Feuilleton

Zur Erinnerung: Karl Theodor Mohr zum 100. Todestag

Im Leben der Völker scheint die Auswanderung zu den notwendigsten Übeln zu gehören. Daran hat sich auch heute nichts geändert. Politische und wirtschaftliche Gründe sind es, dass Tausende von Menschen, ihre Heimat verlassen, um ihr Glück in anderen Ländern zu versuchen. Gewaltig waren die Auswanderungswellen im 19. Jahrhundert, in dem Millionen von Europäern ihrer Heimat den Rücken kehrten und meist in die USA auswanderten. Viele Emigranten haben sich bei der Erschließung der USA große Verdienste erworben. Zu ihnen gehörte auch der deutsche Apotheker und Botaniker Karl Theodor (Charles Theodore) Mohr aus Württemberg.

Mohr war der Sohn des Gastwirts und Senffabrikanten Ludwig August Mohr (1795-1833) und wurde am 28. Dezember 1824 in Esslingen am Neckar geboren. In seiner Vaterstadt besuchte er das Pädagogium. 1833 siedelte die Familie nach Denkendorf über, wo der Vater in den Räumen des ehemaligen Klosters eine Senf- und Essigfabrik einrichtete, jedoch noch im selben Jahr starb.

Frühe Liebe zur Botanik

In seiner freien Zeit unternahm Mohr mit seinem älteren Bruder Wanderungen durch den Schwarzwald und sammelte auf diesen Exkursionen Pflanzen und Mineralien. Zusammen mit seinem Großonkel, der 50 Jahre lang Förster im Kloster Denkendorf gewesen war, wanderte er an vielen Sonntagen durch die Wälder der Umgebung und lernte dabei viel über die Waldpflanzen und die Nutzhölzer. Hinzu kam, dass der Pfarrer von Denkendorf, der ein großer Naturfreund war, Mohr mit botanischer Literatur aus seiner Bibliothek versorgte. Mit all diesen Dingen wurde bei ihm die Liebe zur Botanik geweckt.

Außerdem begann sich Mohr mehr und mehr für den Apothekerberuf zu interessieren. Obgleich seine Mutter gegen diesen Berufswunsch war, ließ sie ihn ab Herbst 1842 das Polytechnikum in Stuttgart besuchen. Dort wurde Mohr von Professor H. Chr. Fehling (1812-1885) in seiner wissenschaftlichen Ausbildung sehr gefördert.

In den Semesterferien unternahm Mohr mit seinen Kommilitonen Exkursionen auf die Schwäbische Alb, wo er Fossilien und Mineralien sammelte. Das Studium auf den Gebieten Chemie, Pharmazie und Mineralogie sollte für seine spätere Tätigkeit von großem Nutzen sein. Er lernte zu dieser Zeit verschiedene Botaniker (Ch. F. Hochstetter, 1787-1860; J. Hohenacker, 1798-1874) kennen und arbeitete 1845 während der Semesterferien mit A. Kappler (1815-1887) zusammen, der gerade von einer Forschungsreise aus Surinam zurückgekehrt war.

Erste Reise nach Amerika

Nach Beendigung seines Studiums reiste Mohr zusammen mit Kappler im November 1845 nach Surinam, wo sie nach einer nicht ganz ungefährlichen Seereise auf dem Segler "Natalie" im März 1846 ankamen. Dort unternahmen sie Exkursionen in das Landesinnere und sammelten Pflanzen für botanische Gärten und Institute in Europa. Da Mohr das tropische Klima nicht vertrug und mehrmals schwer erkrankte, kehrte er 1846 wieder nach Deutschland zurück. Nach einer 70-tägigen Seereise musste der kleine Schoner "Polaris" wegen einer Schiffsreparatur im Hafen von Plymouth vor Anker gehen. Bei seiner Ankunft in Rotterdam erhielt Mohr das Angebot, als Chemiker nach Brünn in die Fabrik von Carl F. Hochstetter (1818-1880), einem Sohn des Esslinger Botanikers, zu gehen. Ab 1847 war Mohr im Laboratorium dieser Fabrik tätig.

Auswanderung in die USA

Als das Unternehmen 1848 wegen der politischen Unruhen seinen Betrieb einstellte, reiste Mohr im August 1848 nach London, wo sein älterer Bruder eine Anstellung an der Paläontologischen Abteilung des Britischen Museums gefunden hatte. Gemeinsam beschlossen die beiden Brüder, nach Amerika auszuwandern. Auf der "Spartan" schifften sie sich nach New York ein, und von dort ging es weiter nach Cincinnati (Ohio). Dort erhielt Mohr eine Anstellung als Chemiker in einer Fabrik und legte in seiner freien Zeit ein umfangreiches Herbarium an.

1849 packte ihn, wie viele Menschen damals, das Goldfieber. Er schloss sich einer Gruppe von 50 Goldsuchern an und erreichte nach knapp vier Monaten die Kalifornische Sierra und begann an den Hängen des Yubatals mit der Goldsuche. Da er das Klima nicht vertrug, trat er im September 1850, nachdem er seinen Anteil an der Goldmine verkauft hatte, die Rückreise nach Cincinnati an. Nach seiner Genesung kaufte er zusammen mit der Familie seines Bruders einen größeren Landbesitz in Clark Country (Indiana), wo er sich dem Landbau widmete.

