Berlin

Traditions-Apotheke schließt nach Mieterhöhung

Berlin - 02.01.2018, 10:05 Uhr

„Druck für Zusatzverkäufe gab es für das Team nie“ - Sabine Göhr-Rosenthal  (Foto: Hohenzollern-Apotheke)

„Druck für Zusatzverkäufe gab es für das Team nie“ - Sabine Göhr-Rosenthal  (Foto: Hohenzollern-Apotheke)


Labor ausräumen, Akten verpacken, Regale auseinander schrauben. Die letzten Tage des vergangenen Jahres bedeuten für Sabine Göhr-Rosenthal mehr Arbeit als üblich um diese Zeit. „Bis zum 31. Dezember muss der Laden leer sein“, erklärt die ehemalige Leiterin der Hohenzollern-Apotheke und legt dabei vorsichtig eine von mehr als 1000 Zinnfiguren in einen Umzugskarton. Diese gehörten ihrem Vater, der vor ihr die Neuköllner Apotheke führte. Jetzt musste das Familienunternehmen in der dritten Generation schließen.

Das Ende beginnt vor einem Jahr mit dem Schreiben des neuen Vermieters. Es kündigt eine gestaffelte Mieterhöhung an. „Ein massiver Knüppel war das“, erinnert sich die Berlinerin. Schnell wird ihr klar: Das bedeutet das Aus für den Familienbetrieb im Multi-Kulti-Bezirk.

Knapp die Hälfte der rund 20.000 Apotheken in Deutschland sind in den kommenden Jahren existenziell bedroht. Das prophezeit das inzwischen veröffentlichte Honorar-Gutachten im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums, über das DAZ.online ausführlich berichtete.

Die Berliner Pharmazeutin kennt den Kampf ums wirtschaftliche Überleben. „Vieles konnten wir wegstecken“, erinnert sie sich. Beispielsweise Umsatzeinbußen in Höhe von 30 Prozent. Grund dafür war eine Baustelle unmittelbar vor dem Laden. Viereinhalb Jahre lang. Auch als mehrere Fachärzte in lohnendere Stadtgebiete umsiedeln und Rezepte wegfallen, gab es noch keinen Grund aufzugeben. Jedenfalls nicht für die „pharmazeutische Dienstleisterin mit Herz“. Diese Beschreibung liefert die Kurztextvorschau demjenigen, der „Hohenzollern-Apotheke“ auf Google sucht. Inzwischen führt der dazugehörige Link auf eine leere, weiße Seite. Zum 30. November wurde der Web-Auftritt der traditionsreichen Offizin vom Verband gelöscht. Pünktlich und ordentlich. „Ich erledige Dinge selbst gerne ordentlich“, sagt die Hauptstädterin über sich. Doch diesen Moment empfand sie als brutal.

Die tieferen Ursachen einer Krankheit verstehen, sei immer Credo in ihren Beratungen gewesen, erzählt Göhr-Rosenthal. Sie nahm sich Zeit für die Kunden. Empfahl gerade so viele Medikamente, wie nötig. „Druck für Zusatzverkäufe gab es für das Team nie“, so die ehemalige Chefin. Kunden schätzen die ehrliche Zuwendung. Sie kommen gerne in die Apotheke an der Karl-Marx-Straße. Bis zum Schluss.

Von der Politik im Stich gelassen?

Doch am Ende reicht es nicht. Die Mühe. Der tägliche Einsatz. Eine Modernisierung Anfang des Jahrtausends. Das ist schmerzhaft. Auch für ihre „wunderbare Mitarbeiterfamilie“, so die engagierte Pharmazeutin. In den letzten Novemberwochen fragen Kunden immer wieder: „Wo soll ich denn hin, wenn Sie nicht mehr da sind?“

Doch die ehemalige Vizepräsidentin der Berliner Apothekerkammer, die lange in der Industrie gearbeitet hat, will keine Betroffenheit für ihr persönliches Schicksal. Sie erlebt ihren Fall als absehbare Konsequenz einer langjährigen gesellschaftspolitischen Entwicklung. Das aktuell massive Apothekensterben sei Ausdruck dessen, was sie mit „Nichtachtung der Apothekenleiter“ zusammenfasst. Der wirtschaftliche Druck für Apotheker sei enorm. Kämen wie in ihrer Situation höhere Mieten durch die voranschreitende Gentrifizierung hinzu, müsse solch ein Ende nicht überraschen.

Ihr Wunsch für die Zukunft? „Rahmenbedingungen, die gewährleisten, dass  Apotheker wieder ihrer ureigenen Aufgabe nachkommen und davon leben können“, so die engagierte Pharmazeutin. Damit meint sie gute, fachliche Beratung, welche die Gesundung der Patienten unterstützt. Sie sieht die Politik und die eigene Standesorganisation in der Verantwortung. Discount-Angebote und Happy-Hour-Rabatte hält Göhr-Rosenthal für Symptombehandlung. Für die dauerhafte Gesundung der Branche fordert sie ein Umdenken, das die Ursachen angeht.

Sie selbst schaut nach vorne. Nach der Räumung will sie sich ein halbes Jahr Zeit nehmen und überlegen, wie es weitergeht. Sorgen macht sich die 59-jährige keine. Sie ist überzeugt, dass sie nach wie vor gebraucht wird: „Ich bin bereit, für das was jetzt kommt.“



Eva Becker, Autorin DAZ.online
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Apothekensterben durch Rot Grün und jetzt auch CDU + FDP

von Ratatosk am 02.01.2018 um 18:48 Uhr

Da können die Politiker halt mal wieder eine Kerbe in den Colt schnitzen !
Das ist es ja was gewollt ist - und bei der Anschlußverwendung wird sich schon eine Organisation dankbar erweisen.

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