Gileads Hepatitis-C-Arzneien

Harvoni in Europa teurer als in den USA

Stuttgart - 23.09.2016, 12:15 Uhr

Gilead gewährt in den USA höhere Rabatte für seine teuren Hepatitis-C-Mittel Sovaldi und Harvoni. (Foto: gang / Fotolia)

Gilead gewährt in den USA höhere Rabatte für seine teuren Hepatitis-C-Mittel Sovaldi und Harvoni. (Foto: gang / Fotolia)


Der Preis für Gileads Hepatitis-C-Wunderarzneimittel Harvoni hat in den vergangenen Jahren hohe Wellen geschlagen. Anhand konkreter Marktdaten zeigt sich nun: Seit Einführung von Harvoni für anfangs mehr als 90.000 US-Dollar ist der Preis stark gesunken. Und: Das Präparat ist in Europa aktuell teurer als in den USA. 

Die Preise für Gilead Sciences’ Hepatitis-C-Arzneimittel Harvoni® (Ledipasvir plus Sofosbuvir) und Sovaldi® (Sofosbuvir) sind seit Längerem ein heißes Thema. Mit einem anfänglichen Listenpreis von 94.500 US-Dollar pro Behandlung zählte eine Therapie mit Harvoni zu den teuersten weltweit.

Nun liegen offizielle Marktdaten des IMS Institute for Healthcare Informatics vor, die einerseits den Preisrutsch in den vergangenen Monaten für diese Präparate aufzeigen als auch Preisunterschiede zwischen Europa und den USA offenbaren. Dem Report nach liegt der Nettopreis für Harvoni nach intensiven Verhandlungen mit den Erstattern mittlerweile bei 50.400 US-Dollar. Wenngleich auch das keine Kleinigkeit ist, so sind die Kosten damit doch um durchschnittlich fast 47 Prozent gesunken. Je nach Erstatter lagen die ausgehandelten Preisnachlässe laut IMS zwischen 45 und 55 Prozent. Harvoni® ist als Monotherapie zugelassen. Der Therapiezeitraum läuft üblicherweise über acht bis 24 Wochen.

In Europa teurer

Bemerkenswert ist auch, dass der US-Preis für Harvoni® unter dem der fünf wichtigsten europäischen Märkte liegt, die jeweils eigene Preise mit dem Pharmakonzern ausgehandelt haben. Im Durchschnitt dieser EU-Länder kostet ein Behandlungszyklus mit Harvoni® 52.279 US-Dollar. Noch mehr müssen nach dem IMS-Report die japanischen Kostenträger zahlen, nämlich 55.517 US-Dollar.

Weniger ausgeprägt sind dagegen die Preisunterschiede bei Sovaldi®, einer Hepatitis-C-Arznei, die in Kombination mit anderen Arzneimitteln verabreicht wird. Der US-Nettopreis liegt hier den Angaben zufolge bei 44.520 US-Dollar verglichen mit 43.000 US-Dollar in Japan und durchschnittlich 45.056 US-Dollar in den fünf wichtigsten europäischen Märkten. 

Ledipasvir

Ledipasvir gehört in die Gruppe direkt wirkender antiviraler Arzneimittel bei chronischer Hepatitis C (CHC). Es hemmt das Nicht-Strukturprotein NS5A, welches als multifunktionelles Protein sowohl bei der Virus-RNA-Replikation als auch beim anschließenden Zusammenbau neuer Virionen (Assembly) von Bedeutung ist.

Es ist als Fertigarzneimittel nur in Kombination mit dem RNA-Polymerase NS5B-Inhibitor Sofosbuvir unter dem Handelsnamen Harvoni® 90 mg/400 mg Filmtabletten erhältlich. 

Rabatte nun öffentlich

„Die Preiskonzessionen kommen schnell. Bislang geheim gehaltene Rabatte sind nun öffentlich, ausgenommen von Großbritannien, wo wir Annahmen getroffen haben“, heißt es in dem IMS-Bericht. Während die Ausgangspreise auf der Insel von Haus aus niedriger gewesen sein sollen als in den USA und in den übrigen großen europäischen Märkten, lagen die Preisnachlässe dort laut IMS seitdem bei rund 15 bis 20 Prozent.

