Welt-AIDS-Tag

Erfahrungen mit dem HIV-Selbsttest

Wertvolle Ergänzung bisheriger Testangebote

Seit Herbst 2018 können Patienten einen HIV-Selbsttest in Apotheken, Drogerien oder dem Internet erwerben und anschließend selbst durchführen. Ziel des niedrigschwelligen Angebots ist es, die Testbereitschaft und -häufigkeit von Personen zu erhöhen, die Risikogruppen mit einer erhöhten HIV-Prävalenz angehören.

Das frühzeitige Erkennen einer HIV-Infektion ist aus vielerlei Hinsicht erstrebenswert und sollte dementsprechend gefördert werden, HIV-Selbsttests können hier einen wichtigen Beitrag leisten. Schließlich lassen sich bei sofortiger Therapieeinleitung Folgeerkrankungen, AIDS, die Sterblichkeit und Behandlungskosten reduzieren, aber auch präventiv die Weitergabe der Infektion an andere verhindern. Aktuell erfolgt jedoch circa jede dritte Erstdiagnose sehr spät [1]. Das Immunsystem der Betroffenen, die als late presenter bezeichnet werden, ist dann schon derart geschwächt, dass CD4-Werte unter 200 Zellen/µl Blut vorliegen oder gar eine simultane HIV/AIDS-Diagnose gestellt wird. Ferner ist zu hoffen, dass es durch die Freigabe der HIV-Selbsttests gelingt, die große Zahl der unwissentlich mit HIV infizierten Patienten zu reduzieren und den modernen Therapieregimen zuzuführen. Gemäß aktueller Schätzung des Robert Koch-Instituts haben 12% der HIV-Infizierten in Deutschland keine Kenntnis darüber, dass sie das HI-­Virus in sich tragen [1]. Dies sind immerhin circa 10.600 der 87.900 HIV-positiven Menschen (Stand Ende 2018).

Erhöhtes HIV-Risiko

Für folgende Personengruppen, die ein erhöhtes HIV-Risiko haben, wird ein regelmäßiger HIV-Test empfohlen:

  • Männer, die Sex mit Männern haben (MSM)
  • i.v.-Drogenkonsumenten (injizierende Drogenkonsumenten, IDU, IVD)
  • Personen mit häufig wechselnden Geschlechts­partnern
  • Prostituierte / Sexworker
  • Personen mit HIV-positivem Sexualpartner ohne erfolgreiche antiretrovirale Therapie
  • Personen aus Regionen mit hoher HIV-Prävalenz (insbesondere Subsahara-Afrika und Karibik)

Wertvolle Ergänzung

HIV-Selbsttests sollen dabei die etablierten HIV-Testangebote der örtlichen Gesundheitsämter, der Einrichtungen der Deutschen AIDS-Hilfe e. V. (DAH), weiteren freien Trägern und der Ärzteschaft ergänzen (Anlaufstellen siehe Adresssuche der Deutschen AIDS-Hilfe e. V.: www.aidshilfe.de/adressen, Schwerpunktarztsuche unter www.dagnae.de, DAGNÄ e. V. – Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e. V.). Die zusätzliche diagnostische Option eines zu Hause durchführbaren HIV-Tests ist sinnvoll, da es trotz der vielfältigen und meist kostenfreien Testangebote viele Personen gibt, die eine Testung bei den genannten Institutionen scheuen, Angst vor Stigmatisierung haben oder Zeitgründe vorschieben, eine Teststelle oder einen Arzt aufzusuchen. Das Robert Koch-Institut benennt in seinem aktuellen Bericht insbesondere Personen, die in ländlichen Regionen oder kleineren Großstädten leben, als Zielgruppe von HIV-Selbsttests [1]. Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), die in Großstädten leben, nutzen hingegen die bessere Anbindung an Testangebote schon sehr gut und zeigen eine erhöhte Testbereitschaft.

