Workshop für Pharmazeuten

Wie kommt die Evidenz an den HV-Tisch?

Köln - 04.03.2016, 15:45 Uhr

Wie evidenzbasierte Pharmazie in der Apotheke umgesetzt werden kann, erklärten André Wilmer (links im Bild) und Oliver Schwalbe in ihrem Workshop. (Foto: jb / daz)

Wie evidenzbasierte Pharmazie in der Apotheke umgesetzt werden kann, erklärten André Wilmer (links im Bild) und Oliver Schwalbe in ihrem Workshop. (Foto: jb / daz)


Die evidenzbasierte Medizin ist in vielen Bereichen des Gesundheitswesens angekommen. In der Apotheke gibt es aber Nachholbedarf. Das EbM-Netzwerk Deutschland lud im Rahmen ihres Kongresses zum Workshop „Evidenzbasierte Beratung in der Offizin“.  

In Diskussionen um die Kostenerstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen oder in den ärztlichen Leitlinien führt an der evidenzbasierten Medizin (EbM) kein Weg mehr vorbei. An der Basis, also beim Patienten, ist dies allerdings noch nicht vollständig angekommen. Daher hat es sich der Fachbereich Evidenzbasierte Pharmazie zum Ziel gemacht, EbM an den HV-Tisch zu bringen. Im Rahmen der Jahrestagung des Netzwerks „Evidenzbasierte Medizin“, die von 3. bis 5. März in Köln stattfindet, widmete sich ein Workshop der evidenzbasierten Beratung in der Apotheke. 

Informationsquellen für die Apotheke

Dr. Oliver Schwalbe von der Apothekerkammer Westfalen Lippe und André Wilmer vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zeigten, wie eine evidenzbasierte Beratung im Apothekenalltag funktionieren kann. Dabei gibt es eine ganz Menge nützlicher Informationsquellen, die ein Apotheker nutzen kann. Viele sind kostenlos nutzbar, zum Beispiel:

  • Cochrane kompakt ist ein Gemeinschaftsprojekt von Cochrane Deutschland, Österreich und Schweiz. Es enthält frei zugängliche Zusammenfassungen der Cochrane-Reviews im Kurzformat. Zahlreiche Themen sind verfügbar, zum Beispiel „Vitamin C zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen“ oder „Nicht verschreibungspflichtige orale Schmerzmittel gegen akute Schmerzen“
  • Gesundheitsinformation.de ist eine Seite des IQWiG. Hier findet man wissenschaftliche begründete Zusammenfassungen zu bestimmten Fragestellungen. z B. zum Einsatz von NSAR bei Regelschmerzen oder der Wirksamkeit verschiedener hormoneller Verhütungsmethoden im Vergleich. Die Artikel werden alle drei Jahre überarbeitet, so dass Aktualität gewährleistet ist.
  • Die regionalen Arzneimittelinformationsstellen der Apothekerkammern sind ein kostenloses Angebot für Kammermitglieder. Diese sollen Apotheker bei der Beratung von Ärzten und Apothekern unterstützen. Im Mitglieder-Bereich der Kammerseiten finden sich Informationen zu zahlreichen Fragstellungen. Darunter auch Bewertungen von Lebens- und Nahrungsergänzungsmitteln, die in Fernsehen und Publikumspresse mit teilweise fragwürdigen Gesundheitsversprechen immer wieder ein Thema sind. Besonders interessante Fälle werden in Kammerrundschreiben und Mitgliederzeitschriften veröffentlicht. Zugriff haben nur die jeweiligen Kammermitglieder. Viele der regionalen Arzneimittelinformationsstellen sind über die AMINO-Datenbank miteinander vernetzt.
  • Pharmaziebibliothek 2.1: Die Pharmaziebibliothek ist eine Linksammlung, die der Fachbereich Pharmazie des Deutschen Netzwerks für Evidenzbasierte Medizin zusammengestellt hat. Sie bietet Zugang zu Datenbanken, Journalen, Tutorials und anderen Informationen mit Relevanz für die evidenzbasierte Pharmazie.
  • Khresmoi search ist eine Suchmaschine für den Gesundheitsbereich. Es werden nur Seiten gefunden, von durch die Initiative „Health on the Net“ (HON) zertifiziert wurden und daher gewissen Qualitätskriterien entsprechen. HON ist ein gemeinnützige Nicht-Regierungsorganisation, die es zum Ziel hat, die Qualität von gesundheitsbezogenen Informationen im Internet zu verbessern, Bürger vor unseriösen medizinischen Informationen zu schützen und den Zugang zu vertrauenswürdigen Quellen zu erleichtern. Foren oder Werbeseiten bleiben bei dieser Suchmaschine außen vor.

Für Apotheker stehen zudem zahlreiche kostenpflichtige Quellen zur Verfügung. Schwalbe und Wilmers nannten hier beispielsweise die Stiftung Warentest, das Arznei-Telegramm oder das Verbrauchermagazin "Gute Pille, schlechte Pillen".

Sie betonten die Wichtigkeit solcher Sekundärquellen für den Apothekenalltag. Denn für eine eigene, umfängliche Literaturrecherche, wie sie für die Suche nach der besten verfügbaren Evidenz notwendig ist, fehlt in der Offizin in der Regel die Zeit.

Wie aber sieht es mit der Umsetzung in die Praxis aus?

Mit der Recherche allein ist es jedenfalls noch nicht getan, das machten die Referenten klar. Die größte Herausforderung in der Apotheke bestehe darin, die externe Evidenz mit den beiden anderen Säulen der evidenzbasierten Pharmazie, der pharmazeutischen Erfahrung und dem Wunsch des Patienten, zu verbinden. Dabei seien dann vor allem die kommunikativen Fähigkeiten gefragt, sagte Schwalbe. Evidenzbasierte Pharmazie sei keine „Kochbuch-Pharmazie“, sondern der Abgleich des Patientenwunsches mit der Studienlage im Kopf.

ABDA soll Datenbasis für die Apotheke erarbeiten

Bereits beim Deutschen Apothekertag 2014 hatte die ABDA den Auftrag erhalten, evidenzbasierte Daten zu gängigen Präparaten in der Selbstmedikation zu sammeln, zu kategorisieren und zu klassifizieren, um sie in der Apotheke für die Beratung nutzen zu können. Auch wenn in der Diskussion vereinzelt die Angst vor einer „Listenpharmazie“ geäußert wurde, wurde der Antrag großer Mehrheit angenommen. Dass zeigt, dass bei der Apothekerschaft die Botschaft angekommen ist, dass Evidenz auch für den Apothekenalltag wichtig ist.

Die ABDA hat den standeseigenen Govi-Verlag (künftig AVOXA) beauftragt, einen Projektplan zu erarbeiten. Dieser soll zum einen einen Weg zur unabhängigen Aufarbeitung der Daten beinhalten, zum anderen die nutzerfreundliche Bereitstellung der Daten. Wie das Ganze am Ende aussehen wird, ist noch unklar. Klar scheint lediglich sein, dass die Datensammlung nicht, wie von den Antragstellern gefordert, in die ABDA-Datenbank integriert werden soll. Auch einer Nutzenbewertung von OTC-Arzneimitteln durch die Apothekerschaft erteilte BAK-Präsident Dr. Andreas Kiefer Rahmen der Eröffnungsrede des Pharmacon in Schladming eine Absage. Im Gegensatz zum Arzt, der Arzneimittel verordnet, habe der Apotheker die Aufgabe, zu informieren und zu beraten und so den Patienten in die Lage zu versetzen, eine eigenständige Entscheidung zu treffen.


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