehler des anderen.

So geht ein Gesundheitssystem nach dem anderen "baden": erst in Holland, dann in England und dann irgendwann das unsrige. Dabei zeigt doch die Lebenserfahrung: Wenn man einen Platten hat, wechselt man den Reifen und nicht die Karosserie! Das schöne Auto "Gesundheitswesen Deutschland" wird gerade gegen einen Lastkraftwagen eingetauscht – das befürchte ich.

Positive Aspekte der Gesundheitswirtschaft

Die weltweiten Debatten um die Gesundheitsreformen verfolge ich nun seit über zwanzig Jahren, solange ich Arzt bin. Mit wachsendem Unbehagen sehe ich, dass alle Diskussionen keinen wirklichen Fortschritt im Sinne einer besseren medizinischen Versorgung, Therapie oder Prävention bewirken.

Im Gegenteil: Über das, was Medizin eigentlich bewirken soll, die Heilung sowie Erhaltung und Verbesserung von Lebensqualität, und über denjenigen, um den es geht – den Patienten, wird fast nie geredet. Viele beschwören eine Mehrklassenmedizin als Gefahr der Zukunft. Aber wir haben bereits jetzt eine Zwei- oder sogar Dreiklassenmedizin, mit Normal- und Privatversicherten einerseits sowie den Selbstzahlern andererseits.

Wir verfügen heute über moderne Möglichkeiten auch für schonende, ambulante Diagnose- und Therapieverfahren, die in der Breite angewendet werden könnten und die nicht nur besser wären als viele andere Methoden, sondern auch noch kostengünstiger. Aber es fehlt der politische Wille, sich in diese Richtung zu bewegen, und auch das ausgeprägte Lobbydenken vieler Akteure behindert den Blick für den volkswirtschaftlichen Gesamtzusammenhang.

Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, müssen wir begreifen: Die medizinische Versorgung ist nur ein Teilbereich einer wachsenden Gesundheitswirtschaft mit vielen assoziierten Branchen. Dazu gehören Medizintechnik, Pharmazeutik, Sport und Fitness, Handwerk, Telekommunikation, Medien und vieles mehr.

Wir brauchen eine Aufbruchstimmung, und um diese zu erreichen, müssen wir vor allem die positiven Aspekte der Medizin wahrnehmen. Und dabei geht es meiner Überzeugung nach um eine neue Wahrnehmung:

  • Auf der einen Seite geht es um die Schaffung beziehungsweise Erhaltung von Lebensqualität mit guter medizinischer Versorgung, um unsere Kultur erhalten und weiterentwickeln zu können.
  • Gleichzeitig geht es aber auch um ein immer neues Know-how, um Beschäftigung, neue Arbeitsplätze und neue Berufe, Wirtschaftsförderung und prosperierende Wirtschaft, wissenschaftliche Forschung, neue Märkte, aber auch Gewinn beziehungsweise neue Einnahmen für Firmen und Staat.

Menschlichkeit – der Mensch im Mittelpunkt!

Innerhalb der Gesundheitswirtschaft favorisiere ich ein solidarisches Gesundheitssystem mit hoher Qualität der Grundversorgung, mit Zusatzversicherungspaketen und einem Qualitätsmanagement, unter Einbezug aller medizinischen Möglichkeiten zwischen High-Tech-Medizin und Naturheilkunde.

Deshalb plädiere ich für eine medizinische Versorgung, bei der der Blick nicht verloren geht für den Menschen, für die gute Beziehung zwischen Patient und Arzt und für eine liebevolle Medizin: Denn diese ist die entscheidende Voraussetzung für einen erfolgreichen Heilungsprozess und für eine notwendige Individualmedizin für jeden Einzelnen von uns.

Der Mensch ist keine Maschine. Heilen statt Kranksparen! Gemeinsam mit den Patienten sollten wir nach Konzepten suchen. Auch wenn diese Reformen in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten anstehen, darf dabei nicht vergessen werden, dass eine Reform nur dann nachhaltig wirken kann, wenn sie am medizinischen Inhalt orientiert ist, den Menschen in den Mittelpunkt rückt und gleichzeitig transparent und gerecht ist.

