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Die Iodblockade – Über Sinn, Unsinn und den richtigen Zeitpunkt

Die Atomreaktorkatastrophe in Japan sorgt für Beunruhigung. Viele Menschen haben auch in Deutschland Angst vor radioaktiver Strahlung und wollen sich schützen, beispielsweise mit Kalium-Iodid-Tabletten. Das Bundesamt für Strahlenschutz und auch die ABDA warnen vor einer unkontrollierten und nicht indizierten Einnahme, die darüber hinaus schädlich sein kann. Zwar sind die dazu notwendigen hochdosierten Kalium-Iodid-Präparate mit Dosierungen von 65 mg Kalium-Iodid (50 mg Iodid) zurzeit nicht lieferbar. Doch welche Risiken gehen diejenigen ein, die dennoch Kalium-Iodid in hoher Dosierung einnehmen?

Radioaktives Iod, das im Rahmen einer Reaktorkatastrophe freigesetzt wird, reichert sich in der Schilddrüse an und erhöht das Risiko für die Entwicklung eines Schilddrüsenkarzinoms. Besonders gefährdet sind Kinder unter zehn Jahren. Das hat die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vor 25 Jahren in erschreckender Weise deutlich gemacht. Nach überraschend kurzer Zeit von drei bis vier Jahren traten vor allem bei Kindern und Jugendlichen hochaggressive Schilddrüsenkarzinome auf. Die Inzidenz von Schilddrüsentumoren bei unter zehnjährigen strahlenexponierten Kindern in der Ukraine und Weißrussland stieg von jährlich weniger als einem Fall (bis 1986) auf etwa 60 Fälle (1994) pro einer Million [1]. Neuere Untersuchungen zeigen, dass Kinder unter vier Jahren am meisten gefährdet waren.

Rechtzeitige Iodsättigung

Wird die Schilddrüse rechtzeitig beispielsweise durch Gabe hochdosierter Kalium-Iodid-Tabletten mit Iod abgesättigt, kann die Aufnahme von radioaktivem Iod verringert werden. Die Iodid-Konzentration dieser Tabletten liegt mit 65 mg Kalium-Iodid (50 mg Iodid) um das 250- bis 500-Fache über der der Präparate zur Iodprophylaxe mit 100 μg oder 200 μg Iodid.

Essenziell für Kinder, nicht für über 45-Jährige

Die zur Iodblockade notwendige Dosis ist altersabhängig und reicht von 12,5 mg für Kinder unter 9 Monate bis 130 mg für 13- bis 45-Jährige. In der Regel reicht eine einmalige Einnahme. In besonderen Situationen kann die Behörde eine zweite Einnahme empfehlen (s. Tab. 1).

Tab.: Dosierungsempfehlungen für 65-mg-Kalium-Iodid-Tabletten* bei
kerntechnischen Unfällen.

Personengruppe
Tagesgabe
in mg Iodid
Tagesgabe
in mg Kalium-Iodid
Tabletten à 65 mg
Kalium-Iodid
< 1 Monat
12,5
16,25
1/4
1 – 36 Monate
25
32,5
1/2
3 – 12 Jahre
50
65
1
13 – 45 Jahre
100
130
2
> 45 Jahre
0
0
0
* Bei Tabletten mit anderen Kaliumiodidgehalten bitte die jeweiligen Dosisangaben beachten.

Die Strahlenschutzkommission weist in ihren Empfehlungen zur Verwendung von Iodtabletten bei einem kerntechnischen Unfall darauf hin, dass die Behörden Iodtabletten in ausreichender Menge bevorratet haben und sie im Bedarfsfall unverzüglich an die Haushalte abgeben werden [2]. Wie die Organisation abläuft, regeln die zuständigen Katastrophenschutzbehörden. Zum Teil wurden Kalium-Iodid-Tabletten an Haushalte in der näheren Umgebung von Kernkraftwerken verteilt, zum Teil sind Apotheken im engeren Umkreis von Kernkraftwerken in die Notfallversorgung eingebunden und sollen die Tabletten im Bedarfsfall kostenfrei abgeben. Über Rundfunk- und Lautsprecherdurchsagen soll die Bevölkerung durch die zuständigen Behörden informiert werden, wann die Einnahme erforderlich ist. Sowohl eine zu frühe als auch eine zu späte Einnahme ist nutzlos.

