Arzneimittel und Therapie

Neue Zulassung für Kaliumiodid-Präparat: Zur Iodblockade der Schilddrüse bei

Durch rechtzeitige Gabe von Kaliumiodid lässt sich die Strahlenexposition der Schilddrüse nach einer Radioiod-Freisetzung reduzieren. Sinnvoll ist diese Iodblockade der Schilddrüse z. B. bei kerntechnischen Unfällen, wenn große Mengen an radioaktiven Iodisotopen freigesetzt werden. Die Firma Henning Berlin erhielt unlängst eine Zulassung für diese Indikation für ihr Kaliumiodid-Präparat Thyprotect Henning, das am 1. Februar auf den Markt kam.

In Deutschland arbeiten derzeit 19 Kernkraftwerke. Der Ausstieg ist zwar beschlossen, aber nicht in den europäischen Nachbarländern, wo voraussichtlich noch für längere Zeit Kernkraftwerke Strom erzeugen werden, beispielsweise in Frankreich an 58 Standorten, in Belgien an 7, in der Schweiz an 5 und in der Tschechei an 6 Standorten. In der Ukraine werden heute noch 19 Kernkraftwerke betrieben.

Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 kam es zu einem deutlichen Anstieg des Schilddrüsenkarzinoms bei Kindern in Weißrussland, der Ukraine und Russland. Bei Kindern bis 14 Jahren stellte man einen 20-fachen Anstieg der Krebshäufigkeit fest. Dies lässt darauf schließen, dass ein kausaler Zusammenhang besteht mit der großen Menge an radioaktiven Iodisotopen, die durch den Unfall freigesetzt und von der Bevölkerung inhalativ aufgenommen wurde.

Wichtig: Richtiger Zeitpunkt für die Einnahme

Radioaktives Iod (Iod-131) hat im Körper die gleichen chemischen und biologischen Eigenschaften wie das in der natürlichen Nahrung vorkommende stabile Iod. Radioaktives Iod wird ebenfalls in der Schilddrüse gespeichert, kann hier allerdings Krebs auslösen. Die Strahlenschutzkommission sprach bereits 1975 eine erste Empfehlung der Iodblockade der Schilddrüse bei Kernkraftwerksunfällen aus. Die Einlagerung von Iod-131 in der Schilddrüse kann nämlich verhindert werden, wenn zuvor eine ausreichende Menge an stabilem Iod aufgenommen wurde. Allerdings ist der richtige Zeitpunkt für eine Iodblockade der Schilddrüse wichtig. Die Einnahme sollte kurz vor oder bis zu zwei Stunden nach der Inhalation des radioaktiven Iods erfolgen. Das aufgenommene Iod sättigt die Schilddrüse mit dem für die Schilddrüsenhormonbildung erforderlichem Iod und verhindert damit die Speicherung von radioaktivem Iod ("Iodblockade").

Obere Altersgrenze bei der Iodblockade

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Strahlenschutzkommission (SSK) empfehlen 130 mg Kaliumiodid (entspricht 100 mg Iod) zur Blockade der Schilddrüse, um das Risiko von Schilddrüsenkrebs deutlich zu verringern. Empfohlen wird die Iodblockade für alle Personen zwischen 0 und 45 Jahren, auch für Schwangere und Stillende, wobei für die unterschiedlichen Altersgruppen eine differenzierte Dosierung vorgesehen ist.

Erwachsene über 45 Jahre sollten diese hochdosierten Iodtabletten nicht mehr einnehmen, da das Gesundheitsrisiko für schwerwiegende Schilddrüsenerkrankungen (Schilddrüsenüberfunktion) aufgrund der Iodgabe höher ist als das Strahlenrisiko durch die Inhalation radioaktiven Jods.

