Feuilleton

150. Todestag von Jöns Jacob Berzelius

Vor 150 Jahren, am 7. August 1848, starb der Mann, der der modernen Chemie ihr Aussehen gab. Wer dächte nicht bei "Chemie" an Formeln? Und doch war die Chemie bis Anfang des vorigen Jahrhunderts ohne Formeln ausgekommen. Man hatte, wenn man die Bezeichnungen für chemische Substanzen nicht in voller Länge ausschreiben wollte, noch immer die aus der Alchemie stammenden Zeichen verwendet, die aber in vielem mißverständlich waren. Mehrere Versuche, andere, deutlicher definierte Zeichen einzuführen, scheiterten bis zum Jahr 1813, als Jöns Jacob Berzelius sein Formelsystem vorstellte, das mit wenigen Änderungen bis heute gilt.

Die neue Formelsprache


Um für chemische Verbindungen Formeln aufstellen zu können, muß
das Atomgewicht der chemischen Elemente bekannt sein. So ergeben die zwei Gewichtsteile Wasserstoff und sechzehn Gewichtsteile Sauerstoff des Wassers nur dann die Formel H2O, wenn man weiß, daß H das Atomgewicht 1, O das Atomgewicht 16 hat. Nun konnte und kann man ein Atom nicht wiegen, aber man kann gleiche Volumina von Gasen (oder Dampf) bei gleicher Temperatur und gleichem Druck wiegen und diese Ergebnisse vergleichen. Auf diese Weise kommt man zu relativen Atomgewichten. Berzelius legte dann das Atomgewicht von Sauerstoff auf 100 fest und leitete alle anderen Atomgewichte davon ab; um 1860 setzte es sich durch, Wasserstoff mit 1 festzusetzen, und erst um die Wende zu unserem Jahrhundert einigte man sich auf Sauerstoff gleich 16 als Bezugseinheit.
1814 stellte Berzelius eine erste Atomgewichtstabelle vor, 1818 veröffentlichte er eine zweite für 49 chemische Elemente (damals waren erst etwas über 50 bekannt) und fast 2000 anorganische und organische Verbindungen. Damit war es nicht nur möglich, all diese Substanzen, sondern auch alle anderen, die entsprechend untersucht wurden, als Formeln zu schreiben. Etwa drei Jahrzehnte später erwuchsen jedoch vor allem in der organischen Chemie große Schwierigkeiten daraus, daß Berzelius alle kleinsten Körper, egal ob es sich um Elemente oder um Verbindungen aus Elementen (Moleküle) handelte, als "Atome" bezeichnete.

Elektrochemie


Berzelius hatte mit der Formelschreibweise, den Atomgewichtsbestimmungen und seiner Theorie der chemischen Verbindungen ein System entwickelt, das der Chemie eine bis dahin nicht gekannte Exaktheit und Berechenbarkeit verlieh. Dies machte ihn, zusammen mit der Entdeckung gleich dreier chemischer Elemente - 1803 zeitgleich mit Martin Heinrich Klaproth das Cerium, 1817 Selen und 1828 Thorium -, für fast vier Jahrzehnte zu der international größten Autorität auf dem Gebiet der Chemie. Auch die Begriffe, die Berzelius für bestimmte chemische Phänomene schuf, waren wichtig für Forschung und wissenschaftliche Kommunikation. So bezeichnete er die neu entdeckte Tatsache, daß unterschiedliche Substanzen die gleiche Summenformel besitzen können, als Isomerie; und wer heute ein Auto mit Katalysator fährt, weiß wohl kaum, daß der Begriff "Katalyse" von Berzelius stammt.

Lebenslauf


allen Lehrämtern zurück und widmet sich bald, nach seiner späten Heirat und Ernennung zum Freiherrn 1835, der Leitung der Akademie und der literarischen Arbeit. 1842 tritt er in den Ruhestand und stirbt am 7. August 1849 nach langer, schwerer Krankheit, die ihn zum Schluß in den Rollstuhl gezwungen hatte, in Stockholm.
1807 ist Berzelius einer der Mitbegründer der Schwedischen Ärztegesellschaft, und als Pharmazieprofessor wird er 1809 Mitautor der schwedischen Pharmakopöe, die sich stark an der unter Klaproths Mitarbeit erstellten Preußischen Pharmakopöe orientiert und wie diese die neue, "antiphlogistische" Chemie zugrundelegt. Später betätigt sich Berzelius auch als Standespolitiker, bekommt die Aufsicht über das Apothekenwesen und wirkt als Gutachter in gesundheitspolitischen Fachfragen. 1832 koordiniert er die Maßnahmen gegen die drohende Choleraepidemie.

Höchste Autorität


Obwohl Berzelius in seinen letzten Lebensjahren in wissenschaftlicher Hinsicht zunehmend umstritten war, hinterließ sein Tod eine Lücke: Den
europäischen Chemikern fehlte seine ruhige und entschiedene Autorität. Als sich vor allem in der organischen Chemie die Verhältnisse immer mehr verwirrten, soll der Ruf erschollen sein: "Berzelius! Ist denn kein Berzelius da?"
Söderbaum, H. G.: Berzelius, in: G. Bugge (Hrsg.): Das Buch der großen Chemiker, Bd. 1, S. 428- 457. Weinheim/New York 1929, Nachdruck 1979.
Prandtl, W.: Humphry Davy, Jöns Jakob Berzelius. Stuttgart 1948.
Jorpes, J.E.: Jac. Berzelius - His Life and Work. Stockholm 1966.
Dunsch, L.: Jöns Jakob Berzelius. Leipzig 1986.
Schwenk, E.F.: Sternstunden der frühen Chemie, S. 141-154. München 1998.
Brita Engel, Berlin