Kongresse

„Die Zukunft wird pharmakotherapeutisch entschieden“

Ideen, mit denen öffentliche Apotheken langfristig punkten können

rr | Apotheker erleben derzeit bewegte Zeiten: Kostendruck durch die Krankenkassen, Honorierung in der Schwebe, wachsende Konkurrenz aus dem Internet. Um auch morgen noch eine zentrale Rolle im Gesundheitswesen zu spielen, müssen Apotheker heute mehr überzeugen denn je. Die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft (DPhG) lud am 6. Oktober zum Tag der Offizinpharmazie nach Hamburg ein, um die Anwesenden mit Kompetenz und Visionen zu wappnen.
Foto: Khalid/DPhG
Die Referenten und Vertreter der Fachgruppe Allgemeinpharmazieder DPhG: Dr. Juliane Kresser, Dr. Michael Hannig, Nadine Metzger, Prof. Dr. Rolf Daniels, Dr. Olaf Rose und Jun. Prof. Dr. Sebastian Wicha (v. l.).

Überalterung der Bevölkerung, steigender Arzneimittelverbrauch und mehr Polymedikation lassen Risiken und Kosten steigen. In der öffentlichen Apotheke laufen die Fäden der Arzneimittelversorgung zusammen und sie können auch hier entwirrt werden, wenn es nötig ist. Der Tag der Offizinpharmazie beschließt traditionsgemäß die Jahrestagung der DPhG und wird von der Fachgruppe Allgemeinpharmazie organisiert. Gastgeber und Moderator Juniorprofessor Dr. Sebastian Wicha, Universität Hamburg, bereitete den Nachwuchs mit Klinischer Pharmazie auf neue Aufgaben vor und führte durch drei Punkte, die in der öffentlichen Apotheke in Zukunft unabdingbar sind.

1. Umfassend beraten

Die individuelle Beratung des Patienten ist nicht nur Pflicht, sie macht auch den großen Unterschied zu Internetapotheken. Erklären – Demonstrieren – Nachfragen: Prof. Dr. Rolf Daniels, Pharmazeutische Technologie Universität Tübingen, zeigte am Beispiel der Inhalativa, warum der persönliche Kontakt gerade bei kritischen Arzneiformen entscheidend ist. Ärzte wählen die Darreichungsform rational abhängig vom Schweregrad der Erkrankung und der Lungenleistung des Patienten. Verlangt ein Rabattvertrag einen Präparatewechsel, liegt der Therapieerfolg nunmehr in den Händen des Apothekers, denn die Verordner erfahren in der Regel erst zu spät vom Wechsel. Es gilt kritisch zu prüfen, ob eine Substitution möglich ist, und wenn ja, den Patienten umzuschulen und zu begleiten.

Bei Dosieraerosolen ist ein Austausch meist unproblematisch, meint Daniels, da die Bedienung der Präparate ähnlich ist. Eine Ausnahme bilden atemzuggetriggerte Dosieraerosole wie die Easi-breathe®-Systeme und Autohaler®-Systeme, bei denen die Freisetzung durch den Atemzug ausgelöst wird. Der Wechsel auf ein „normales“ Dosieraerosol wäre für den Patienten fatal und ist mit pharma­zeutischen Bedenken abzulehnen. Bei Pulverinhalatoren ist aus technologischer Sicht dagegen selten eine allgemein gültige Entscheidung möglich. Allen Präparaten gemeinsam ist das Prinzip: Der Arzneistoff muss zunächst aus Agglomeraten, von einem Träger oder aus einer Wirkstoff­mischung getrennt werden, damit er mit dem Atemstrom an die Bronchien und Bronchiolen transportiert werden kann. Erfolgt die Atmung zu zögerlich, werden Agglomerate zwar freigesetzt, aber nicht getrennt, und landen im Mund-Rachen-Raum. Nicht jedes System ist für jede Erkrankung und für jeden Schweregrad passend. Die inhalierte Dosis hängt von Arzneiform, Applikationssystem, Atemfluss und Handhabung ab. Ob ein Austausch unbedenklich ist, muss im individuellen Fall entschieden werden. Ein Anhaltspunkt, ob der Patient mit dem Präparat zurechtkommen wird, ist der inspiratorische Fluss, der mit einem inspiratorischen Flow-Meter überprüft werden kann. Daneben ist entscheidend, ob der Patient die nötige Kraft zum Anstechen einer Pulver­kapsel aufbringen kann.

