Bis zu acht Impfpass-Fälschungen am Tag

Um das Team zu schützen: Apotheke stellt keine COVID-19-Impfzertifikate mehr aus

Berlin - 24.11.2021, 17:50 Uhr

Eine Apothekerin und ihr Team wollen Betrüger:innen nicht einfach davonkommen lassen. (Foto: IMAGO / Future Image)

Eine Apothekerin und ihr Team wollen Betrüger:innen nicht einfach davonkommen lassen. (Foto: IMAGO / Future Image)


Gefälschte Impfpässe fluten derzeit die Apotheken in Deutschland. Eine Filialleiterin berichtet im Gespräch mit der DAZ jetzt von ihren Erfahrungen – und erläutert, weshalb ihre Apotheke keine Impfpässe mehr digitalisiert. Stattdessen schult sie nun die Polizei, wie man Fälschungen entlarvt.

Wer hierzulande noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben möchte, muss meist entweder geimpft oder genesen sein. Mit Blick auf die steigenden Inzidenzen setzt sich mittlerweile vielerorts das 2G-Prinzip durch. Das führt auch dazu, dass der Handel mit gefälschten Impfpässen boomt – wer einen ergattern konnte, geht in der Regel in eine Apotheke und versucht, ihn sich dort digitalisieren zu lassen.

Mehr zum Thema

Das hat Folgen für die Apothekenteams – und zwar vereinzelt so schwerwiegende, dass die betroffenen Betriebe aus der Impfpass-Digitalisierung aussteigen. Eine Filialleiterin, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte, berichtet im Gespräch mit der DAZ vom Ausmaß, das die Fälschungsflut inzwischen angenommen hat. Bis zu acht gefälschte Impfpässe pro Tag haben sie und ihr Team jüngst aus dem Verkehr gezogen, etwa jeder fünfte Nachweis sei nicht echt gewesen. „Ich bin zu nichts anderem mehr gekommen“, sagt sie. „Wir haben deshalb jetzt einen Schlussstrich gezogen und stellen keine digitalen Zertifikate mehr aus.“

Die Apothekerin und ihr Team wollten die Betrüger:innen nicht einfach davonkommen lassen und riefen die Polizei, wenn sie eine Fälschung entdeckten. Auch wenn sie den Kontakt mit den Beamten als freundlich beschreibt, hätten die häufigen Unterbrechungen ihren Arbeitsalltag zuweilen massiv beeinträchtigt. „Wenn ich eine Fälschung entdeckt hatte, bin ich meist hinten geblieben und habe dort auf die Polizei gewartet, damit sich die Fälscher mein Gesicht nicht einprägen können“, erzählt sie. Handgreiflich sei zwar niemand geworden, dennoch habe sie manche Situationen als bedrohlich empfunden. „Viele werden laut, es ist eine gewisse Grundaggressivität spürbar.“

Von der Politik fühlt sich die Apothekerin alleingelassen. „Sobald wir einen Impfpass nicht wieder rausrücken, ist den meisten klar, dass wir sie entdeckt haben. Das kann für die Apothekenmitarbeitenden gefährlich werden“, gibt sie zu bedenken. Oft habe sie technische Probleme vorgeschoben, um sich Zeit zu verschaffen. Dann habe sie die mutmaßlich gefälschten Impfpässe einbehalten und nach der Übergabe an die Polizei gegenüber den Besitzer:innen gesagt, die Beamten hätten sich von sich aus gemeldet und nach einem Impfpass mit dem entsprechenden Namen gefragt.