Tab. 1: In Deutschland verfügbare HIV-Selbsttests mit CE-Kennzeichnung
Testname
Informationen / Herstellerhomepage
Ergebnis nach
Sensitivität/Spezifität
Atomo HIV Self Test
15 Minuten
99,6% / 99,6%
Autotest® VIH
15 Minuten
100% / 99,8%
Biosure HIV Self Test
15 Minuten
99,7% / 99,9%
Exacto® HIV-Selbsttest
10 Minuten
100% / 99,2 bis 100%
Insti® HIV Selbst-Test
direkt
100% / 99,5 bis 99,8%

Testprinzip und diagnostische Lücken

Die verschiedenen HIV-Testprinzipien unterscheiden sich nach Einsatzgebiet und Nachweisprinzip. Beim HIV-Selbsttest handelt es sich um ein indirektes Testverfahren. Im Gegensatz zu direkten Testverfahren wird nicht das Virus selbst oder seine Bestandteile nachgewiesen, sondern körpereigene Antikörper, die das Immunsystem nach einiger Zeit (drei bis zwölf Wochen) bildet. Da die Zeitdauer zwischen Infektion und Bildung und somit Nachweisbarkeit von Antikörpern individuell variieren kann, erlauben die verfügbaren HIV-Selbsttests keine zeitnahe Analyse unmittelbar nach einer möglichen Infektion. Man spricht hierbei von einer diagnostischen Lücke, die es abzuwarten gilt, in diesem Fall sind es zwölf Wochen nach einem Risiko­kontakt, um eine Infektion sicher auszuschließen. Reagiert der Selbsttest, muss ein Bestätigungstest durchgeführt werden, um mögliche falsch-­positive Testergebnisse durch Kreuzreaktionen zu identifizieren, welche in der hohen Sensitivität (Nachweisrate), aber leicht eingeschränkten Spezifität (Treffsicherheit) der Tests begründet sind.

