Fertigarzneimittelseminar der Uni Frankfurt

Krätze – jetzt geht`s unter die Haut

Frankfurt am Main - 08.02.2019, 07:00 Uhr

Wie entsteht Krätze? Und wie wird man sie los? (s / Illustr.: Sebastian Kaulitzki | Foto: ryanking999 / adobe.stock.com)

Wie entsteht Krätze? Und wie wird man sie los? (s / Illustr.: Sebastian Kaulitzki | Foto: ryanking999 / adobe.stock.com)


Wohl alle Studenten der Uni Frankfurt kennen es: das Fertigarzneimittelseminar im achten Semester – die letzte Hürde vor dem Lernmarathon des zweiten Staatsexamens. Die derzeitigen Achtsemester hatten am Mittwoch das größte menschliche Organ auf der Agenda, die Haut. Und zwar von Psoriasis über Melanom bis hin zu parasitären Erkrankungen – wie die Scabies. Was merzt Krätzmilben aus? Andreas Fey gab einen Überblick.

Allein das Wort schafft bei den meisten Menschen einen Hauch von Ekel und Schüttelfrost: Krätze. Verursacht wird Scabies durch die Krätzmilbe, und zwar ist die Wurzel allen Übels hier weiblich. Denn lediglich das Milbenfrauchen sorgt für den bestialisch-unangenehmen Juckreiz. Wie? Die weibliche Milbe verkriecht sich nach der Paarung in die oberen Schichten der Epidermis, legt dort ihre Eier ab und hinterlässt Kot. Die Paarung zuvor vollziehen die Milben noch auf der Hautoberfläche, für den männlichen Part ein eher frustrierender Akt, er stirbt hinterher.

Dass die weiblichen Krätzmilben ausschließlich in den oberen Hautschicht persistieren, hat seinen Grund. Denn der obligate, auf den Menschen spezialisierte Parasit (Sarcoptes scabiei var. hominis) nimmt den benötigten Sauerstoff via Diffusion über die Körperoberfläche auf, so dass der Parasit nicht tiefer als eben in die oberste Hornschicht (Stratum corneum) oder allenfalls in das darunterliegende Stratum granulosum eindringen kann.

Krätze auf dem  Vormarsch

Mit diesen „Basics“ zur Scabies startete Andreas Fey, Pharmaziestudent im Abschlusssemester der Goethe-Universität Frankfurt am Main, beim Fertigarzneimittelseminar (FAS) am vergangenen Mittwoch seinen Ausflug in diese wichtigen parasitäre Erkrankungen beim Menschen. In jedem Semester veranstalten die Studenten des jeweiligen achten Semester das sogenannte FAS (siehe Infobox Kapitel drei), die Teilnahme ist Pflicht, da der Klinische-Pharmazie-Schein daran gekoppelt ist.

Doch ist Krätze überhaupt so wichtig, dass man ihr besondere Aufmerksamkeit schenken sollte? Das ist sie in der Tat, der Student erklärt: „Krätze ist auf dem Vormarsch“. Belegen kann er seine Hypothese mit dem Arzneiverordnungsreport der Barmer Krankenkasse. So ist laut Barmer die Verordnung wichtiger Arzneimittel zur Behandlung der Scabies von Jahr 2016 (38.127) nach 2017 (61.255) um 60 Prozent gestiegen.

Die Diagnose von Scabies ist für Ungeübte nicht ganz einfach, denn „meist sieht man nur die Folgen des Juckreizes“, so Fey. Die Linien, die durch das Gängegraben der weiblichen Krätzmilben entstünden, seien sehr klein, weswegen auch zur diagnostischen Abklärung ein Arzt konsultiert werden solle. Dieser könne mittels Dermatoskop die Diagnose stellen.

Der Student erinnert: „Für Scabies besteht eine Meldepflicht für Gemeinschaftseinrichtungen“.

Warum Krätze nachts am schlimmsten ist

Wie merkt man eine Scabies? Es juckt. Hat sich die Milbendame erst einmal in die Epidermis gebohrt, verursacht sie jedoch nicht automatisch gleich Symptome. Die Inkubationszeit ist sogar relativ lange. „Nach der Paarung kann es ein bis fünf Wochen dauern, bis tatsächlich erste Symptome auftreten“, so Fey. Die eigentliche Symptomatik beschreibt der Student mit einem brennenden Juckreiz, der insbesondere nachts auftrete, da Körperwärme – wie unter der Bettdecke – diesen Juckreiz zusätzlich triggere.

