Abnahme von Blut­glucose-­Werten und BMI

Metformin in der Diabetes-Prävention

18.08.2023, 09:15 Uhr

In einer Studie wurde Metformin bei Prädiabetes in 43 endokrinologischen Abteilungen in China untersucht. (Foto: thinglass / AdobeStock)

In einer Studie wurde Metformin bei Prädiabetes in 43 endokrinologischen Abteilungen in China untersucht. (Foto: thinglass / AdobeStock)


Als Eckpfeiler der Diabetes-Prävention gelten Maßnahmen, die Über­gewicht und Bewegungsmangel reduzieren. Das Fortschreiten einer gestörten Glucose-Regulation zu einem manifesten Typ-2-Diabetes kann so wirksam verzögert oder verhindert werden. Eine Heraus­forderung bleibt jedoch der Pa­tientenanteil, der trotz Verhaltens­änderung an Diabetes erkrankt. Eine mögliche Lösung, um diese Personenzahl zu reduzieren, könnte der zusätzliche Einsatz von Metformin sein.

Eine gestörte Glucose-Regulation gilt als Diabetesvorstufe [1, 2]. Schätzungsweise sind 11 % der erwachsenen Bevölkerung weltweit betroffen [2]. Bis zu 70 % dieser Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens einen manifesten Diabetes mellitus Typ 2. Bei der auch als Prädiabetes bezeichneten Glucosestoffwechsel-Anomalie liegen die Glucose-Toleranz- oder Nüchtern-Glucosewerte weder im Normalbereich noch sind sie hoch genug, um einen Diabetes zu dia­gnostizieren (siehe Kasten „Wann liegt ein Prädiabetes vor?“).

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Die präventiven Effekte eines gesunden Lebensstils oder einer Metformin-Einnahme bei gestörter Glucose-Toleranz sind bereits gut belegt. Es fehlen jedoch evidenzbasierte Daten zum Nutzen einer kombinierten Intervention bei gestörter Glucose-­Regulation. Wissenschaftler der „Second Hospital of Hebei Medical University“ in China nahmen dies zum Anlass, die Wirksamkeit und Sicherheit einer Lebensstiländerung mit zusätzlicher Metformin-Gabe im Vergleich zur alleinigen Lebensstiländerung zu untersuchen.

17 % geringeres Diabetes-Risiko in Studie

In einer multizentrischen, offenen, randomisierten, kontrollierten Studie wurden 1678 Probanden mit gestörter Glucose-Toleranz oder gestörter Nüchtern-Glucose in 43 endokrinologischen Abteilungen in China rekrutiert. Das Durchschnittsalter lag bei 53 Jahren, der mittlere BMI (Body-Mass-Index) bei etwa 27 kg/m². Über einen Zeitraum von zwei Jahren folgten alle Probanden einer Sechs-Punkte-Anleitung zur Lebensstiländerung, die sowohl regelmäßige körperliche Aktivität als auch eine gesunde Ernährungsweise umfasste. 831 Personen erhielten zusätzlich 1700 mg Metformin, verteilt auf zwei Gaben pro Tag in einschleichender Dosierung. Als primärer Endpunkt wurde ein neu diagnostizierter Diabetes festgelegt. Sekundäre Endpunkte umfassten unter anderem Veränderungen von Vitalwerten.

307 Probanden (36%) mit alleiniger Lebensstiländerung erkrankten im Studienzeitraum an Diabetes. In der Metformin-Gruppe erhielten dagegen nur 248 Personen (30%) eine Diabetes-Diagnose. Das Risiko, einen manifesten Typ-2-Diabetes bei gestörter Glucose-Regulation zu entwickeln, war demnach mit der kombinierten Intervention um 17% geringer als mit alleinigem gesundem Lebensstil (Hazard Ratio [HR] = 0,83; 95%-Kon­fidenzintervall [KI] = 0,7 bis 0,99).

Die Risikoreduktion zeigte sich sowohl bei gestörter Nüchtern-Glucose als auch bei gestörter Glucose-Toleranz. Signifikant war die Reduktion jedoch nur bei Letzterer. Weiterhin konnte eine stärkere Abnahme von Blut­glucose-­Werten und BMI in der Metformin-Gruppe gezeigt werden.

Wann liegt ein Prädiabetes vor?

Sind die Blutzuckerwerte erhöht, liegen aber noch nicht im Bereich der Definitionskriterien eines Diabetes, spricht man vom Prädiabetes. Dabei ist einer oder sind mehrere der drei folgenden Blutglucose-Werte erhöht:

  • Nüchtern-Blutglucose-Konzentra­tion: 100 bis 125 mg/dl (5,6 bis 6,9 mmol/l)
  • Blutglucose-Konzentration 120 Minuten nach oralem Glucose­-Toleranztest: 140 bis 199 mg/dl (7,8 bis 11,0 mmol/l)
  • HbA1c-Wert: 5,7 bis 6,4%

Die Einstufung basiert auf der Definition der American Diabetes Association (ADA) und wird von der Deutschen Diabetes Gesellschaft empfohlen [2]. Die Betroffenen haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Dia­betes sowie von kardio­vaskulären Erkrankungen im Vergleich zu Personen mit Blutzuckerwerten im Normal­bereich.

Unerwünschte Ereignisse wie gastrointestinale Symptome traten in der Metformin-Gruppe häufiger auf und führten zu einer suboptimalen Compliance, was jedoch für keine Sicherheitsbedenken sorgte. Die Studien­autoren schlagen daher unter anderem eine intensivere Patientenauf­klärung über den Umgang mit Nebenwirkungen vor [1]. 

Literatur

[1] Zhang L, Zhang Y, Shen S et al. Safety and effectiveness of metformin plus lifestyle intervention compared with lifestyle intervention alone in preventing progression to diabetes in a Chinese population with impaired glucose regulation: a multicentre, open-label, randomised controlled trial. Lancet Diabetes Endocrinol 2023;11(8):567-577, https://doi.org/10.1016/S2213-8587(23)00132-8

[2] Stefan N. Prediabetes – a disease? Die Diabetologie 2023;19(2):215-222


Apothekerin Judith Esch, DAZ-Autorin
redaktion@daz.online


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