Beratung

Mit Phytopharmaka gegen Blasenentzündungen

Symptome lindern und Rezidive vermeiden

Unkomplizierte Harnwegsentzündungen werden meist mittels einer kurzfristigen Antibiotikagabe behandelt. So werden die akuten Symptome gelindert, und es soll zugleich Rezidiven vorgebeugt werden. Eine Reduktion der Rezidivneigung lässt sich allerdings wohl auch durch pflanzliche Arzneimittel, insbesondere durch Cranberry-Präparate, erwirken.
Foto: Science Photo Library/Phanie/Garo

Ein positiver Teststreifen (Nitrit oder Leukozyten-Esterase allein oder in Kombina­tion) kann gemeinsam mit Hinweisen wie Schmerzen beim Wasserlassen (Algurie), häufigerem Wasserlassen (Pollakisurie), imperativem Harndrang und einer gelegentlich damit verbundenen Hämaturie die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer Blasen- und Harnwegsinfektion erhöhen.


Schmerzhafter, häufiger oder unbeherrschbarer Harndrang, Schmerzen beim Wasserlassen und Schmerzen oberhalb des Schambeins sind die charakteristischen Symptome einer Urozystitis. Die unkomplizierte Blasenentzündung wird zumeist durch Bakterien verursacht, die über die Harnröhre in die Harnblase aufsteigen und sich dort vermehren. Frauen sind von der Erkrankung deutlich häufiger betroffen als Männer [1].

Von einer wiederkehrenden oder re­zidivierenden Urozystitis ist auszugehen bei mindestens zwei symptomatischen Episoden im Verlauf von sechs Monaten oder bei mindestens drei Krankheitsepisoden pro Jahr, heißt es in einem aktuellen Health Technology Assessment (HTA-Bericht) im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) [1, 2]. Die HTA-Berichte sind laut IQWiG dadurch gekennzeichnet, „dass neben der Bewertung des medizinischen Nutzens und neben der gesundheitsökonomischen Bewertung auch ethische, soziale, rechtliche und organisatorische Aspekte einer Technologie untersucht werden“. Die Fragestellungen der von Wissenschaftlern erarbeiteten Berichte gehen stets auf Vorschläge von Bürgerinnen und Bürgern zurück.

Unkomplizierte Blasenentzündung

Harnwegsinfektionen gehören laut Leitlinie zu den häufigsten Gründen für einen Arztbesuch. Konkrete Zahlen zur Inzidenz und Prävalenz fehlen jedoch, was nicht zuletzt daran liegt, dass die unkomplizierte Blasenentzündung oft selbstlimitierend ist und viele Betroffene keinen Arzt konsultieren. Da zumeist Frauen unter der Erkrankung ­leiden, werden außerdem im Krankheitsfall verschiedene Fachdisziplinen konsultiert, vom Hausarzt über den Gynäkologen bis hin zum Urologen.

Eine Blasenentzündung wird laut Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Urologie als unkompliziert eingestuft, „wenn im Harntrakt keine relevanten funktionellen oder anatomischen Anomalien, keine relevanten Nierenfunktionsstörungen und keine relevanten Begleiterkrankungen/Differenzialdiagnosen vorliegen, die eine Harnwegsinfektion bzw. gravierende Komplikationen begünstigen“. Die Symptome sind bei der unkomplizierten Blasenentzündung zudem auf den unteren Harntrakt beschränkt. Anders ist es bei der oberen Harnwegsinfektion, der Pyelonephritis, bei der es auch zum Beispiel zum Flankenschmerz, zu einem klopfschmerzhaften Nierenlager und/oder zu Fieber über 38 ° Celsius kommen kann. Allerdings kann die Differenzierung zwischen oberer und unterer Harnwegsinfektion im Einzelfall schwierig sein [2].

Phytopharmaka als Alternative zu Antibiotika?

Behandelt werden akute Blasenentzündungen üblicherweise mit Antibiotika, die für ein bis drei Tage eingenommen werden. Sie lindern in aller Regel die akute Symptomatik rasch und verkürzen die Krankheitsdauer. Antibiotika sind aber laut HTA-Bericht nicht immer notwendig, denn bei 30 bis 50% der Frauen heile die Urozystitis auch ohne antibiotische Behandlung innerhalb einer Woche [1]. Als Alternative zu Antibiotika kommen dem Bericht zufolge vor allem Phytopharmaka in Betracht, wobei es eine ganze Bandbreite an Pflanzen gibt, für die entsprechende Heilwirkungen angenommen werden. Als Beispiele werden Cranberry, Bärentraubenblätter, Kapuzinerkressekraut und Meerrettichwurzeln aufgeführt. Pflanzen­extrakten daraus werden keimhemmende, entzündungshemmende und harntreibende Wirkungen zugesprochen. Sie können, so die Hypothesen, dadurch die Krankheitsdauer der akuten Blasenentzündung verkürzen und dem Wiederauftreten vorbeugen.

