Mangelndes Interesse der Industrie?

Vorbereitung auf COVID-19 wäre wohl seit Jahren möglich gewesen

Düsseldorf - 22.02.2021, 17:50 Uhr

Mit der Entwicklung neuer COVID-19-Impfstoffe ging es 2020 schnell voran – aber hätte es noch schneller gehen können? (c / Foto: IMAGO / ZUMA Wire)

Mit der Entwicklung neuer COVID-19-Impfstoffe ging es 2020 schnell voran – aber hätte es noch schneller gehen können? (c / Foto: IMAGO / ZUMA Wire)


In die Diskussion um die weltweite Verteilung der Impfstoffe gegen die COVID-19-Pandemie, neue Impfstoffe und die Gefahr zukünftiger Pandemien mischt sich auch die Kritik, dass es bereits seit spätestens 2017 Finanzierungsmöglichkeiten seitens der EU gegeben hätte, Muster-Impfstoffe gegen Coronaviren zu erforschen. Die Pharmalobby zeigte Berichten von NGOs zufolge aber „kein Interesse“.

Politikern wird oft – und gerade in jüngster Zeit im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie – vorgeworfen, unüberlegt und unvorbereitet hektische Entscheidungen zu treffen. Gerade aber der besonders viel gescholtenen EU kann man diesen Vorwurf wohl nicht machen.

Sogar besonders früh hat man sich dort gerade im Bereich der „Bio-Preparedness“, also der Abwehr biologischer Gefahren wie der aktuellen Corona-Pandemie, Gedanken gemacht und versucht, konkrete Forschung anzustoßen. Bremser war in dem Fall allerdings offensichtlich die sich sonst gerne als innovativ gebende Lobby der großen Pharma-Hersteller. So berichten es jedenfalls mehrere Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs), die ein Auge auf die Aktivitäten der Industrie haben. Unter anderem die gleichen NGOs, die auch jüngst einen offenen Brief an die deutschen Impfstoff-Startups Biontech und Curevac schrieben, in denen sie appellierten, ihre COVID-19-Impfstoffe nun schnell weltweit produzieren zu lassen und auf Patentrechte zu verzichten.

Dass man hätte vorbereitet sein können, hat dabei eine bereits lange Geschichte. Schon im Jahr 2007 entstand seitens der Europäischen Union ein „Grünbuch über die Biogefahrenabwehr“. Fokussierte man da zwar insbesondere auch möglichen Bioterrorismus – wie die Anthrax-Briefe in den USA im Jahr 2001 –, hieß es aber damals auch bereits von der EU: „Falls in der Europäischen Union mit Vorsatz tödliche Erreger freigesetzt würden oder eine natürliche Krankheit ausbrechen oder aus einem Drittland in die EU eingeschleppt würde, könnten sich derartige Erreger beziehungsweise Krankheiten in mehreren Mitgliedstaaten gleichzeitig oder über Ländergrenzen hinweg verbreiten, was verheerende wirtschaftliche und soziale Folgen mit sich bringen könnte.“ Quod erat demonstrandum, könnte man sagen.

Pharma-Industrie lehnte Vorschlag und Finanzierung ab

Seit dem Auftauchen von SARS im Jahr 2002 und spätestens MERS im Jahr 2012 standen offensichtlich auch Coronaviren als explizite biologische Gefahr im Fokus, jedenfalls der Politiker – neben anderen als gefährlich erachteten Krankheitserregern. Eine Untersuchung der NGO Corporate Europe Observatory gemeinsam mit der NGO Global Health Advocates berichtet konkret über Pläne seitens einer EU-Initiative aus dem Jahr 2017, „die Entwicklung und Genehmigungs-Möglichkeiten für Impfstoffe gegen priorisierte Pathogene maximal möglich zu befördern – bevor ein Ausbruch auftritt“. So zitiert auch die britische Tageszeitung Guardian“ einen Vertreter der Europäischen Kommission.

Die NGO Corporate Europe Observatory (CEO) untersucht insbesondere die Lobby-Bemühungen von Unternehmen bei den EU-Einrichtungen, während die Global Health Advocates (GHA) sich besonders in Frankreich und Indien für die Bekämpfung von Krankheiten einsetzen, die besonders arme Menschen betreffen. Bei der EU-Initiative handelt es sich um die bereits zweimal verlängerte „Innovative Medicines Initiative“ (IMI), ein sogenanntes Public-Private-Partnership. Die IMI verfügt über Mittel aus dem EU-Forschungsbudget sowie über Mittel von Unternehmen und Verbänden der Pharmaindustrie und fördert damit konkrete Forschungsvorhaben. Neben Vertretern der EU lenken Vertreter des pharmazeutischen Handelsverbandes sowie der europäischen Pharma-Lobbyvereinigung EFPIA (European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations) die Verteilung der Gelder. Allein aus dem EU-Forschungsbudget wurden für die IMI von 2008 bis 2020 immerhin 2,8 Milliarden Euro verteilt.