Krätze / Skabies

Thema: Parasiten

Krätze / Skabies

Neben Hautarealen mit verhältnismäßig hoher Temperatur bevorzugen Scabiesmilben Stellen mit nur dünner Hornschicht, wie die Interdigitalfalten der Hände und Füße, Ellenbogenstreckseiten, vordere Axillarfalten, Brustwarzenhof, Nabelregion, Gürtellinie, Gesäß, Analfalte, Perianalregion, Leisten, Knöchelregion, die inneren Fußränder und insbesondere den Penisschaft. Bei Säuglingen und Kleinkindern findet man typische Hauterscheinungen auch am behaarten Kopf, im Gesicht sowie palmoplantar.

Einmal Permethrin: Mittel der Wahl

Zur pharmakologischen Therapie empfiehlt der Acht-Semester-Student Permethrin 5 Prozent als topische Anwendung, da hier eine einmalige Anwendung genüge. Wie das funktioniert? „Halsabwärts von Kopf bis Fuß abends eincremen, über Nacht einwirken lassen, und bereits nach acht Stunden besteht keine weitere Ansteckungsgefahr mehr“. Allerdings: Der Juckreiz ist hartnäckiger und ausdauernder. Bis dieser verschwindet kann es mehrere Wochen dauern. Warum ist das so? Die Krätze befindet sich nach wie vor unter der Haut und muss „rauswachsen“

Mit dieser Empfehlung geht Fey konform mit der aktuellen S1-Leitlinie aus dem Jahr 2016. „Permethrin gilt in Europa als topisches Mittel der Wahl bei vielen Formen der Scabies und unabhängig vom Lebensalter, da es in mehreren Studien anderen Lokaltherapeutika an Wirksamkeit überlegen oder bei ähnlicher Wirksamkeit praktikabler und außerdem gut verträglich ist“. Als Präparate sind unter anderem InfectoScab® 5 % Creme beziehungsweise permethrin-biomo® Creme 5 % im Handel. Beide Präparate sind rezeptpflichtig.

Ivermectin einziges orales Krätzemittel

Rezeptfrei stehen Apothekern topische Arzneimittel mit den Wirkstoffen Benylbenzoat oder Crotamiton (Crotamitex®) zur Verfügung. Bei beiden Wirkstoffen ist der Wirkmechanismus laut Leitlinie unbekannt, auch die Fachinformationen beschreiben diesen nicht. Nachteilig im Vergleich zu Permethrin ist die erforderliche mehrtägige Anwendung. Bei Benzylbenzoat erfolgt die Anwendung an drei aufeinanderfolgenden Tagen und erst an Tag vier wird der Wirkstoff abgeduscht.

Als orales, verschreibungspflichtiges Präparat gibt es das ivemectinhaltige Scabioral®. Ivermectin-Tabletten sind erst seit Mai 2016 auf dem deutschen Markt, zuvor musste orales Ivermectin aus dem EU-Ausland importiert werden. Doch auch mit der Zulassung durch Infectopharm war die Versorgung nicht stets gewährleistet. Das Heppenheimer Unternehmen musste in den vergangenen Jahren immer wieder Lieferengpässe melden. Zum 15. Januar 2019 hat Infectopharms Tochterfirma Pädia ein ivermectinhaltiges Generikum des firmeneigenen Präparats Scabioral® eingeführt.

Fertigarzneimittelseminar der Uni Frankfurt

Das Fertigarzneimittelseminar ist ein seit vielen Jahren etabliertes „Projekt“ des jeweiligen Abschlusssemesters. Ursprünglich hatte es der seit Langem emeritierte Professor Ernst Mutschler ins Leben gerufen, seit 2011 belohnt die Apothekerkammer Hessen die fortbildungseifrigen Zuhörer mit Punkten.

Jedes Semester widmet sich einem großen Bereich der Pharmakotherapie – in diesem Jahr war es die Haut. Zuhören darf jeder, wobei neben Studenten und Dozenten wohl hauptsächlich Apotheker zum Frankfurter FAS ins Biozentrum am Riedberg pilgern. Die einzelnen Studenten stellten ihre Themen nicht nur in 15- minütigen Vorträgen frontal vor, sondern stellten sich anschließend auch gern den Fragen des Auditoriums. Somit entsteht eine interaktive Fortbildung, aus der sowohl Vortragende als auch Zuhörer viel neues Wissen mit nach Hause nehmen können.

Die Gruppen werden jeweils von Lehrenden der Pharmazeutischen Institute unterstützt, wobei jedoch Eigeninitiative groß geschrieben wird. Die Studenten setzen sich intensiv mit ihren Themen auseinander, lernen vor großem Publikum zu referieren und dies alles in einem würdigen Rahmen zu präsentieren.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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