Apothekerin schult Polizei, Kammer verzichtet

Grundsätzlich sei der Gedanke, den Apotheken diese Aufgabe zu übertragen, richtig gewesen, meint die Filialleiterin. Doch je mehr die Politik die Freiheiten für Ungeimpfte eingeschränkt habe, desto mehr Impfpass-Fälschungen seien aufgetaucht. Inzwischen sei das Konstrukt nicht mehr tragfähig. „Da hätte man schon vor drei Wochen den Stecker ziehen sollen.“ Aus ihrer Sicht sollte es künftig nur noch möglich sein, direkt bei der impfenden Stelle ein Zertifikat zu bekommen, oder es bräuchte ein zentrales Impfregister, anhand dessen angeblich erfolgte Impfungen überprüfbar seien.

In der Apotheke der Kollegin gibt es nun zwar keine digitalen Impfzertifikate mehr – das Thema lässt sie aber nicht los. Inzwischen schult sie Polizeibeamte, woran man gefälschte Impfnachweise erkennen kann. Am gestrigen Dienstag gab sie das erste Seminar, etwa 10 bis 15 Beamte hätten daran teilgenommen. „Die Resonanz war durchweg positiv“, berichtet sie. Die Schulung sei auf ihre Initiative hin angeboten worden. „Ich habe mich an die zuständige Dienststelle gewandt. Dort hat man mein Angebot gern angenommen.“

Auch auf ihre Apothekerkammer sei sie zugegangen und habe vorgeschlagen, entsprechende Seminare für Apotheker:innen auf die Beine zu stellen. Dort allerdings ist sie abgeblitzt: „Wenn vonseiten der Polizei Informationsbedarf besteht, kann sich die Polizei direkt an uns wenden“, schrieb ihr die Kammer zurück. „Der ‚Zuruf‘ einer uns unbekannten Person, wie mit Ihrer E-Mail erfolgt, ist für die Kammer keine Grundlage einer Zusammenarbeit.“ Die Apothekerin ist mit Blick auf die Antwort verärgert und enttäuscht – wieder einmal werden die Kolleginnen und Kollegen allein gelassen, diesmal von der eigenen Standesvertretung.



Christina Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Kein klares Bild bei Myokarditis und Corona-Impfung

Die Corona-News des Tages

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

eImpfpass-Modellprojekt in Sachsen und Thüringen

Apotheker mal wieder außen vor

Berlin bekommt Pandemiefrühwarnzentrum der WHO

Die Corona-News des Tages

Nach Gerichtsbeschluss: ABDA-Präsidentin und Juristen fordern Schließung von Strafbarkeitslücken

Keine Strafe für Fälscher?

7 Kommentare

Apotheken allein gelassen

von Johanna am 25.11.2021 um 10:31 Uhr

Ich verstehe das nicht:
Ich hatte vom impfenden Arzt eine DIN-A4 Bescheinigung bekommen mit allen relevanten Einträgen plus QR-Code, den ich dann speichern konnte in der digitalen Corona App.
Das heisst, dass Apotheken im Prinzip völlig raus sein können mit der Ausstellung digitaler Impfnachweise.
Sie können das schlicht aus Ihrem Serviceangebot herausnehmen. Alle Apotheken bundesweit.
Somit hat sich das Problem der Vorlage 'gefälschter' Impfausweie von selbst erledigt.

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: Apotheken allein gelassen

von Kirsten am 25.11.2021 um 12:54 Uhr

Leider werden nicht in jedem Fall Bescheide mit QR-Code ausgestellt. Mein Betriebsarzt hat nur den Impfpass ausgefüllt. Für das Zertifikat musste ich dann auch in die Apotheke gehen.

AW: Apotheken allein gelassen

von Anneliese am 26.11.2021 um 14:38 Uhr

Mein Hausarzt sagt, dass er aus technischen Gründen keine QR-Code Bescheinigung ausstellen kann. Meine Apotheke des Vertrauens hat es gemacht. Hoffe nach dem Boostern machen sie es noch.
Schade, dass die Apothekerkammer den Vorschlag der Apothekerin, die Polizei zu schulen, nicht aufgreift.