Im Jahr drei vor Ausbruch der COVID-19-Pandemie, also 2017, beantragten die Vertreter der EU bei der IMI das konkrete Forschungs-Förderungsvorhaben, Impfstoffe auch insbesondere gegen Coronaviren zu entwickeln. Die Vertreter der Pharmaindustrie in der IMI lehnten dies im Jahr 2018 jedoch ab, berichten neben CEO und GHA auch die deutsche NGO BUKO Pharma-Kampagne in ihrem Pharma-Brief.

Forschungsgelder eher für „kommerziell rentablere“ Projekte genutzt

Statt die EU-Forschungsgelder in die langfristige Vorbereitung gegen Epidemien zu investieren, habe „die Pharmaindustrie das Budget meist zur Finanzierung von Projekten in Bereichen, die kommerziell rentabler waren“, genutzt, kommen die NGOs CEO und GHA zum Ergebnis in ihrer Untersuchung. Die meisten IMI-geförderten Projekte hätten dagegen unter anderem die Themen Alzheimer oder Krebs behandelt.

Der damalige EU-Vorschlag hätte die Finanzierung unter anderem von in Silico-Forschung im Computermodell sowie von erweiterten Tierversuchs-Modellen beinhaltet, die bei der Impfstoffentwicklung bessere Ergebnisse erzielen hätten können, berichtet der „Guardian“. Die ZDF-Kabarett-Sendung „Die Anstalt“ brachte den Vorgang erst im Februar wie folgte auf den Punkt: „Die Industrie hatte kein Interesse, obwohl die EU ihnen alles bezahlt hätte.“

Die tatsächliche Forschungsleistung zu Coronaviren und deren Bekämpfung in den vergangenen Jahren sei dagegen hauptsächlich von öffentlicher Seite geflossen, berichtet etwa die BUKO Pharma-Kampagne. Außerdem auch beispielsweise vonseiten der weltweiten Initiative CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations), an deren Gründung neben der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung unter anderem auch Deutschland beteiligt war. 

Die CEPI unterstützt insbesondere den Aufbau eines Forschungsnetzwerks zur Erforschung und Entwicklung neuer Impfstoffe gegen neue virale Infekte. Eine Zusammenarbeit mit der CEPI habe die IMI im Jahr 2018 ebenfalls abgelehnt, berichtet der „Guardian“.

Nachdem nun vor allem Start-Ups wie Biontech und Curevac (letztlich Ausgründungen von Forschern der Universitäten Mainz und Tübingen) in kurzer Zeit Impfstoffe entwickelt haben, bei denen sie den ursprünglichen Fokus der Krebsbekämpfung auf das SARS-CoV-2 drehten, stießen die großen Pharma-Unternehmen wie Pfizer bei Biontech und Bayer bei Curevac erst später dazu.

Auch für die nächste Zukunft erwarten Forscher:innen wie die Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz Zentrum München, Professor Ulrike Protzer, neue Pandemien. Das weitere Vordringen von Menschen in die Natur trage zu Krankheitsausbrüchen mit weiter Verbreitung bei, sagte sie etwa dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Ob die Pharma-Unternehmen nach den Erfahrungen der Corona-Pandemie nun von sich aus auf die Entwicklung von Impfstoffen gegen Erreger setzen, die etwa auf der WHO-Liste der prioritären Pathogene verzeichnet sind, bleibt indes abzuwarten.



Volker Budinger, Diplom-Biologe, freier Journalist
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

Ich weiß es

von RN am 22.02.2021 um 19:34 Uhr

Die Pandemie war noch nicht abschließend vorbereitet.

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Ach nee....

von J.M.L. am 22.02.2021 um 18:45 Uhr

Auch ein starker Sonnensturm wird die Erde mal wieder treffen (so die Ostküste der USA in der 80er Jahren), dann geht die Elektrik in 8 min. kaputt, ein Hoch auf die Digitalisierung und das e-Rezept Hr. Spahn! Ich lese schon förmlich die nächste DAZ-Schlagzeile:
"Vorbereitung auf Sonnensturm wäre wohl seit Jahren möglich gewesen"...

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