Arzneimittel und Therapie

Kein Amalgam mehr für Schwangere und Kinder

Europa will Anwendung bis Mitte 2018 deutlich zurückdrängen

rr | Wegen ihres Quecksilber-Gehalts stehen Zahnfüllungen aus Amalgam seit Jahren in der Kritik. Die Europäische Union fordert, dass Zahnärzte Amalgam bei Kindern sowie schwangeren und stillenden Frauen ab 1. Juli 2018 nur noch in Ausnahmefällen einsetzen. Ein Verbot ist derzeit aber nicht in Sicht.

Zahnfüllungen aus Amalgam sind der wohl größte Eingangspfad, über den Quecksilber in die Umwelt gelangt: Laut dpa-Angaben kommen jährlich bis zu 75 Tonnen des toxischen Schwermetalls auf dem zahnmedizinischen Weg in Umlauf. Die EU-Kommission hält Amalgam-Füllungen, die meist verkapselt sind, grundsätzlich für ungefährlich, jedoch gibt es Bedenken über Gesundheitsrisiken bei der Verarbeitung und der Entsorgung.

Die EU-Kommission, das EU-Parlament und die Mitgliedsländer haben deshalb einen Kompromiss zur Umsetzung der sogenannten Minamata-Konvention erarbeitet, die die Nutzung von Quecksilber eindämmen soll: Ab 1. Juli 2018 gilt die Einschränkung zum Einsatz von Amalgam für Kinder, schwangere und stillende Frauen, ab 1. Januar 2019 werden eine eigene Sammlung und sichere Entsorgung quecksilberhaltiger Abfälle aus Zahnarztpraxen vorgeschrieben. Bis 2020 soll dann geprüft werden, ob Zahnärzte bis 2030 komplett auf Amalgam verzichten können.

Schweden, Norwegen und Dänemark setzen bereits seit 2009 kein Amalgam mehr im zahnärztlichen Bereich ein – als Beitrag zur Verminderung der Umweltverschmutzung. Die Europäische Union veröffentlichte schon 2005 die sogenannte Quecksilberstrategie. Seit Jahren wird bereits empfohlen, bei Schwangeren, im Falle von Milchzahnfüllungen, bei Vorliegen einer nachgewiesenen Amalgam-Allergie oder bei Nierenschäden auf den Einsatz von Amalgam zu verzichten. Allerdings ist das reine Vorsichtsmaßnahme, denn gesicherte Erkenntnisse über von Amalgam ausgehende Gefahren fehlen weiterhin (siehe Kasten).

Als Alternativen für Amalgam stehen Metalllegierungen (Edelmetalllegierungen oder Titan) und nicht-metallische Werkstoffe wie Komposits (gefüllte Kunststoffe) und keramische Werkstoffe zur Verfügung. |

Quellen

Ab 2018 kein Amalgam mehr für Kinder und Schwangere, News auf DAZ.online vom 8. Dezember 2016

Stellungnahme von Univ.-Prof. Dr. Rainer Hahn, Dentalschool Tübingen und Zahnärztliches Versorgungszentrum Tübingen, Dezember 2016


Wie gefährlich ist Amalgam? – Eine Frage an Zahnmediziner Professor Hahn

Univ.-Prof. Dr. Rainer Hahn, Tübingen

Gesundheitliche Bedenken kamen in den USA bereits im Jahr 1833 auf. In Deutschland werden solche Diskussionen seit den 1920er-Jahren geführt. Während dieser mittlerweile über zwei Jahrhunderte geführten Debatte konnte bisher keine direkte Gesundheitsgefährdung nachgewiesen werden. Im Gegenteil gilt Amalgam bis heute als eines der Materialien mit dem niedrigsten Allergisierungspotenzial. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kommt zu dem Schluss, dass Amalgam medizinisch, arbeitsmedizinisch und ökologisch als sicheres Zahnfüllmaterial bezeichnet werden kann.

Amalgame bilden nach kurzer Zeit im Mund eine sehr stabile Korrosionsschicht aus, die man als Passivierungsschicht bezeichnet. Deren Qualität steigt mit der Liegezeit der Füllung. Zwar wissen wir, dass mit zunehmender Zahl und Größe der Amalgamfüllungen die Quecksilberwerte im Organismus – insbesondere in der Niere aber auch im Fettgewebe und im Gehirn – ansteigen, aber die Quecksilber-Aufnahme liegt etwa in der gleichen Größenordnung wie die Quecksilber-Belastung durch die Ernährung und ist toxikologisch unbedenklich. In Deutschland liegt die durchschnittliche Konzentration von Quecksilber im Blut bei etwa 10% derer von Ländern mit hohem Fischkonsum, wie Schweden. Auch die allgemeine Quecksilber-Konzentration am zahnärztlichen Arbeitsplatz liegt deutlich unterhalb der empfohlenen Grenzwerte. Um die Quecksilberdampf-Belastung und dadurch die Aufnahme des Quecksilbers über die Lunge bei der Entfernung von Amalgamfüllungen zu minimieren, wird die Verwendung von schneidenden Bohrern mit guter Wasserkühlung und leistungsstarken Absaugsystemen empfohlen.

Amalgamfüllungen können eine sehr gute Prognose mit Liegezeiten von nicht selten 30 Jahren und mehr erreichen. Aufgrund der bakteriziden Eigenschaften und der Versiegelung von Randspalten sind die Zähne damit hervorragend konservierend versorgt, wenn auch nicht zahnfarben. Aus diesen Gründen empfiehlt es sich nicht, intakte Amalgamfüllungen zu entfernen. Bis heute gibt es in der wissenschaftlichen Literatur zudem keine Hinweise darauf, dass sogenannte „Entgiftungsstrategien“ wie Antioxidanzien oder Chelatbildner darüber hinausgehende positive Beiträge zur Minimierung der Quecksilber-Exposition leisten können.

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