Arzneimittel und Therapie

Spanische Grippe: Die Pandemie von 1918/19 kostete mindestens 30 Millionen Mensc

In drei Wellen zog die Spanische Grippe um den Erdball. Mehr als 30 Millionen Tote sowie beträchtliche soziale und wirtschaftliche Schäden gingen auf ihr Konto. Seitdem wurden etliche kleinere Influenzapandemien und viele regional begrenzte Epidemien registriert, aber mit weniger verheerenden Folgen. Ziel verschiedener Forschungsgruppen ist es nun, anhand des genetischen Materials des Influenzavirus von 1918 herauszufinden, was die Ausbruchsstärke des damaligen Erregers ausmachte und wie mit diesem Wissen gleichartige Katastrophen in Zukunft verhindert werden könnten.

Schon Hippokrates berichtete von Grippesymptomen

Die als Influenza bezeichnete ansteckende, akute Erkrankung der Atemwege hat der Menschheit offenbar schon immer zu schaffen gemacht. Die Symptome und die Merkmale zur Verbreitung der Krankheit sind so charakteristisch, dass sich Influenza-Epidemien sogar in Schilderungen aus ältester Vergangenheit identifizieren lassen. Auch Hippokrates (460-370 v. Chr.), der griechische Begründer der Medizin, fasste im Jahre 412 v. Chr. eine derartige Beschreibung ab.

Zahlreiche ähnliche Berichte über derartige Krankheitsbilder wurden im Mittelalter zu Papier gebracht. Der Name "Influenza" entstand im 15. Jahrhundert in Italien und bezeichnete eine Seuche, die dem Einfluss ("influenza") der Sterne (lateinisch: "coeli influencia", himmlische Einflüsse) zugeschrieben wurde. Das Wort wurde im 18. Jahrhundert ins Englische übertragen. Etwa zur gleichen Zeit nannten die Franzosen die Krankheit "la grippe". Als "Grippe" zog sie dann auch in den deutschen Sprachgebrauch ein.

Die erste gut dokumentierte Pandemie trat 1580 auf, ging wahrscheinlich von Asien aus und drang von dort weiter nach Afrika und Europa vor. Manche Städte verzeichneten eine außergewöhnlich hohe Sterblichkeit. Diese wurde zweifellos noch durch die damals übliche Praxis des "Purigierens" mithilfe von Brechmitteln und des Aderlassens gesteigert, mit der das Fieber gesenkt und das Blut gereinigt werden sollte.

Das öffentliche Leben war komplett eingeschränkt

Hinsichtlich der Zahl ihrer Opfer blieb die Pandemie von 1918/19 unvergleichbar. Es wird geschätzt, dass sie auf der ganzen Erde mindestens 30 Millionen Todesfälle verursachte. Eine Hochrechnung kommt allein für Indien auf 20 Millionen Tote. Im Deutschen Reich starben etwa 800000, in ganz Europa etwa zwei Millionen Menschen.

Etwa 700000 Sterbefälle wurden in den USA registriert. Teile Alaskas und einige pazifische Inseln verloren mehr als die Hälfte ihrer Bewohner. In den betroffenen Regionen war die medizinische Versorgung im Wesentlichen unzureichend. Als Gegenmaßnahme wurde empfohlen, zu Hause zu bleiben und die Wohnung gut zu lüften. In fast allen großen Städten wurden die Theater und andere öffentliche Veranstaltungsorte geschlossen. Die Krankenhäuser waren ohnehin überfüllt. Gesunde Erwachsene erkrankten und starben manchmal innerhalb von 24 Stunden. Aus den umliegenden Regionen wurden die Särge per Bahn stapelweise in Güterwaggons in die Bestattungsunternehmen der Großstädte transportiert.

Die "Spanische Grippe" kam nicht aus Spanien

Den meisten Berichten zufolge traten die ersten Krankheitsfälle 1918 gar nicht in Spanien auf. Vermutlich wurde Spanien als Ursprungsland betrachtet, weil die alliierte und die deutsche Militärzensur im Ersten Weltkrieg derartige Berichte aus ihren eigenen Gebieten unterdrückte. Beide Armeeführungen wollten nicht bekannt werden lassen, wie sehr ihre Truppen durch die Krankheit geschwächt waren.

