Arzneimittel und Therapie

Interview: Hormone in den Wechseljahren nicht zur Prävention anwenden?

(hel). Eine am 9. Juli veröffentlichte Studie aus Amerika, die so genannte "Women's Health Initiative" (WHI), hat gezeigt, dass Frauen, die in oder nach den Wechseljahren Östrogene und Gestagene zum Ersatz der verminderten körpereigenen weiblichen Geschlechtshormone einnehmen, ein etwas höheres Brustkrebs- und Herz-Kreislauf-Risiko tragen als Frauen, die solche Arzneimittel nicht anwenden. In die Studie waren insgesamt rund 16 000 Frauen im Alter von 50 bis 79 Jahren einbezogen. Wir sprachen mit Prof. Dr. Hans Georg Bender, Direktor der Frauenklinik der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, über die neuesten Studienergebnisse.

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Wie hoch ist das Risiko der Hormoneinnahme nach den neuen Ergebnissen für eine Frau? Muss sie jetzt Angst vor Brustkrebs und Herzinfarkt haben?

Bender:

Für 10 000 Frauen, welche die in der Studie untersuchte Hormonkombination konjugierter Östrogene und Medroxyprogesteronacetat mehr als vier Jahre genommen haben, ergeben sich jährlich im Vergleich mit denen, die keine Hormone genommen haben, acht zusätzliche Fälle von invasivem Brustkrebs und sieben Herzattacken.

Dies war ein Ergebnis, das bei der Studienkonzeption nicht erwartet wurde und das zum Abbruch der Studie nach 5,2 Jahren geführt hat. Dies heißt nicht, dass jetzt jede Frau mit Hormonbehandlungen Angst vor Brustkrebs und Herzinfarkt haben muss. Dabei spielen viele – teilweise sehr viel wichtigere Risikofaktoren – eine Rolle. Dies kann man nur in individueller Beratung mit einer Frauenärztin oder einem Frauenarzt bewerten.

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Welche Substanzen in den Hormonersatzmitteln sind für die ungünstigen Wirkungen verantwortlich? Sind es die konjugierten Östrogene oder ist es das Medroxyprogesteronacetat? Sind ähnlich ungünstige Ergebnisse auch bei anderen Hormonen zu erwarten oder ist der Effekt für die untersuchten Hormone spezifisch?

Bender:

Nach den Daten aus der zitierten Studie sind offenbar die konjugierten Östrogene nicht die Grundlage der Probleme. Frauen, die wegen vorher erfolgter Entfernung der Gebärmutter nur Östrogene angewandt haben, wiesen nicht die oben erwähnte höhere Beobachtungsrate an Brustkrebs und Herzattacken auf.

Daraus könnte man schließen, dass das Medroxyprogesteronacetat der entscheidende Faktor war. Inwieweit andere Gelbkörperhormon-Komponenten zu anderen Ergebnissen führen würden, ist derzeit Gegenstand der Diskussion und damit nicht endgültig geklärt.

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Bisher hieß es, die Sterblichkeit der Frauen sollte durch die Hormonsubstitution um etwa 50% gesenkt werden, vor allem wegen der günstigen Auswirkungen der Östrogenpräparate auf das Herz-Kreislauf-System. Wie kam denn diese Zahl zustande, waren die entsprechenden Studien fehlerhaft?

Bender:

Eine wenig beachtete Kernaussage der WHI-Studie besagt, dass die Sterblichkeit der Frauen zwischen der Behandlungs- und der Plazebogruppe sich nicht unterschied. Demnach wären die bisher angenommenen Vorteile einer östrogenhaltigen Hormonersatztherapie auf das Herz-Kreislauf-System mit den entsprechend positiven Auswirkungen auf die Überlebensraten nicht bestätigt.

Es ist jedoch als Kritik an der Studie vorgebracht worden, dass teilweise die Hormonbehandlung bei Frauen erst begonnen wurde, wenn vom Alter her schon arteriosklerotische Veränderungen eingesetzt haben könnten und dadurch die Forderung nicht berücksichtigt wurde, dass für einen Positiveffekt der Östrogene mit der Östrogenbehandlung im unmittelbaren Anschluss an die körpereigene Östrogenproduktion begonnen werden muss. Aus diesen Gründen ist es möglich, dass bei den früheren Studien ebenso wie bei dieser Studie unterschiedliche Fehlerquellen zu berücksichtigen sind.