1851 verzog Mohr nach Louisville (Kentucky), wo er Freunde aus Württemberg traf und Anschluss an pharmazeutische Kreise fand. Er arbeitete in einer deutschen Apotheke und wurde bald deren Teilhaber. Auch dort beschäftigte er sich wieder mit botanischen Studien (z.B. über Moose), die von dem Botaniker Leo Lesquereux (1806-1889) gefördert wurden.

Nach vier Jahren verließ Mohr Louisville und siedelte nach Veracruz in Mexiko über. Dort war er wieder als Apotheker tätig, erlernte die Landessprache und studierte die mexikanischen Drogen. Gern hätte er sich in Mexiko als selbstständiger Apotheker niedergelassen, aber politische Unruhen verhinderten sein Vorhaben.

Deutsche Apotheke in Mobile

Im Oktober 1857 kehrte Mohr mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in die USA zurück. Ende des Jahres eröffnete er eine deutsche Apotheke in Mobile (Alabama). Im Auftrage der Regierung stellte er in seinem Laboratorium pharmazeutische Produkte her und übernahm die Arzneimittelkontrolle für die Armee der Südstaaten im Bürgerkrieg (1861-1865). Danach befasste sich Mohr wieder mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit.

Auf Wunsch von Lesquereux setzte er die Erforschung der Moosflora von Süd-Alabama fort und schuf einen Katalog, den Lesquereux für sein Werk "Mosses of North America" (1884) benötigte. Außerdem arbeitete Mohr an dem Prachtwerk "Ferns of North America" mit. Auch durchforschte er die Wälder von Alabama nach Nutzhölzern und Bodenschätzen. Die Ergebnisse seiner Arbeit wurden in dem "Handbook of Alabama" (1878) zusammengestellt. Zahlreiche Untersuchungen führte er im Auftrage des Landwirtschaftsministerium in Washington durch.

Zunehmend zog sich Mohr aus seiner Apotheke zurück, da ihm von der amerikanischen Regierung, die ihn sehr schätzte, immer größere Arbeiten zugeteilt wurden. 1880 führte er forstbotanische Untersuchungen im Osten Alabamas bis hin zu den Waldregionen im westlichen Texas durch, machte 1882 topographische Untersuchungen im nordöstlichen Florida, hielt auf großen Kongressen Vorträge und arbeitete u.a. in den Sammlungen des "Agricultural Department" mit. Für die University of Alabama legte Mohr ein Herbarium von über 25000 Arten an, beteiligte sich auch mit der Ausstellung botanischer und mineralogischer Exponate an den Ausstellungen in Atlanta (1881) und New Orleans (1884).

Neben Beiträgen zu umfangreichen Werken und einigen von ihm verfassten Büchern publizierte Mohr in der deutschsprachigen "Pharmaceutischen Rundschau" (New York) u.a. an die 75 botanische Aufsätze mit ca. 1800 Seiten. Er korrespondierte mit zahlreichen bedeutenden Botanikern Amerikas und Europas, u.a. auch mit dem Pharmakognosten Alexander Tschirch (1856-1939) in Bern. Für seine Verdienste machte man Mohr zum Ehrenmitglied des Philadelphia College of Pharmacy sowie vieler wissenschaftlicher und pharmazeutischer Gesellschaften. Die Universität von Alabama verlieh ihm 1893 den Ehrendoktortitel.

Plant Life of Alabama

1892 übernahm sein Sohn die Apotheke in Mobile, sodass Mohr die botanischen Arbeiten ungestört fortsetzen konnte. Sein bedeutendstes Werk "Plant Life of Alabama" (1901), in dem er auf 921 Seiten die Ergebnisse seiner fast 40-jährigen Untersuchungen über dieses Thema niedergelegt hatte, konnte er noch kurz vor seinem Tod zum Abschluss bringen. Es erschien zwei Wochen nach seinem Tode. Sein zweites großes Werk "Economic Botany of Alabama", in dem er die Heil- und Giftpflanzen, die Nutzpflanzen und die Unkräuter bearbeiten wollte, blieb unvollendet.

Im Jahre 1900 verließ Mohr die Stadt Mobile, in der er 40 Jahre seines Lebens verbracht hatte, und zog in den Kurort Ashville (North Carolina), wo er am Baltimore Herbarium mitarbeitete. Dort verstarb er am 17. Juli 1901. Mohr zählte zu den bedeutendsten Botanikern der USA im 19.Jahhundert. All seine Arbeiten waren für die wirtschaftliche Erschließlung der amerikanischen Südstaaten von großer Bedeutung. Er hat in Alabama 30 Pflanzenarten entdeckt, von denen er mehrere beschrieb oder die man nach ihm benannte.

Literatur: B. Reber: Gallerie hervorragender Therapeuten und Pharmakognosten der Gegenwart. Genf 1887, S. 135-152. P. Braun: Karl Theodor Mohr, Apotheker und Botaniker, 1824-1901. Beitr. Württ. Apt.gesch. III, H.4 (1957), S. 103-108. H.-D. Schwarz: Sein Lebenswerk "Plant Life of Alabama" - Zum 150. Geburtstag des Botanikers und Apothekers K. Th. Mohr. Eßlinger Ztg. vom 28. 12. 1974, S. 3. Deutsche Apotheker-Biographie, Bd.2, Stuttgart 1978, S. 440f. (Hickel). Neue Deutsche Biographie, Bd.17, 1994, S.404. S. Knoll Schütze: Friedrich Hoffmann (1832-1904) in New York und die Pharmaceutische Rundschau. Frankfurt/M. 1996.

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