Deshalb müssen alle gesellschaftlichen Gruppen ihren Beitrag leisten – inhaltlich wie finanziell –, auch die Patienten. Aber sie müssen gleichzeitig auch in die Entscheidungen einbezogen werden. In den Debatten und Beschlussgremien sind die Patienten beziehungsweise Kunden des Gesundheitssystems bisher meistens nicht vertreten.

Mensch bleiben – das heißt konkret: Es darf nicht darum gehen, unter Kostendruck mit "Totschlag"-Argumenten die medizinische Behandlung in immer schnellerem Durchlauf durchzudrücken, womöglich unter Ausschaltung der ärztlichen Meinung und unter der Dominanz von Krankenkassen-Sachbearbeitern oder medizinischen Diensten. Patient, Arzt und Verwaltung müssen zu Partnern werden. Wir brauchen Fürsorglichkeit und Barmherzigkeit als Gegenkonzept, sonst bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke, und letztlich werden dann die Menschen noch kränker.

Ich bin überzeugt: Mit Geld aus anderen Bereichen der Gesundheitswirtschaft und auch Zusatzversicherungen wäre die heutige Medizin sofort bezahlbar. Und wie wäre es, militärisch abzurüsten und auf ein paar Panzer zu verzichten und die Gesundheit aufzurüsten? Wir sind selbst verantwortlich für die Prioritäten, die wir setzen.

In der Medizin arbeiten zu dürfen, macht sehr viel Freude – abgesehen von den fürchterlichen öffentlichen Debatten, den übertriebenen Verwaltungsaufgaben und dem fehlenden Wettbewerb. Die meisten Beschäftigten arbeiten mit Herz und unter vielen Entbehrungen. Wir müssen die Heranwachsenden begeistern für diese wunderschöne Aufgabe, in der Medizin und für die Menschen tätig werden zu können.

Schon heute gibt es mehr als 800 verschiedene Berufe in dieser Boombranche der Gesundheitswirtschaft. Die Fächergrenzen brechen auf, und ständig entstehen neue Berufszweige. Ärzte dürfen nicht zu Funktionsmedizinern degradiert werden, sondern müssen mitfühlender Partner sein. Genau das ist für mich ein Arzt – und deshalb bin ich Arzt geworden!

Wachstumsmotor Medizin

Die deutsche und europäische Hochleistungsmedizin genießt in der ganzen Welt einen hervorragenden Ruf. Bislang wurde jedoch noch nicht wahrgenommen, dass in Verbindung mit der modernen Medizin- und Biomedizintechnik sowie der Forschung und Entwicklung ein enormes Potenzial liegt. Es gilt, dieses Reservoir an Möglichkeiten als Standort- und Exportfaktor zu erschließen.

Wir müssen dazu allerdings auch begreifen, dass Gesundheitswirtschaft mehr ist als die reine medizinische Versorgung und Forschung. Sie umfasst die Medizin und die assoziierten Branchen wie Sport, Fitness und Wellness, Ernährung, Bekleidung, Wohnen, Umwelt, Medien und Verlagswesen bis hin zum Handel und Gesundheitstourismus.

Hinzu kommen die Medizintechnik, die Pharmazie und Pharmakotherapie – einschließlich der naturheilkundlichen –, die Bio- und Gentechnik, die Steuerungs- und Mikrosystemtechnik sowie Umwelttechnik und Logistik. Die Gesundheitswirtschaft hat damit eine bisher ungeahnte Tragweite. Wir sprechen nicht mehr von Kosten, sondern von Wirtschaftskraft, Arbeitsplätzen, Know-how und Innovation, verbunden mit hochwertiger medizinischer Versorgung.

Um für diese Sichtweise Bereitschaft und Akzeptanz zu erreichen, wird das Marketing eine entscheidende Rolle spielen. Zum Beispiel mit einer internationalen Marketingkampagne "Gesundheitswirtschaft Med. in Europa" – also Hochleistungsmedizin aus Europa – sollte meiner Auffassung nach sofort begonnen werden. So käme endlich die längst überfällige Aufbruchsstimmung zustande, in der dann alle betroffenen Branchen einschließlich der Patienten mitmachten!

