Neuro-Onkologie

Methadon im Zellversuch beim Glioblastom unwirksam

Berlin - 01.03.2018, 10:00 Uhr

Fernsehberichte über Behandlungserfolge mit Methadon weckten Hoffnungen bei Glioblastom-Patienten. Neue Daten sprechen jedoch leider gegen eine Wirksamkeit. (Foto: Imago)

Fernsehberichte über Behandlungserfolge mit Methadon weckten Hoffnungen bei Glioblastom-Patienten. Neue Daten sprechen jedoch leider gegen eine Wirksamkeit. (Foto: Imago)


Vereinzelte Fallberichte aus den letzten Jahren weckten für Glioblastom-Patienten die Hoffnung, dass eine Methadon die Wirksamkeit von Chemotherapien verstärken könne. Neue Daten zeigen jedoch, dass Methadon weder Glioblastomzellen für die Behandlung mit dem Zytostatikum Temozolid sensibilisiert, noch direkte zytotoxische Wirkungen entfaltet. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie rät in einer aktuellen Pressemitteilung davon ab, Methadon bei Glioblastom-Patienten anzuwenden.

Das Glioblastom ist ein Hirntumor mit schlechter Prognose. Im vergangenen Jahr gingen Einzelfallberichte von Behandlungserfolgen durch die zusätzliche Gabe von Methadon durch die Medien. Die zugrunde liegende Hypothese war, dass Methadon die Wirksamkeit von Chemotherapeutika gegen das Glioblastom verstärken könne.

Wirksamkeitsnachweise in Form von klinischen Studien gibt es für diesen Therapieansatz jedoch nicht. Bisher wurde lediglich in einer kleinen Sicherheitsstudie mit 27 Patienten gezeigt, dass Methadon die Toxizität einer Chemotherapie nicht signifikant steigerte. Wenn Ärzte Glioblastom-Patienten supportiv mit Methadon behandeln, stellt dies demnach einen individuellen Heilversuch dar.

Kein synergistischer oder zytotoxischer Effekt

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) weist in einer aktuellen Pressemitteilung darauf hin, dass in Deutschland viele Glioblastom-Patienten mit Methadon behandelt werden, ohne dass es dafür eine evidenzbasierte Grundlage gibt. Auf dem 33. Krebskongress vom 21. bis 24. Februar in Berlin stellten Forscher des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) neue experimentelle Untersuchungen über den Einfluss von Methadon auf Glioblastomzellen vor.

In dieser Studie behandelten die Forscher Glioblastom-Zellkulturen entweder mit dem Zytostatikum Temozolomid allein, mit Methadon* allein oder mit einer Kombination aus Temozolomid und Methadon. Unbehandelte Zellkulturen dienten als Kontrolle.

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Anmerkung der Redaktion: Dabei handelte es sich nach Angaben des zugehörigen Posters um Levomethadon (R-(−)-Methadon). Quelle: Latzer P, Kessler T, Sahm F, Rübmann P, Hielscher T, Platten M, Wick W. Methadone does not increase toxicity of temozolomide in glioblastoma cells. Poster 33. Deutscher Krebskongress, 21.–24. Februar 2018, Berlin; Oncol Res Treat 2018;41(suppl 1):1–221

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„Leider mussten wir feststellen, dass Methadon die Wirksamkeit der Chemotherapie nicht verstärkt. Das Opioid hat keinerlei sensibilisierende Wirkung für die bei Glioblastomen eingesetzte Standardtherapie mit Temozolomid. Auch Methadon allein hat keinen nachweisbaren Effekt auf das Überleben oder Sterben der Krebszellen“, erklärt der Leiter der Arbeitsgruppe, Professor Wolfgang Wick, Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg.

Opioid-Rezeptoren fehlen

Ein Grund für dieses negative Ergebnis könnte nach Informationen der Forscher in der speziellen Rezeptorausstattung der Glioblastomzellen liegen. So fehlen bei der überwiegenden Mehrzahl von humanen Glioblastom-Zellen die Opioid-Rezeptoren, über welche Methadon wirken könnte. „Opioid-Rezeptoren sind offenbar recht exklusiv auf spezialisierten Nervenzellen exprimiert“, erläutert Professor Schlegel, einer der federführenden Autoren für die Leitlinie „Hirntumoren“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Diese neuen Erkenntnisse sprechen gegen einen Einsatz von Methadon als unterstützende Behandlung zur Chemotherapie bei Glioblastom. „Außerhalb von klinischen Studien ist von einer „supportiven“ Methadon-Therapie des Glioblastoms dringend abzuraten“, betont Schlegel. Auf die Wirkung von Methadon auf andere Krebsarten beziehungsweise Chemotherapien lässt sich aus den Ergebnissen nicht schließen.

Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie 28. Februar 2018.


Dr. Bettina Jung, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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5 Kommentare

Methadon

von Lothar Fineiß am 23.11.2018 um 22:34 Uhr

Wenn mit Methadon von 100 Patienten auch nur 2 Profitieren,müssen die geringen Nebenwirkungen in Kauf genommen werden. Soviel sollte auch der Ärzteschaft das
Leben der 2 wert sein.

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AW: Chance vertan

von Ralph Gerstmann am 02.03.2018 um 16:40 Uhr

Lieber Herr Dr. Kavelage,

vielen Dank für diese sehr präzise Richtigstellung.
Dem ist fachlich nichts hinzuzufügen.

Es ist unfassbar,
wie ein vermeintlich so hoch qualifiziertes Team
auf einem so wichtigen Kongress eine so
erbärmlich unqualifizierte "Studie" abliefern kann.

