Gesundheitspolitik

Der Apotheken-Ökonom: Im Reich der Blinden

Von Sprichwörtern und Redensarten für Apotheken

Andreas Kaapke

Die Sinne des Menschen sind häufig Teil von Redensarten und Sprichwörtern. Hat man Gefallen an etwas oder jemand gefunden, dann ist man blind – beispielsweise blind für Gefahren oder blind vor Liebe. Dies führt nicht selten dazu, dass man blind in sein Unglück rennt. Etwas prosaischer kommt das in der Redensart zum Ausdruck, er ist nicht blind, aber er sieht nicht. Besonders häufig finden sich Assoziationen des Wortes blind mit Tieren. Blind wie ein Maulwurf sein, bedeutet eben wirklich arglos durchs Leben zu laufen und gegebenenfalls nur das wahrzunehmen, was man wahrnehmen und wahrhaben will. Das blinde Huhn wird vielfach bemüht, meist mit dem Zusatz „findet auch mal ein Korn“, was aufzeigen soll, dass es sich dann eher um einen Glückstreffer als um wahres Vermögen handelt. Als Schimpfwort geht schon mal die blinde Kuh (eher unter Kindern), die blinde Sau (z. B. häufig bei Schiedsrichtern gebraucht) und die blinde Nuss durch. Blindekuh hat es darüber hinaus in den Rang eines der ältesten und beliebtesten Kinderspiele geschafft.

Blind wird aber auch genutzt, wenn man sprachlich zum Ausdruck bringen will, dass etwas nicht funktioniert, zumindest nicht so wie geplant oder erhofft. Von einem blinden Fenster spricht man, wenn man nicht durchsehen kann, blinde Taschen sind eher Fake als Aufbewahrungsort und im Wort Blindgänger greift jedwedes denkbare Unvermögen sprachlich Raum, was man sich auch nur vorstellen kann.

Das Adjektiv blind findet sich oft vor Nomen: der blinde Zufall, die blinde Furcht oder das blinde Glück, immer feststellend, dass damit nicht zu rechnen war oder dass es nicht rational zugeht.

Der blinde Passagier sieht in der Regel gut, aus dem Wunsch der Unsichtbarkeit resultiert die sprachliche Konstruktion des blinden, da zechprellenden Mitreisenden. Wer nur die Hälfte sehen will oder eben die ganze Wahrheit nicht verträgt, ist auf dem linken oder rechten Auge blind. Deshalb mündet dies in dem Sprichwort, auf einem Auge blind zu sein. Wenn man anderen Unwissenheit oder Unfähigkeit bescheinigen möchte, bezeichnet man sie als mit Blindheit geschlagen oder behauptet, dass dies sogar ein Blinder hätte erkennen können. Und wenn man diese Menschen besonders treffen möchte, dann tituliert man, dass da ein Blinder über Farben redet. Benchmarking hat auch bei den Blinden Eingang gefunden, denn im Reich der Blinden ist (selbst) der Einäugige König.

So gesehen könnten sich Apothekerinnen und Apotheker zurücklehnen. Die Unkenntnis über Arzneimittel und deren Anwendung ist in der Bevölkerung immens, da hilft auch die Allgegenwärtigkeit und Allzeitverfügbarkeit von Informationen im Internet nur bedingt. Gerade aus dieser „Blindheit“ resultiert für Apotheker der hohe Beratungsbedarf der Kunden und Patienten, der dann aber auch erkannt und befriedigt werden muss. Denn es darf nicht dem blinden Zufall überlassen werden, wer sich wie therapiert, und der ärzt­lichen Expertise ist die heilberuf­liche apothekerliche Exzellenz an die Seite zu stellen, will man es nicht dem blinden Glück überlassen, ob Menschen richtig oder falsch behandelt werden.

Wenn der Versandhandel immer häufiger wie ein Blindekuhspiel anmutet, packt einen die blinde Furcht, und wer sich auf Kanäle verlässt, die eben nicht für Güter der besonderen Art taugen, rennt ob des vermeintlich günstigeren oder bequemeren Einkaufs blind in sein Unglück. Wenn dann auch noch ökonomische Ungerechtigkeit herrscht und der eine Vertriebskanal die Arbeit für andere mitmacht – wie z. B. beim Nacht- und Notdienst –, fährt der Versandhandel als blinder Passagier der Arzneimitteldistribution mit. Gibt es Blindgänger unter den Apothekern? Vermutlich ja, wie in jedem anderen Berufszweig auch. Aber in der überwiegenden Mehrheit wird nicht wie ein Blinder über Farben geredet. Von daher lässt sich sagen, dass im Reich der Blinden der zweiäugige und scharfsichtige Apotheker König ist und dem Einäugigen der Kampf angesagt werden muss – jeden Tag aufs Neue. |

Andreas Kaapke ist Professor für Handelsmanagement und Handelsmarketing an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Standort Stuttgart, und Inhaber des Beratungsunternehmens Prof. Kaapke Projekte. E-Mail: a.kaapke@kaapke-projekte.de

Das könnte Sie auch interessieren

Von Redewendungen und Sprichwörtern

Der Apotheken-Ökonom: Glück auf

Von Sprichwörtern und Redensarten

Der Apotheken-Ökonom: Von Adam bis Zacharias

Von Sprichwörtern und Redensarten lernen

Der Apotheken-Ökonom: Besser den Hut als den Kaffee aufhaben!

Von Sprichwörtern und Redensarten

Der Apotheken-Ökonom: Falsche Zungenschläge

Von Redewendungen und Sprichwörtern lernen

Der Apotheken-Ökonom: Das ist wirklich so dumm nicht

Von Redewendungen und Sprichwörtern

Der Apotheken-Ökonom: Das blaue Wunder 

Von Redewendungen und Sprichwörtern lernen

Der Berg ruft

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.