Einnahmezeitpunkt entscheidet

Am besten lässt sich die Aufnahme von radioaktivem Iod verhindern, wenn kurz vor oder gleichzeitig mit der Inhalation oder Ingestion des radioaktiven Iods das hochdosierte Kaliumiodid eingenommen wird. Laut Angaben der Strahlenschutzkommission lässt sich aber auch noch in den ersten Stunden nach Aufnahme von radioaktivem Iod eine Reduktion der Speicherung durch die Kalium-Iodid-Gabe erreichen: Sie soll nach zwei Stunden bei 80% und nach acht Stunden noch in der Größenordnung von 40% liegen. 24 Stunden nach Inhalation oder Ingestion von radioaktivem Iod kann die Einnahme von Kalium-Iodid-Tabletten nicht mehr viel bewirken. Vor einer Einnahme Tage nach einer Exposition mit radioaktivem Iod wird ausdrücklich gewarnt, da dadurch die Verweildauer des radioaktiven Iods im Körper verlängert wird.

Hochdosierte Dauereinnahme mit Risiken

Iod ist ein essenzieller Nährstoff, der für die Synthese der Schilddrüsenhormone Triiodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) benötigt wird. Sowohl zu wenig (unter 50 μg/Tag) als auch zu viel (über 500 μg/Tag) Iod kann zu Störungen der Schilddrüsenfunktion und damit zu Erkrankungen führen. Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) führt in Zusammenhang mit der Einnahme von mehr als 1000 μg Iodid/Tag folgende möglichen gesundheitlichen Schädigungen auf [3]:

  • Auslösung einer Hyperthyreose, insbesondere bei Vorliegen einer funktionellen Autonomie

  • Überfunktion durch "Knotenkröpfe". Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter. Daher soll bei über 45-jährigen keine Iodblockade durchgeführt werden!

  • Immunthyreopathie (Fehlsteuerung des Immunsystems: Morbus Basedow);

  • Hashimoto-Thyreoiditis (immunologisch bedingte Schilddrüsenentzündung);

  • mögliche seltene Überempfindlichkeitsreaktionen, z. B. bei Patienten mit Dermatitisherpetiformis Duhring, Iodallergie oder Unverträglichkeitsreaktionen auf Iod-haltige Röntgenkontrastmittel, Desinfektionsmittel, Kosmetika oder Medikamente sowie

  • akute Blockade der Iodaufnahme in der Schilddrüse (WolffChaikoff-Effekt) ohne und mit Hypothyreose (s. Kasten).

Die Folgen der Iodblockade


Wie die Iodblockade und ein anhaltend hoher Iodüberschuss die Schilddrüsenfunktion verändert, wird vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wie folgt erklärt [3]:

Bei der akuten Iodblockade (Wolff-Chaikoff-Effekt) hemmen hohe intrathyreoidale Iodidkonzentrationen die Organifikation von Iodid selbst und auch die Sekretion von Schilddrüsenhormon. Bei Persistenz dieses Iodüberschusses kommt es durch Adaptation auch zur Abnahme des Natrium-Iodid-Symporters (NIS) und der Thyroid Peroxidase (TPO) mRNA, wodurch sich langfristig eine Hypothyreose und Struma entwickeln kann. Die Reduktion des intrathyreoidalen Iodumsatzes und der Kolloidproteolyse und damit Verminderung der Hormonfreisetzung ist bei Hyperthyreose besonders ausgeprägt. Zu beachten ist außerdem, dass Substanzen mit hohem Iodgehalt (Natrium-Iopodat, andere Iod-haltige Röntgenkontrastmittel, Iod-haltige Medikamente, wie z. B. Amiodaron) auch in den Schilddrüsenhormonstoffwechsel eingreifen können. Das bei der Verstoffwechselung dieser Substanzen in exzessiven Mengen freigesetzte Iodid hemmt über den genannten Mechanismus die Bildung und Freisetzung von Schilddrüsenhormon.

Eine klinische Rolle spielt die Iod-induzierte Hypothyreose bei Neugeborenen nach Anwendung von Iod-haltigen Hautdesinfizientien bei Mutter oder Säuglingen. Eine Iod-induzierte Hypothyreose infolge des Wolff-Chaikoff-Effekts kann auch alimentär bedingt sein, so nach Verzehr von Iod-reichen Meeresalgen.

Begründete und unbegründete Kontraindikationen

Eine Iodblockade ist bei bekannter Iodallergie, Dermatitis herpetiformis Duhring, Iododerma tuberosum, hypokomplementämischer Vaskulitis und Myotonia congenita kontraindiziert.

Herzinsuffizienz, verschiedene Formen der Tuberkulose, Schwangerschaft und Stillzeit, Hypothyreosen und Thyreoiditiden stellen dagegen nach den Ausführungen der Strahlenschutzkommission keine Kontraindikationen dar. Der Hormonstatus von Hyperthyreose-Patienten muss nach der hochdosierten Notfall-Iodbehandlung in kurzfristigen Abständen überwacht werden.