Deutsche Generäle schrieben das Stocken und Scheitern der letzten deutschen Offensive im Frühjahr und Sommer 1918 vor allem der Influenza zu. Aber die Gegenseite war nicht weniger betroffen: 1918 starben 43000 Angehörige der US-Armee an Grippe, und diese Zahl liegt nur geringfügig unter der Gesamtzahl der im Ersten Weltkrieg gefallenen amerikanischen Soldaten.

Es ist schwierig, den Ausgangspunkt der Pandemie zu bestimmen, weil sie in drei Wellen auftrat: im Frühjahr 1918, im Herbst 1918 und in den ersten Monaten des Jahres 1919. Manche Wissenschaftler vermuten, dass die erste Verbreitungswelle im März 1918 aus China kam, doch die Archive der US-Armee liefern detailliertere Hinweise.

Aus ihnen ergibt sich, dass zum ersten Mal am 11. März 1918 aus Fort Riley in Kansas eine Häufung von Influenzafällen gemeldet wurde. Dass sich die Krankheit von dort aus über die ganze Erde verbreitete, ist nicht lückenlos zu beweisen, doch viele Indizien sprechen dafür. Die beängstigenden Erfahrungen mit der Pandemie von 1918 und 1919 erklärten die Besorgnis der amerikanischen Gesundheitsbehörden im Januar 1976, als in Fort Dix in New Jersey erneut ein Ausbruch der Influenza registriert wurde, an dem offenbar der gleiche Virusstamm beteiligt war.

Auf dem Weg zu einem besseren Verständnis

Jahrhundertelang gab es über die Ursache der Influenza nur Spekulationen, und abwechselnd wurden die Gestirne, das Wetter, giftige Dämpfe aus den Sümpfen oder Hexen verdächtigt.

Erst in den frühen 30er-Jahren des 20.Jahrhunderts gelang es, ein Virus als Ursache der Krankheit zu identifizieren und damit einen Anfang zum besseren Verständnis der Krankheit zu machen. Zunächst jedoch wurde die Influenza auf Bakterien zurückgeführt. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts wurde nämlich im Rachen vieler Influenza-Patienten der Mikroorganismus Haemophilus influenzae isoliert (nach dem deutschen Bakteriologen Pfeiffer auch Pfeifferscher Influenza-Bazillus genannt), der daher viele Jahre lang als der Erreger der Grippe galt.

Offensichtlich entstanden auch immer wieder bakterielle Superinfektionen, die das Epidemiebild mitbestimmten. Außer Haemophilus influenza waren seit 1930 vorrangig Staphylococcus aureus und 1918/19 Pneumo-, Strepto- und Staphylokokken sowie Klebsiella pneumoniae an den Influenzaausbrüchen beteiligt. Diese Bakterien verursachen eitrige Infektionen und bevorzugen dabei den Atemtrakt.

Zwar gelang es in den letzten Jahren die Art der 1889 aufgetretenen Pandemie wenigstens teilweise aufzuklären, und zwar durch Untersuchung der Influenza-Antikörper im Blut von Menschen, die die Pandemie überlebt hatten. Doch bis heute ist noch nicht vollständig enträtselt, warum die "spanische Grippepandemie" so viele Todesopfer forderte, vor allem bei erst 20- bis 40-jährigen, vorrangig männlichen Personen. In vielen Fällen dürften tatsächlich die sekundären bakteriellen Infektionen, die Lungenentzündungen und andere Komplikationen verursachten, die Todesursache gewesen sein.

Möglicherweise befiel das Grippevirus nicht nur das Lungengewebe, sondern war zudem befähigt, nahezu alle Organe seiner Opfer wie Gehirn, Milz und Nieren zu infizieren. Auch eine zunehmende Virulenz des Erregers während der ersten Phase der Pandemie im Frühjahr und Sommer 1918 könnte ein wichtiger Faktor gewesen sein.