2. Die Chancen der Zeit nutzen

Das Problem der Überalterung der Gesellschaft wird sich in Deutschland in den kommenden Jahren verschärfen. 2030 wird es bereits 3,5 Millionen Pflegebedürftige geben, die private und ambulante Betreuung wird weiter zunehmen. Apotheken können einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) leisten, indem sie sich um das Medikationsmanagement kümmern bis hin zur Verblisterung. Dr. Juliane Kresser, Produktmanagerin der Lauer Fischer AG in Fürth, erläuterte, wie die Digitalisierung die Arbeit erleichtern kann.

Das E-Health Gesetz nimmt bereits Fahrt auf. Ein wichtiger erster Schritt war die Einführung des bundeseinheitlichen Medikationsplans mit Standard-Layout. Weiter geht es mit dem Anschluss von Arztpraxen, Krankenhäusern und Apotheken an die Telematik-Infrastruktur (TI), eine gesicherte, intersektorale Datenautobahn, die die Akteure des Gesundheitswesens miteinander vernetzen soll. Diese ist notwendig, um die Daten der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) lesen zu können. Für Ärzte ist der TI-Anschluss verpflichtend und soll bis Ende 2019 abgeschlossen sein, für Apotheken wird er freiwillig bleiben. Im E-Medikationsplan ist für Apotheken ein Lese- und Schreibrecht vorgesehen, um die Arzneimittelliste bei Austausch im Rahmen von Rabatt­verträgen oder bei der Abgabe von OTC-Präparaten zu aktualisieren. Die Hoheit über seine Daten behält der Patient: Nur er kann Zugangsberechtigungen erteilen. Spätestens ab 2021 sollen Patienten per Smartphone oder Tablet auf ihre E-Patientenakte zugreifen können. Die Digitalisierung macht die Patienten zwar flexibler, sie ist aber auch eine Möglichkeit, Kunden an die Apotheke zu binden, meint Kresser. Bei der steigenden Flut von gespeicherten Gesundheitsdaten helfen elektronische AMTS-Expertentools (z. B. hinterlegte Datenbanken), um im hektischen Apothekenalltag den Überblick zu ­behalten.

3. Gesamte Medikation im Blick

Dr. Olaf Rose, Inhaber der Elefanten-Apotheke in Steinfurt, ist sich sicher: „Die Zukunft der Offizinpharmazie wird pharmakotherapeutisch entschieden!“ Die Königsdisziplin ist das umfassende Medikationsmanagement. Die Frage der Honorierung stehe zwar nach wie vor im Raum, doch sollten Apotheker nicht auf eine Antwort warten, sondern sich mit ihrer Leistung empfehlen. Die Erfahrungen aus seiner AMTS-Forschung zeigen Rose, welchen Erfolg „das Einmischen“ des Apothekers für die Arzneimitteltherapiesicherheit hat. Doch den Arzt nur über eine Interaktion zu informieren reicht nicht, man sollte auch gleich einen Lösungsvorschlag parat haben. Elektronische Hilfe ist erlaubt und erwünscht. Sich allein auf die Technik zu verlassen, hält Rose allerdings für keine gute Idee, wie er an einem Patientenfall aus der Praxis demonstrierte. Eine 73-jährige Frau hatte trotz zweier Insuline, Sitagliptin und Metformin im Medikationsplan einen viel zu hohen HbA1c-Wert von 11,7%. Der Computer schlägt vor, die Insulin-Dosis zu erhöhen. Der Apotheker kann im persönlichen Gespräch erfahren, ob die Patientin überhaupt alle Arzneimittel anwendet oder ob sie eventuell motorisch gar nicht dazu in der Lage ist, das Insulin zu spritzen. Der Verstand sollte trotz Digitalisierung nicht ausgeschaltet werden! |

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