Man muss sich beim Herrn Wick
und Kollegen wirklich fragen,
wer von diesen offensichtlich absichtlich
verbreiteten Fehlinformationen profitiert.

Diese nehmen ein Stück nasser Seife,
tun so als ob sie versuchten
daran ein Streichholz anzuzünden,
um uns dann zu erklären:
Seht Ihr, leider funktioniert das Streichholz nicht.

Fazit:
Wick und Kollegen verbreiten bewusst Fakenews!

Nachdem o.g. jahrelang die Erkenntnisse von
Fr. Dr. Friesen und Hr. Dr. Hilscher
nicht gehört haben mit dem Argument,
es gäbe keine evidenzbasierten Studien,
nachdem man jetzt,
aufgrund des öffentlichen Drucks,
diese evidenzbasierten Studien
nicht mehr verwehren kann,
kommen diese ausgerechnet jetzt mit einem
bewusst stümperhaften Experiment
und präsentieren dieses wie eine glaubhafte Studie.
Diese ist eminenzbasiert braucht
infolgedessen keinerlei Evidenz.

Das kann doch nur den Hintergrund haben,
dass Wick die von ihm angeblich
bereits beantragten evidenzbasierten
Studien immer noch mit all
seiner Macht verhindern will,
mit dem soeben herbeigelogenem Argument,
dass sie sowieso nicht funktionieren könnten.

Diesen Herrschaften sollte man,
mit Verweis auf den Eid des Hippokrates,
sämtliche Titel aberkennen,
sie von ihren Beschäftigungen frei stellen
und ein Berufsverbot erteilen.

Lesetipp:
https://www.arznei-telegramm.de/html/2008_12/0812125_03.html

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Chance vertan

von Dr. Christian Kalvelage am 01.03.2018 um 14:25 Uhr

Die von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie veröffentliche Pressemitteilung beruft sich auf eine Studie, in der die Forscher im Labor den spezifischen Effekt von Methadon auf Glioblastomzellen untersuchten. Diese Studie kommt zum Ergebnis, dass Methadon keinen positiven Einfluss auf die Therapie bei Glioblastomen hat. Leider wurde eben nicht beleg, dass Methadon nicht wirksam ist, sondern, dass die Autoren sich nicht ernsthaft und neutral mit dem Thema auseinandergesetzt haben.
1. In der Studie wurde nicht DL-Methadon, sondern lediglich L-Polamidon (Wirkstoff Levomethadon) getestet. Dies geht aus der englischen Veröffentlichung hervor, in der beschrieben wurde, dass R-(-)-methadon (L-Polamidon) eingesetzt wurde – in der deutschen Veröffentlichung fehlt dieser Hinweis. Die Befürworter von Methadon (Dr. Friesen u.a.) haben immer wieder angemerkt, dass nur bei dem Racemat DL-Methadon eine relevante Wirkung in Laborversuchen festgestellt werden konnte – und zudem ausdrücklich darauf hingewiesen, das Levomethadon aufgrund des fehlenden Dextromethadons keine zusätzliche positive Wirkung bei der Kombination Chemo/Levomethadon hat. Die Aussage, dass Methadon keine verstärkende Wirkung in der Chemotherapie hat, ist deshalb nicht zulässig, da in der Studi nur auf das Levomthadon getestet wurde. Eine mögliche Wirkung von DL-Methadon als Wirkverstärker wurde nicht untersucht und deshalb auch nicht durch diese Studie widerlegt/belegt.
2. Als Zytostatika wurde im Laborversuch Temozolomid getestet. Tomozolomid ist in seiner Reinform nicht wirksam und wird erst mit der Metabolisierung im Körper zu Monomethyl-triazeno-imidazol-carboxamid (MTIC - Methylhydrazin) aktiv. Für einen Laborversuch ist Tomozolomid deshalb ungeeignet, das es keine therapeutische Wirkung entfalten kann.
3. Viele wissenschaftliche Studien seit 1990 belegen, dass Glioblastomzellenan deren Oberfläche zahlreiche Opioid-Rezeptoren tragen. Da ist die These der Autoren schon mehr als gewagt, wenn diese ohne jeglichen wissenschaftlichen Beleg genau das Gegenteil feststellen.
Es ist bedauerlich, dass mit der fehlerhaften Studie ein Chance vertan wurde, die Wirksamkeit von DL-Methadon als Wirkverstärker in der Krebstherapie zu widerlegen bzw. zu belegen. Leider ist es absehbar, dass diese mangelhafte Studie Einfluss auf die Meinungsbildung vieler Ärzte haben wird – und das zu Unrecht.

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AW: Chance vertan

von Juergen Busch am 01.03.2018 um 15:17 Uhr

Besten Dank für diese Richtigstellung, Herr Dr. Kavelage.
Leider befürchte ich, dass hiermit sowohl eine massive Meinungsbildung in ärztlichen Sektor eine vielleicht nicht unbeabsichtigte Folge ist und ebenso eine Einflussnahme auf die Entscheidung zur Finanzierung der Studie mit D,L-Methadon als Wirkverstärker tangiert sein kann.
Anstatt, wie von Prof. Wick angekündigt, eine Studie zu D,L-Methadon durchzuführen wird nun von ihm im Labor vorab schon daran gearbeitet, dass man diese Studie gar nicht erst benötige.
Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

AW: Quellenangabe

von Ralph Gerstmann am 03.03.2018 um 23:52 Uhr

Englicher Originaltext der "Studie": https://www.dkk2018.de/files/content/Programm_Downloads/AbstractbandV2.pdf Seite 188

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