Schnelle Reaktion gefragt

Jodblockade bei Reaktorunfall

Remagen - 13.01.2016, 07:30 Uhr

Das Atomkraftwerk Tihange in Belgien: Die Strahlenschutzkommission erachtet die Bedeutung der Jodblockade als unverändert hoch, ein  „niederschwelliger Zugang“ wird empfohlen. (Foto: dpa/ Brono Fahy)

Das Atomkraftwerk Tihange in Belgien: Die Strahlenschutzkommission erachtet die Bedeutung der Jodblockade als unverändert hoch, ein „niederschwelliger Zugang“ wird empfohlen. (Foto: dpa/ Brono Fahy)


Die Bedrohung durch einen Reaktorunfall – in „normalen Zeiten“ sicher nur ein Randthema - kann schnell zu einem brandeiligen Top-Thema werden. Dies zeigen die wiederholten Zwischenfälle im belgischen Atomkraftwerk Tihange. Die Strahlenschutzkommission (SSK) beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) hat in einer umfangreichen Empfehlung konkretisiert, was dann zu tun sein soll.

Am 11. März 2011 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 9,0 den Norden Japans und löste zusammen mit der Tsunami verheerende Schäden im Kernkraftwerk Fukushima Dai-ichi aus. Der schwere Reaktorunfall und seine weitreichenden Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung haben die Energiepolitiker weltweit aufgerüttelt.

Auch die deutsche Strahlenschutzkommission erhielt den Auftrag, die Grundlagen und das Regelwerk für den Notfallschutz in Deutschland eingehend unter die Lupe zu nehmen. In der insgesamt mehr als dreijährigen Bearbeitungszeit hat die SSK eine Reihe neuer und geänderter Empfehlungen für den deutschen Notfallschutz verabschiedet. Die neue umfangreiche Empfehlung fasst die Ergebnisse der Überprüfung und die daraus resultierenden Maßnahmen zusammen. Das Dokument wurde am 4. Januar 2016 im Bundesanzeiger bekannt gemacht. Ein Blick hinein lohnt sich, vor allem im Hinblick auf die Aussagen zur Jodblockade. Hier sind auch die Apotheker gefragt.  

Jodblockade: was ist das?

Die Jodblockade wird unter dem Obertitel des so genannten „anlagenexternen Notfallschutzes“ aufgeführt. Tritt bei einem schweren Unfall in einem Kernkraftwerk radioaktives Jod aus, so kann dieses durch Einatmen vom Körper aufgenommen und in der Schilddrüse gespeichert werden. Damit steigt die Gefahr, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Unter Jodblockade ist die rechtzeitige Einnahme von hoch dosiertem stabilem Jod zu verstehen. Dadurch wird die Schilddrüse bereits vorab mit nicht-radioaktivem Jod gesättigt, und radioaktives Jod kann nicht mehr gebunden werden. 

Ausreichende Vorräte

Die Strahlenschutzkommission erachtet die Bedeutung der Jodblockade als unverändert hoch. Sie empfiehlt deshalb, den „niederschwelligen Zugang“ zu Jodtabletten zu gewährleisten, und fordert, dass Jodtabletten ortsnah vorgehalten werden. Laut Aussage der SSK steht eine ausreichende Zahl von Jodtabletten zur Verfügung: Von insgesamt eingelagerten 137 Millionen Jodtabletten liegen 77 Millionen Tabletten in 20er-Blistern für die bisherige 25 km-Zone (Außenzone um den Reaktor) und 60 Millionen in 6er-Blistern in 8 Zentrallagern vor. Diese gelagerten Tabletten würden auch ausreichen, um bei einer planerischen Ausdehnung der Fernzone (Radius von 100 km um den Reaktor) auf die gesamte Bundesrepublik die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahre sowie Schwangere zu versorgen. 

Verteilung im Ereignisfall

Die Jodtabletten sollen im Ereignisfall an die Bevölkerung dieses Gebiets über Ausgabestellen wie Apotheken, Feuerwehrgerätehäuser oder Wahllokale ausgegeben werden. Dabei soll die Zeitspanne zwischen der Entscheidung zur Durchführung der Jodblockade und der Verfügbarkeit der Jodtabletten bei der Zielgruppe zwölf Stunden nicht überschreiten. Der Transport der Tabletten bis zu den Hauptanlieferungspunkten sollte nicht mehr als sieben Stunden dauern, und innerhalb von weiteren fünf Stunden sollten diese beim Empfänger sein. Die Ausgabestellen sind so geplant, dass sie von der Bevölkerung innerhalb von 30 Minuten zu Fuß erreichbar sind.  

Vorverteilung: Haushalte unzureichend ausgestattet

Darüber hinaus lässt das Verteilkonzept eine ereignisunabhängige Vorverteilung von Jodtabletten an die Haushalte bis zu einem gewissen Radius um einen Reaktor zu. Trotz Vorverteilung von Jodtabletten in den meisten Ländern in der bisher geltenden Zentral (Radius von 5 km)- und Mittelzone (Radius von 20 km) sind die potenziell betroffenen Haushalte bislang aber offenbar unzureichend ausgestattet. Die Abholraten sollen laut SSK je nach Land lediglich zwischen 5 und 30 Prozent liegen. Die SSK empfiehlt deshalb, entsprechende Vorbereitungen zu treffen, damit eine zusätzliche Verteilung von Jodtabletten in einem Ereignisfall rasch erfolgen kann.  

Andauernde oder wiederholte Freisetzungen

Falls aufgrund andauernder oder wiederholter Freisetzungen eine Zweiteinnahme von Jodtabletten notwendig werden sollte, sollten diese laut Empfehlung der SSK frühestens nach 24 Stunden, aber vor 48 Stunden nach der Ersteinnahme erfolgen. Die Dosis bei Zweiteinnahme sollte gegenüber den Werten bei Ersteinnahme nicht verändert werden. 

Was ist mit stillgelegten Reaktoren?

Die Planung der Jodblockade soll nur die Umgebung in Betrieb befindlicher Leistungsreaktoren betreffen. Für die im Jahr 2011 in Deutschland endgültig außer Betrieb genommenen sieben ältesten Reaktoren und das Kernkraftwerk Krümmel soll sie nicht mehr erforderlich sein. Für zukünftig stillzulegende Kernkraftwerke soll gelten, dass die Schutzmaßnahme „Einnahme von Jodtabletten“ 12 Monate nach der endgültigen Abschaltung nicht mehr geplant und vorbereitet sein muss.  

Weitere Informationen: www.jodblockade.de.

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit,  Bekanntmachung einer Empfehlung der Strahlenschutzkommission – Weiterentwicklung des Notfallschutzes durch Umsetzen der Erfahrungen aus Fukushima vom 24. September 2015. BAnz AT 04.01.2016 B3.

 


Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Jodblockade

von Bernd Küsgens am 14.01.2016 um 16:53 Uhr

Bisher sorgen die Apotheken flächendeckend für die Arzneimittelversorgung. Warum können wir das nicht für die Abgabe von KI-Tabletten auch? Ich habe größte Bedenken, ob die Verteilung über den Katastrophenschutz funktioniert.
Auch bei der Verteilung der Impfstoffe gegen die Schweinegrippe kam es deshalb zu unmöglichen Ergebnissen bei der Verteilung durch die Gesundheitsämter. Aber umsonst würde ich das nicht machen!!!

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