Um diese Besonderheiten näher zu klären, begann in den Fünfzigerjahren die Suche nach dem Virusstamm in den Körpern von Opfern der Krankheit, die aus dem gefrorenen Boden Alaskas exhumiert wurden: Ein geheimes Kommandounternehmen ("Project George") wurde 1951 damit beauftragt, in Alaska begrabene Leichen zu untersuchen.

Das Vorhaben scheiterte, weil die Leichen nahe dem Luftwaffenstützpunkt Marks nicht ununterbrochen im Dauerfrost gelegen hatten, sondern zeitweilig aufgetaut und daher stark verwest waren.

Noch einmal sollten Leichen aus dem Dauerfrostboden das Geheimnis lüften

In neuerer Zeit wählten Molekularwissenschaftler einen anderen Weg, um Gewebe von Pandemieopfern der Spanischen Grippe zu untersuchen: Sie wurden im "National Tissue Repository" in Maryland, USA, fündig, einer Abteilung des pathologischen Institutes der Armee. Die Sammlung dort umfasst mehr als zweieinhalb Millionen Gewebeproben von Autopsien an Soldaten, teilweise sogar aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Ein Großteil des in den letzten Jahren analysierten Zellmaterials entstammte verschiedenen Organen der 1918 verstorbenen Soldaten der amerikanischen Armee. Unter den in Formaldehyd konservierten Proben befand sich auch das Lungengewebe eines am 19. September 1918 in das Armeekrankenhaus bei Camp Jackson, South Carolina, eingelieferten, 21 Jahre alten, vorher gesunden Soldaten. Er sollte an die Front nach Frankreich entsendet werden und fiel der Influenza innerhalb einer Woche zum Opfer. An seinen und anderen Gewebeproben wurde festgestellt, dass in etlichen Fällen bakterielle Lungenentzündungen zum Tod der Betroffenen beigetragen haben müssen. Ihre Lungen zeigten nämlich häufig das typische, rote und verhärtete Aussehen, zudem waren die Lungenbläschen und die Zellzwischenräume mit Flüssigkeit gefüllt, sodass die erkrankten Personen regelrecht erstickt sein mussten.

Bisher mussten die Wissenschaftler stets durch Konservierungsmittel verändertes Gewebsmaterial aufarbeiten. Daher wurde 1998 versucht, Viruserbgut direkt aus Gewebsproben einer seit acht Jahrzehnten im Permafrostboden Alaskas gelegenen Frauenleiche zu isolieren. Dabei hofften die Forscher, unzersetzte Virus-RNA vorzufinden.

In dem tausend Kilometer nördlich von Norwegen gelegenen Archipel Svalbard war die Bevölkerung von Longyearbyen, der kleinen Verwaltungshauptstadt der Inselgruppe, durch die Pandemie fast ausgestorben. Auch die Leichen von sieben jungen, im Oktober 1918 dort begrabenen Bergbauarbeitern wurden aus der Erde des Kirchfriedhofes exhumiert. Allerdings fanden die Expeditionsmitglieder auch diesmal nur Leichen vor, die bereits verwest waren.

Daher konnten bisher nur einige Abschnitte des Bauplanes des vermutlichen "Killervirus" entschlüsselt werden. Es gelang jedoch, mithilfe der PCR-Technik von neun isolierten RNA-Fragmenten aus fünf der Influenzagene genügend Kopien herzustellen. Damit war es möglich, die Gensequenzen dieser Fragmente mit jeder anderen Sequenz bekannter Grippevirusstämme zu vergleichen. Einige der Wissenschaftler glauben nun, eine Verwandtschaft zum Schweine-Influenzavirus von 1976 festzustellen, andere meinen, dass die Spanische Grippe vermutlich von dem Virus einer Wildente stammt. Trotz etlicher Teilergebnisse ist das Rätsel damit noch immer nicht gelöst.

Quelle: Roche Facetten Nr. 16 "Neue Waffen gegen Viruskrankheiten"

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