Tab. 2: Leitfaden für ein Gespräch mit einem Kunden, wenn ein reaktiver („positiver“) HIV-Selbsttest vorliegt. Am besten ist es, dazu ein diskretes Gespräch in einem Beratungsraum anzubieten. Gegebenenfalls sollte ein HIV-Schwerpunkt-Apotheker hinzugezogen werden. [Deutsche Arbeitsgemeinschaft der HIV- und Hepatitis-kompetenten Apotheken DAH²KA, www.DAHKA.de]
Beratungsthema
Anmerkung / Kommentar
Testkonzept: Stufendiagnostik
  • Der HIV-Selbsttest ist ein Suchtest, dessen Ergebnis zwingend durch einen Bestätigungstest (Labortest) überprüft werden muss.
  • Verweis auf Schwerpunktpraxen und spezialisierte Test- und Beratungsstellen
  • Empfehlung, sich auch auf andere sexuell übertragbare Erkrankungen (STI) testen zu lassen
  • Suchtests haben eine hohe Sensitivität, aber eine relativ niedrige Spezifität, daher kann es in seltenen Fällen zu einem falsch-positiven Ergebnis kommen.
  • Adressen und Öffnungszeiten von Beratungsstellen oder „Checkpoints“ (communitynahe HIV-/STI-Testsprechstunden bzw. Gesundheitszentren) am besten schriftlich mitgeben
Was bedeutet eine HIV-Infektion?
  • Nach dem Nachweis im Labortest muss die Infektion frühzeitig und von spezialisierten Ärzten behandelt werden.
  • Eine Behandlung verhindert den Ausbruch von AIDS und erhält die Gesundheit.
  • Die Lebenserwartung von HIV-Patienten unter Behandlung entspricht der Lebenserwartung von HIV-negativen Menschen.
  • Liegt die Viruslast unter der Nachweisgrenze, ist man nicht mehr ansteckend.
  • sensibel erfragen, ob der Kunde mit einer HIV-Infektion eventuell unangemessen dramatische Vorstellungen verbindet
  • Dem Patienten sollten nach Möglichkeit bereits zeitnah nach einem positiven Selbsttest unnötige Ängste genommen ­werden.
  • verständlich erläutern, warum der Patient von einer zeitnahen Diagnostik und Behandlung profitiert
Behandlungsmöglichkeiten der modernen antiviralen Therapie
  • Prinzipien der medikamentösen Behandlung und der Vielfalt der Wirkstoffgruppen und Wirkstoffe einer antiviralen Therapie (ART) erläutern
  • Möglichkeit der Zusammenstellung gemäß der individuellen Situation des Patienten unter Einbeziehung seiner Wünsche /Lebensgewohnheiten
  • Single Tablet Regime (STR) in vielen Fällen möglich
  • Nebenwirkungen (in der Regel gute Verträglichkeit)
  • optional anzusprechen
  • Wenn erkennbar wird, dass der Patient von einer kurzen Erörterung profitiert und er kognitiv in der Lage ist, sie zu verstehen, können Prinzipien und Möglichkeiten der modernen antiviralen Therapie kurz umrissen werden.
Vermeiden einer Übertragung
  • jedes Verhalten vermeiden, das zu einer Übertragung von HI-Viren führen könnte, bis das Ergebnis des Labortests vorliegt
  • Aufklärung bezüglich der Übertragungswege
  • Verwendung von Kondomen
  • bei Drogengebrauch: Safer Use (z. B. nur eigenes Spritzbesteck bei i.v.-Konsum, eigenes Röhrchen beim Sniefen)
weitere Beratungsmöglichkeiten
  • Telefonberatung der AIDS-Hilfen
  • HIV-Schwerpunktpraxen, Gesundheitsämter, Checkpoints etc.
  • HIV-Schwerpunkt-Apotheken
  • Kontaktdaten der beratenden Apotheke mitgeben, idealerweise auch Visitenkarte des beratenden Mitarbeiters

Verfügbare Selbsttests in Deutschland

Tabelle 1 zeigt die in Deutschland verfügbaren Selbsttests mit CE-Kennzeichnung. Alle Immunassays funktionieren nach dem gleichen Prinzip, einer Antigen-Antikörper-Reaktion auf HIV-1- und HIV-2-­Antikörper im Kapillarblut. Ausführliche und bebilderte Gebrauchsanweisungen, meist auch in mehreren Sprachen, können auf den jeweiligen Herstellerhomepages heruntergeladen werden. Zudem kann auf Videos zurückgegriffen werden, die die Durchführung erklären. Ist das Ergebnis eines Selbsttests positiv (reaktiver HIV-Selbsttest), so muss es durch einen weiteren Labortest bestätigt werden. Erst wenn auch dieser Test positiv ausfällt, besteht ­sicher eine HIV-Infektion. Um die Betroffenen gut zu beraten, ihnen mögliche Ängste zu nehmen und ihnen Ansprechpartner für die weitere Diagnostik zu nennen, hat die Deutsche Arbeitsgemeinschaft der HIV- und Hepatitis-kompetenten Apotheken DAH²KA für solche Situationen einen Leitfaden entwickelt, mit dem in der Apotheke ein Beratungsgespräch geführt werden kann (Tab. 2). |

Literatur

[1] an der Heiden M et al. Schätzung der Zahl der HIV-Neuinfektionen und der Gesamtzahl von Menschen mit HIV in Deutschland, Stand Ende 2018. Epid Bull 2019;46:483–492, doi:10.25646/6410

Autorin

Dr. Verena Stahl ist Apothekerin und wurde an der University of Florida als ­Semi-Resident im landesweiten Drug Information and Pharmacy Resource Center ausgebildet. Ihre berufsbegleitende ­Dissertation fertigte sie zu einem Thema der Arzneimitteltherapiesicherheit an.

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