Länder wie Italien, wo die Infektionsrate mit Hepatitis C besonders hoch sei, hätten noch höhere Nachlässe als im europäischen Durchschnitt ausgehandelt. Die Verträge mit Gilead enthielten andererseits aber die Verpflichtung, bestimmte Volumina abzunehmen. Frankreich hingegen habe mit Gilead eine Obergrenze bei den Ausgaben für diese Präparate verhandelt. Damit würden die Preise sinken, wenn die Zahl der behandelten Patienten eine bestimmte Schwelle überschreitet.

Bemerkenswert ist nach der IMS-Untersuchung auch, dass vor allem Japan und Spanien hohe Behandlungsraten mit den neuen Hepatitis-C-Arzneimitteln aufweisen, während diese in Italien trotz der hohen Infektionsrate deutlich geringer ausfielen. In den untersuchten Ländern seien 2015 rund  5,8 Prozent der infizierten Patienten mit den Präparaten behandelt und wahrscheinlich kuriert worden.

Nach einem Bericht des Pharma-Informationsdienstes Fierce Pharma würden Patientenorganisationen und Pharmakritiker Gilead trotz der Rabatte für die nach wie vor stattlichen Kosten seiner Hepatitis-C-Präparate kritisieren. Einige Kostenträger würden zudem die Abgabe der Arzneimittel an Kranke ab einem bestimmten Krankheitslevel limitieren. Gilead hält dem entgegen, dass die Präparate äußerst wirkungsvoll seien und die Krankheit erstmals heilen können. Die Folgekosten einer teuren und langen Nachbehandlung würden damit vermieden.

Sofosbuvir

Sofosbuvir ist ein direkt wirkendes antivirales Arzneimittel. Es hemmt selektiv die RNA-abhängige RNA-Polymerase NS5B des Hepatitis-C-Virus (HCV), welche für die Replikation des Virusgenoms von wesentlicher Bedeutung ist. Als Nukleotid-Prodrug führt Sofosbuvir – nach Aktivierung zum Triphosphat und Einbau durch die NS5B-Polymerase – zum Kettenabbruch und somit zur Unterbrechung des Replikationszyklus. Sofosbuvir ist zugelassen in Kombination mit anderen antiviral wirksamen Arzneimitteln. Therapiedauer und Kombinationspartner (Ribavirin oder Ribavirin + PEG-Interferon) orientieren sich am Genotyp (1-6) und der damit einhergehenden unterschiedlichen Virulenz des HCV.

Handelsname: Sovaldi® 400 mg Filmtabletten, Bestandteil von Harvoni® 90 mg/400 mg Filmtabletten.

Neue Preismodelle angedacht 

Obwohl mittlerweile weitere Anbieter eigene Hepatitis-C-Präparate auf den Markt gebracht haben und ungeachtet der bereits erzielten Preisnachlässe halten sich laut Fierce-Pharma Bedenken über die Bezahlbarkeit derartiger Behandlungen. So hatte allein die hohe Zahl an Hepatitis-C-Patienten nach Angaben von IMS zur Folge, dass die USA im vergangenen Jahr schätzungsweise 10,9 Milliarden US-Dollar für deren Behandlung ausgegeben haben. Die acht untersuchten Länder zusammen – darunter die fünf großen europäischen Märkte – hätten demnach 25,7 Milliarden US-Dollar für die Hepatitis-C-Behandlung ausgegeben.

Vor diesem Hintergrund würden Stimmen laut, die neue Preismodelle für solche Arzneimittel verlangen, die Patienten einen hohen Zusatznutzen gegenüber bisherigen Therapien bringen und über längere Sicht teure Folgebehandlungen überflüssig machen. 



Thorsten Schüller, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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