Bottrop

Verhafteter Zyto-Apotheker hat womöglich Studien verfälscht

Bottrop - 15.12.2016, 17:55 Uhr

Schwere Vorwürfe: Der Apotheker soll Zytostatika gestreckt haben. (Foto: DAZ.online)

Schwere Vorwürfe: Der Apotheker soll Zytostatika gestreckt haben. (Foto: DAZ.online)


Die erheblichen Betrugsvorwürfe gegen einen Bottroper Apotheker ziehen weitere Kreise: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) warnt, er habe auch Prüfpräparate für klinische Studien hergestellt. Zwischenzeitlich haben Patienten Anzeige wegen Körperverletzung gestellt.

Der Bottroper Apotheker, der wegen des Fälschungsvorwurfs von mehr als 40.000 Zyto-Rezepturen in Untersuchungshaft sitzt, ist Anlass für eine Warnmeldung des des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). „Das BfArM hat Kenntnis davon erhalten, dass auch Prüfpräparate für klinische Studien in der betreffenden Apotheke hergestellt bzw. rekonstituiert worden sind“, erklärt die Behörde. Sie stehe in dieser Sache im Austausch mit den zuständigen Landesbehörden.

Vorsorglich weist das BfArM darauf hin, dass Studien-Sponsoren, die Prüfpräparate in der betroffenen Apotheke haben herstellen oder rekonstitutieren lassen, dies der zuständigen Bundesoberbehörde „unverzüglich anzeigen sollten“. Sollte der Apotheker tatsächlich nicht die richtigen Wirkstoffmengen verwendet haben, wie es ihm für die Abgabe an Patienten vorgeworfen wird, könnte dies erhebliche Auswirkungen auf Studienergebnisse haben.

Patienten werden ihrer Überlebens-Chance beraubt

Wie die Staatsanwaltschaft Essen gegenüber DAZ.online erklärte, befasst sie sich derzeit vordringlich mit den monoklonalen Antikörpern Nivolumab, Denosumab, Ramucirumab und Bevacizumab, die von dem Bottroper Apotheker zubereitet wurden – sowie mit dem Zytostatikum Nab-Paclitaxel. Da wahrscheinlich viele der Patienten wenig andere Therapieoptionen hatten, kritisierte Jürgen Krauss, Leiter der klinischen Immuntherapie am Deutschen Krebsforschungszentrum, das mutmaßliche Vorgehen des Apothekers aufs Schärfste. „In diesem Fall beraubt man den Patienten um seine Chance auf ein längeres Überleben“, sagte er gegenüber der „Rheinischen Post“.

Insbesondere bei Immun-Checkpoint-Inhibitoren könnte die Wahrscheinlichkeit, das Leben von Patienten um zehn Jahre zu verlängern, beispielsweise 20 Prozent betragen. „Ist das Medikament zu niedrig dosiert, tritt das aber nicht ein“, betonte Krauss. Die Hoffnungen der Betroffenen zu enttäuschen sei „moralisch und ethisch einfach kriminell“. Gleichzeitig könnte ein derartiges Vorgehen auch abseits von klinischen Studien gravierende Folgen haben. 

Nebenwirkungen könnten langfristig unterschätzt werden

„Die Therapie ist noch sehr neu und kommt immer mehr in die Arztpraxen, da es Hinweise gibt, dass sie die Chemotherapie ersetzen kann“, sagte der Heidelberger Onkologe der Zeitung. „Ein verdünntes Medikament kann einerseits dazu führen, dass Ärzte langfristig die Nebenwirkungen unterschätzen, weil sie in der Vergangenheit nur selten aufgetaucht sind. Andererseits könnten sie die Wirkung des Medikaments für zu gering halten.“ Derartige Fehleinschätzungen könnten die zukünftige Anwendung der Immuntherapie erheblich beeinflussen.

Laut Staatsanwaltschaft gab es in den letzten Tagen keine neuen Ermittlungserkenntnisse. „Die Sachlage ist unverändert, er schweigt“, sagte die Sprecherin auf Nachfrage. Inzwischen sei eine „niedrige zweistellige Zahl“ von Anzeigen wegen Körperverletzung durch Betroffene eingegangen. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft auch wegen Betrugs, da der Apotheker Krankenkassen um insgesamt 2,5 Millionen Euro betrogen haben soll. Darüber hinaus hat er womöglich im Reinraumlabor gegen Hygienevorschriften verstoßen und Infusionsbeutel mehrfach verwendet.

Um Anfragen von besorgten Betroffenen und deren Angehörigen zu beantworten, hat die Stadt Bottrop eine Hotline einrichtet. Hier gingen in den ersten Tagen einige hundert Anrufe ein. Da jedoch nicht klar ist, welche Patienten betroffen sind, können diese nur aufgefordert werden, sich an ihren Arzt zu wenden – wenn dieser mit dem Apotheker zusammengearbeitet hat. Krankenkassen, die die Bottroper Apotheke als Vertragspartner hatten, beendeten zwischenzeitlich die Verträge. Patientenschützer hatten nach dem Fall zu strengeren Qualitäts-Kontrollen bei Zyto-Apothekern aufgerufen. 



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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