Alternative Natriumperchlorat

Sind hohe Iodgaben kontraindiziert, bietet sich die Gabe von Natrium-Perchlorat (Irenat®) an. Mit Perchlorat lässt sich die Iodaufnahme in die Schilddrüse kompetitiv hemmen, allerdings nicht so effektiv wie mit hochdosiertem Iodid. Empfohlen werden am ersten Tag 60 Tropfen, dann alle 6 Stunden 15 Tropfen über sieben Tage. Auch hier sind Kontraindikationen wie schwere Leberschäden oder Überempfindlichkeitsreaktionen zu beachten.

Die Folgen einer Strahlenexposition*


Der Körper toleriert Strahlendosen nur bis zu einem Schwellenwert. Wird dieser überschritten, treten Strahlenschäden auf, die bei hohen Äquivalentdosen zum Tod führen:

  • Bis 0,25 Sv: keine nachweisbaren Wirkungen, geringfügige Blutbildveränderungen.

  • 0,25 bis 1 Sv: etwa 1 Tag Erbrechen, Übelkeit und Müdigkeit bei 10% der Exponierten.

  • 1 bis 2,5 Sv: etwa 1 Tag Nausea und Erbrechen, Lymphozyten ca. 1500/mm3, vorübergehendes Absinken von Granulozyten und Lymphozyten in der 4. bis 5. Woche. Ohne Behandlung einzelne Todesfälle.

  • 2,5 bis 4,5 Sv: ab 1. Tag Nausea und intermittierendes Erbrechen, 2 bis 4 Tage anhaltend. Lymphozyten ca. 500/mm3, 3. bis 5. Woche hämorrhagische Diathese, Granulozytenabfall, Thrombopenie; ca. 50% Todesfälle innerhalb von 2 bis 6 Wochen.

  • 4,5 bis 6 Sv: unstillbares Erbrechen und Nausea innerhalb von vier Stunden nach Exposition, schwere Durchfälle, Infektion, Blutungen, Epilation, Erytheme; ab. 5. Tag Granulozytopenie, Thrombopenie, wenig Überlebende.

  • 6 bis 10 Sv: Nausea und Erbrechen innerhalb von 1 bis 2 Stunden, Benommenheit, Schock, Fieber; bis zu 100% Todesfälle innerhalb von zehn Tagen.

  • Über 10 Sv: rasches Eintreten der oben genannten Symptome; ZNS-Schäden bis zum Koma; Tod innerhalb weniger Tage.


* aus Ludewig R, Regenthal R: Akute Vergiftungen und Arzneimittelüberdosierungen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. Stuttgart 2007.

Wie effektiv ist die Iodblockade?

Von dem Reaktorunglück in Tschernobyl war auch Polen in besonderem Maße betroffen. Dort wurde zeitnah, anders als beispielsweise in Weißrussland, bei 10,5 Millionen Kindern und sieben Millionen Erwachsenen eine Iodprophylaxe durchgeführt. Nach Angaben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit haben Nachbeobachtungen gezeigt, dass es hier zu keiner Zunahme von Schilddrüsenkarzinomen gekommen ist, während in Weißrussland bei Kindern ein etwa 100-facher Anstieg verzeichnet wurde [4].


Literatur

[1] Marquardt H, Schäfer S (Hrsg): Lehrbuch der Toxikologie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2. Auflage 2004

[2] Verwendung von Iodtabletten zur Iodblockade der Schilddrüse bei einem kerntechnischen Unfall. Empfehlungen der Strahlenschutzkommission. 24/25. Juni 2004.

[3] BfR-Wissenschaft: Herausgegeben von A. Domke, R. Großklaus, B. Niemann, H. Przyrembel, K. Richter, E. Schmidt, A. Weißenborn, B. Wörner, R. Ziegenhagen: Verwendung von Mineralstoffen in Lebensmitteln. Toxikologische und ernährungsphysiologische Aspekte. Teil II. 4/2004]

[4] www.iodblockade.de - eine Seite des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit


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Literaturtipp


Marquardt H, Schäfer S (Hrsg):

Lehrbuch der Toxikologie

Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2. Auflage 2004 936 S., 73 farb. Abb. Geb. 78,00 €


Ludewig R, Regenthal R:

Akute Vergiftungen und Arzneimittelüberdosierungen

Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 10. Auflage 2007. 1348 S., 456 s/w Abb., 342 s/w Tab. Geb. 179,00 €


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DAZ 2011, Nr. 12, S. 60