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In den letzten Jahren wurde die Hormonsubstitution nach der Menopause relativ unkritisch zur breiten Anwendung empfohlen, unter anderem zur Prävention der Osteoporose und von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wie haben sich die Empfehlungen geändert, welche Frauen sollen jetzt noch Hormone einnehmen?

Bender:

Es muss weiter differenziert werden beim Einsatz der Hormonersatztherapie, ob es sich um eine therapeutische Indikation handelt, die sich in erster Linie auf die typischen klimakterischen Beschwerden, wie Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Schlafstörung, Depression und andere Probleme bezieht. Gegen die Behandlung dieser Symptome mit östrogenhaltigen Hormonpräparaten spricht nach der derzeitigen Datenlage nichts.

Die zitierten Studiendaten sind fokussiert auf unerwartet ungünstige Ergebnisse bezogen auf die Herz- und Brustkrebsprobleme. An der Absenkung der Hüftfrakturrate ist ablesbar, dass ein positiver Effekt in der Osteoporose-Prävention abzuleiten ist.

Unter den heutigen Bedingungen sollte man die Ergebnisse der WHI-Studie wie auch die Ergebnisse der anderen Studien mit der einzelnen Frau besprechen und ihr damit eine Abwägung ermöglichen. Nach eigenen Erfahrungen sprechen sich wegen des allgemein besseren Befindens viele Frauen trotz der Übermittlung der Sachinformation für eine Hormontherapie aus. Bei Frauen nach einer Gebärmutterentfernung spricht nichts gegen eine reine Östrogentherapie.

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Welche Alternativen gibt es zur Osteoporoseprävention?

Bender:

Grundlage der Osteoporoseprävention sind körperliche Aktivität und richtige Ernährung. Dazu zählt auch der Verzicht auf das Rauchen. Eine Vitamin-D-Calcium-Substitution gehört zu der einfacheren medikamentösen Behandlung. Eine Östrogentherapie bei Frauen nach einer Gebärmutterentfernung ist auch weiterhin zu empfehlen. Neuere Präparate wie die spezifischen Östrogenrezeptor-Modulatoren und Bisphosphonate kommen als spezifischere Medikamente in Betracht. Große Studien zu Vor- und Nachteilen eines präventiven Einsatzes liegen jedoch auch zu diesen Präparategruppen bisher nur begrenzt vor.

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Bis jetzt waren die Studienergebnisse zur Hormoneinnahme eher widersprüchlich. Ist es denkbar, dass wir in mehreren Jahren erneut umdenken müssen?

Bender:

Es ist durchaus denkbar, dass wir in mehreren Jahren im Hinblick auf den Hormoneinsatz erneut umdenken müssen. So war es ja auch bei den oralen Kontrazeptiva, bis kürzlich von der amerikanischen Food and Drug Administration die früheren Vorbehalte und Komplikationshinweise durch ein Statement beseitigt wurden, da die vermuteten Nebenwirkungen der Verhütung mit hormonalen Kontrazeptiva nicht bestätigt werden können.

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Wie werden hormonale Kontrazeptiva im Hinblick auf ihre Risiken denn heute bewertet?

Bender:

In der Tat sind die früheren Gesundheitsrisikobedenken der oralen Kontrazeptiva auf hormoneller Basis durch eine kürzliche offizielle Stellungnahme amerikanischer Behörden ausgeräumt worden.

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Herr Professor Bender, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Nutzen und Risiko einer Hormonsubstitution müssen nach den Ergebnissen der Women's Health Initiative neu bewertet werden. Während starke Wechseljahresbeschwerden nach wie vor ein Grund für eine Hormonersatztherapie über einen kürzeren Zeitraum sind, ist es die Langzeiteinnahme zur Vorbeugung vor Herzerkrankungen nun nicht mehr. Anders kann die Bilanz aussehen, wenn eine Frau stark osteoporosegefährdet ist. Wir sprachen mit Prof. Dr. Hans Georg Bender, Direktor der Frauenklinik der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, über die neuesten Studienergebnisse. 

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