Hinweis auf ­therapeutischen Nutzen

Zur Bewertung des Nutzens und des Risikos der Phytopharmaka wurden im HTA-Bericht 15 Studien mit neun verschiedenen Pflanzenbestandteilen unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Es zeigte sich ein Hinweis auf ­einen Therapievorteil von Cranberry-Präparaten im Vergleich zu Placebo hinsichtlich der Rezidivrate. Die Präparate waren jedoch bei der Rezidivrate den Antibiotika in ihrer Effektivität unterlegen, wobei im Bericht betont wird, dass eine antibiotische Langzeitbehandlung derzeit nicht die erste Wahl ist. Vielmehr ist sie laut Leitlinie [2] erst angezeigt, wenn andere Therapieverfahren wie Verhaltensänderungen und allgemein nicht antibiotische Präventionsmaßnahmen nicht erfolgreich waren oder wenn bei den Betroffenen ein sehr hoher Leidensdruck besteht [2].

Auch andere Phytopharmaka als Cranberry-Präparate wirken sich offenbar günstig auf eine Urozystitis auf. Anhaltspunkte hierfür fanden die HTA-Sachverständigen bei Präparaten aus Bärentraubenblättern und Löwenzahn gegenüber Placebo und als Zusatznutzen zu einer antibiotischen Therapie bei Präparaten aus Liebstöckelwurzel, Rosmarinblättern und Tausendgüldenkraut. Die ermittelten Befunde deuten eine erniedrigte Rezidivrate unter den Phytopharmaka an.

Widersprüche zu den Leitlinien

Ob auch eine akute Urozystitis durch pflanzliche Arzneimittel zu lindern ist, diese Frage konnte durch die Analyse der vorliegenden Daten nicht beantwortet werden. Die Analysen bestätigen zudem nicht die Befunde, die zu den Leitlinienempfehlungen geführt haben [2]. Denn darin wird keine Empfehlung zur prophylaktischen Anwendung von Cranberry-Präparaten bei der Urozystitis ausgesprochen. Begründet wird dies mit widersprüchlichen Studienergebnissen. Die unterschiedliche Bewertung in den Leitlinien und im HTA-Bericht könnte aus Sicht der HTA-Sachverständigen darauf beruhen, dass zum Zeitpunkt der Erarbeitung der Leitlinie noch nicht alle jetzt vorliegenden Studiendaten verfügbar waren. Die Leitlinie spricht sich generell bei der akuten unkomplizierten Zystitis für eine antibiotische Therapie aus. Die Indikation zur Antibiotikagabe sollte jedoch kritisch gestellt werden, um unnötige Therapien zu vermeiden und nicht Resistenzentwicklungen zu provozieren. Bei Patientinnen mit leichten oder mittelgradigen Beschwerden kann daher auch die alleinige symptomatische Therapie als Alternative zur antibiotischen Behandlung erwogen werden. „Eine partizipative Entscheidungsfindung mit den ­Patienten ist notwendig“, betonen die Leitlinien-Autoren. Sie weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass bei der Therapieentscheidung unbedingt die Präferenzen der Patientinnen angemessen berücksichtigt werden sollten. Dies gilt insbesondere für die primär nicht antibiotische Behandlung, die mit der Inkaufnahme einer höheren Symptomlast einhergehen kann.

Zu bedenken ist ferner, so heißt es im HTA-Bericht weiter, dass die Kosten für die Phytotherapie, die sich bei einer Einnahmedauer von einem halben Jahr auf 60 bis 320 Euro summieren können, oft nicht oder nicht vollständig von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Im Bericht war zudem eine Bewertung der Kosteneffektivität nicht möglich, zum Teil aufgrund der fehlenden Übertragbarkeit der Studiendaten, der fehlenden Standardisierung, ungenauer Dosierungsangaben in den Studien sowie zum Teil auch, weil einige Präparate als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet werden und weil sie in unterschiedlichen Darreichungsformen vorliegen.

Cranberry als antibiotika­sparende Therapie

Eine abschließende Bewertung des Nutzens pflanzlicher Arzneimittel ist somit nicht möglich, doch es hat sich laut HTA-Bericht gezeigt, dass zumindest Cranberry-Präparate die Rezidivneigung bei Frauen mit unkomplizierter wiederkehrender Blasenentzündung wohl mindern können. Der Einsatz dieser Präparate könnte somit zur Reduktion der Anwendung von Antibiotika beitragen und damit auch zur Verringerung des Problems von Antibiotikaresistenzen. Wünschenswert wäre aus Sicht der HTA-Sachverständigen, dass in künftigen Studien zum Einsatz der Phytopharmaka und insbesondere bei den Cranberry-Präparaten konkrete Angaben zum Gehalt der entscheidenden Inhaltsstoffe, den sogenannten Proanthocyanidinen, gemacht werden. Das würde, so heißt es abschließend, zudem den betroffenen Frauen die Orientierung „auf dem unübersichtlichen Markt an pflanzlichen Arzneimitteln und Nahrungsergänzungsmitteln erleichtern“. |

 

Literatur

[1] Pflanzliche Mittel bei Blasenentzündung. HTA-Bericht HT20-01 des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), 24. Februar 2022

[2] Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten. S3-Leitline der Deutschen Gesellschaft für Urologie (Hrsg.), Stand: 2017, AWMF-Register-Nr. 043/044
 

Christine Vetter, freie Medizinjournalistin

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