Vorhaltung von Iodtabletten

Soweit nicht eine Vorverteilung der Iodtabletten an die Haushalte erfolgt ist, sollte die Abgabe der KI-Tabletten möglichst innerhalb von zwei bis vier Stunden nach Entscheidung über deren Verteilung sichergestellt sein. Dies erfordert eine besondere Logistik, im Gespräch sind z. B. zentrale Depots an den Standorten Karlsruhe, Regensburg und Bremen, von wo aus die Tabletten mit Hubschrauber an den Unfallort transportiert werden können. Für die Vorhaltung der Iodtabletten im Umkreis bis 25 km um ein Kernkraftwerk schlägt die Strahlenschutzkommission eine abgestufte Vorgehensweise vor:

  • im Bereich 0 - 5 km: Vorverteilung an Haushalte,
  • im Bereich 5 - 10 km: Vorhaltung der Iodtabletten an mehreren Stellen in Gemeinden (z. B. Rathäuser, Schulen, Krankenhäuser, Betriebe) oder Vorverteilung an Haushalte,
  • im Bereich 10 - 25 km: Lagerung in den Gemeinden bzw. in geeigneten Einrichtungen, Vorverteilung an Haushalte nur in Ausnahmefällen.

Außerdem sollte der rezeptfreie Erwerb von Kaliumiodid-Tabletten in Apotheken sichergestellt sein, um jedem Bürger auf freiwilliger Basis die Anwendung von Iodtabletten zu ermöglichen.

Für den Ernstfall ist geplant, dass z. B. bei einem kerntechnischen Unfall die Behörde über die Medien die Aufforderung zur Einnahme von Kaliumiodid gibt.

KI-Tabletten auch über Apotheken

Gerade für Apotheken im Bereich von Kernkraftwerken ist es ratsam, die Bevölkerung für die Vorhaltung von Kaliumiodid- Tabletten zu sensibilisieren. Da die Verteilung von Kaliumiodid-Tabletten durch Apotheken der einfachste Weg ist, ist es zudem sinnvoll, dass Apotheken ausreichend mit KI-Tabletten bevorratet sind.

Die ausgewiesene Haltbarkeit des Kaliumiodid-Präparates ist derzeit auf vier Jahre beschränkt, die Herstellerfirma bemüht sich derzeit, eine Zulassung für eine längere Haltbarkeit zu bekommen, da sich das Präparat auch über einen längeren Zeitraum als stabil erwiesen hat. Derzeit sind in Deutschland rund 10 Mio. Kaliumiodid-Tabletten an verschiedenen Standorten gelagert, allerdings ist zur Zeit noch unklar, ob sie im Ernstfall rechtzeitig vor Ort sind. Auch vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, dass in der Apotheke eine gewisse Menge für den Katastrophenfall vorrätig ist.

Kastentext: Bevorratung von Iodtabletten

  • Die Iodtabletten müssen so gelagert werden, dass eine schnelle Verfügbarkeit gewährleistet ist, wobei eine Verteilung der Iodtabletten an die betroffenen Personen möglichst vor einer Inhalation abgeschlossen sein sollte.
  • Soweit nicht eine Vorverteilung der Iodtabletten an die Haushalte erfolgt ist, sollte die Abgabe der Tabletten innerhalb von möglichst 2 bis 4 Stunden nach Entscheidung über deren Verteilung sichergestellt sein.
  • Um jeden Bürger auf freiwilliger Basis die Anwendung von Iodtabletten zu ermöglichen, sollte der rezeptfreie Erwerb in Apotheken sichergestellt sein.

(aus der Stellungnahme der Strahlenschutzkommission vom 17. November 1997)

Durch rechtzeitige Gabe von Kaliumiodid lässt sich die Strahlenexposition der Schilddrüse nach einer Radioiod-Freisetzung reduzieren. Sinnvoll ist diese Iodblockade der Schilddrüse z. B. bei kerntechnischen Unfällen, wenn große Mengen an radioaktiven Iodisotopen freigesetzt werden. Die Firma Henning Berlin erhielt unlängst eine Zulassung für diese Indikation für ihr Kaliumiodid-Präparat Thyprotect Henning, das am 1. Februar auf den Markt kam.

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