Es gibt keine Kostenexplosion

Worüber die Verantwortlichen in Politik, Medizin und bei den Krankenkassen im Kontext der Reformbemühungen heute im Wesentlichen sprechen, sind Fragen der Kosten und Budgets. Man spricht über die "Kostenexplosion" – die es in Wirklichkeit gar nicht gibt! Dieses erstaunliche Fazit des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie beauftragten Gutachtens des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ist jedoch kaum wahrgenommen worden:

Die Ausgaben für das Gesundheitswesen sind seit 1975 mit etwa 13 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Deutschland fast konstant geblieben, obwohl seit Jahren eine Reihe von versicherungsfremden Leistungen darin enthalten ist, wie beispielsweise Mutterschaftsgeld, Krankengeld oder Sterbegeld.

Die "Explosion" des Beitragssatzes in der gesetzlichen Krankenversicherung ergibt sich vielmehr aus den mangelnden Beiträgen, den Defiziten auf der Einnahmeseite (bedingt durch die Zunahme von Arbeitslosen, Frührentnern und so weiter). Die gesellschaftliche Herausforderung liegt also darin, auch in der Gesundheitsreformdebatte innovative Konzepte zur Schaffung von Arbeitsplätzen zu entwickeln und umzusetzen.

Statt einer wirklich inhaltlichen Auseinandersetzung und der Suche nach langfristig tragfähigen sowie sozial gerechten Lösungen werden aber kurzerhand alle Negativ-Argumente aus der Kostendiskussion übernommen: Kosten und Leistung müssten reduziert werden, die Patienten sollten sich darauf gefasst machen, künftig neben ihren Krankenkassenbeiträgen mehr medizinische Leistungen selbst bezahlen zu müssen und so weiter.

Gesundheitswesen muss solidarisch bleiben

Kalkulieren diese Reformer letztlich eine Entsolidarisierung des Gesundheitswesens mit ein? Ich halte diese Entwicklung für äußerst problematisch, denn gerade die integrative Leistung des deutschen Gesundheitswesens, das über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurde, bildet eine große gesellschaftliche Klammer.

Will man diese Errungenschaft leichtfertig verspielen? Wenn uns nichts Kreativeres einfällt als rigoroses Sparen, dann besteht die Gefahr, dass viele chronisch kranke Menschen es in Zukunft noch schwerer haben, ausreichende Hilfe zu bekommen. Die Folgen werden für alle dramatisch sein.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "Universitas", Ausgabe 1/2004, Hirzel Verlag Leipzig.

Ein Appell gegen die Geizwelle: "Medizin ist teuer und wird daher als ein volkswirtschaftliches Problem wahrgenommen. Doch mit den rigorosen Sparmaßnahmen, die die angeblich zu hohen Kosten unseres Gesundheitswesens senken sollen, schafft man mehr Probleme, als man löst. Zugleich verspielt man die Chancen, die eine wachsende Gesundheitswirtschaft der Allgemeinheit bietet", erklärt der Institutsleiter für Mikrotherapie in Bochum, Prof. Dietrich Grönemeyer, in einem Meinungsbeitrag.

Der Beitrag ist entnommen aus Dietrich H. W. Grönemeyer: Mensch bleiben. High-Tech und Herz – eine liebevolle Medizin ist keine Utopie. Verlag Herder, Freiburg 2003, ISBN 3-451-28250-X.

Auch in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten darf nicht vergessen werden, dass eine Reform nur dann nachhaltig wirken kann, wenn sie am medizinischen Inhalt orientiert ist, den Menschen in den Mittelpunkt rückt und gleichzeitig transparent und gerecht ist.

Hinweis

Das Schwerpunktheft der Zeitschrift "Universitas" 1/2004 zum Thema Gesundheit und Gerechtigkeit kann im Rahmen eines kostenlosen Probeabonnements (zwei Hefte) angefordert werden bei: Redaktion UNIVERSITAS, Birkenwaldstraße 44, 70191 Stuttgart, E-Mail: universitas@hirzel.de

Prof. Dr. med. Dietrich H. W. Grönemeyer (Jg. 1952) studierte Sinologie, Physik und Medizin. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Radiologie und Mikrotherapie der Universität Witten/Herdecke, Professor an der Georgetown University Washington D.C. und Leiter des Instituts für Mikrotherapie in Bochum. Letzte Buchpublikation: Med. in Deutschland – Standort mit Zukunft, 2001.

Anschrift: Prof. Dr. med. Dietrich H. W. Grönemeyer, Grönemeyer Institut für Radiologie und Mikrotherapie, Universitätsstraße 142, 44799 Bochum

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