'Wie dumm kann man sein'

von Impfgegner am 25.11.2021 um 8:47 Uhr

Was ist das denn für eine Aussage? Nur weil man eine andere Meinung und Sichtweise hat ist man noch lange nicht dumm. So langsam reicht es mit der Hetze! Da muss sich wirklich niemand über Randale auf den Straßen wundern, wenn so mit den Menschen umgegangen wird und 'Geimpfte' die 'Ungeimpften' niedermachen dürfen, ohne Konsequenzen. Da fällt einem nichts mehr zu ein. Einfach abartig! Ich soll hier eine Netiquette akzeptieren -lachhaft- wenn der Artikel mich und viele andere als DUMM bezeichnet!

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: 'Wie dumm kann man sein'

von Stefan Haydn am 25.11.2021 um 9:35 Uhr

Sorry, aber auf Nachsicht der durch renitente Masken- und Impfverweigerer in bester Diskussionslaune genervten Apothekenmitarbeiterinnen dürfen Sie nicht hoffen.

Aktuell dann auch noch die ständigen vorwurfsvollen Fragen bzgl. der täglichen Tests, da ja kaum Termine zu bekommen sind. Gibt eine einfache Lösung dagegen!
Genau diese Leute schlagen das Personal reihenweise in die Flucht!

AW: 'Wie dumm kann man sein'

von Felix Maertin am 25.11.2021 um 9:54 Uhr

Was zum Teufel reden Sie da?

Sie sind im falschen Forum.

Apotheken allein gelassen (wie immer)

von Conny am 24.11.2021 um 22:40 Uhr

Wir haben auch die Digitalisierung von Impfpässen in Haupt- und Filialapotheke seit ein paar Wochen eingestellt. Die Apotheken liegen in einer Großstadt mit viel Laufkundschaft. Wir haben bis zu 90% gefälschte Impfpässe pro Tag vorgelegt bekommen. Einige male haben wir die Polizei verständig und Anzeige erstattet. Öfters haben wir die Leute nur weggeschickt. Der Arbeitsaufwand ist einfach zu groß, deshalb haben wir im Team mit dem Chef beschlossen das einfach gar nicht mehr an zu bieten.
Das schlimmste war einer, der in der Apotheke festgenommen wurde von der Polizei und danach wieder in die Apotheke zurück kam und sich dann beim Chef über das Personal beschwert hat, sein Impfpass wäre echt. XD!
Wir haben der Praxis den Impfpass gefaxt und schriftlich, dass er dort nicht geimpft wurde. Ich hatte die Polizei dann nochmal am Telefon, die wäre fast gleich wieder gekommen. Wie dumm kann man sein. (Impfgegner halt)

!Wichtig: Wer immernoch Impfpässe digitalisieren will, immer eine Einverständniserklärung für die Entbindung von der Schweigepflicht für Apotheke, Praxen und Behörden unterschreiben lassen bevor man überhaupt den Impfpass anfasst (inklusive Vor- Nachname in Druckbuchstaben). Für die Polizei ist auch immer die genaue Zeit wichtig. Also das darauf auch notieren. (Kopien von Impfpässen reichen zu Not auch für eine Anzeige aus. Hier bitte gucken, dass vorne Geburtsdatum und aktuelle Adresse von der Person drauf stehen (siehe Peronalausweis). Vorderseite und Impfseite für Polizei kopieren. Wenns geht Video von der Kamera oder wenigstens Fotos speichern. Die Polizei hat entweder einen Usb-Stick dabei oder man kann später einen Brief mit dem Aktenzeichen bei der Polizei einwerfen.)
[So hatten wir das gemacht, damit wir nicht am Ende noch mehr Probleme bekommen]

Habe unseren Verband über die gefälschten Impfpässe informiert und nicht einmal eine Rückmeldung erhalten.

Zudem tauchen auf einmal gefälschte Testzertifikate unserer Hauptapotheke auf. Habe das auch gemeldet. Natürlich auch ohne Rückmeldung.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.