Arzneimittel und Therapie

Über kurz oder lang

Wie effektiv ist eine Langzeitgabe von Betablockern nach Herzinfarkt?

Europäische und amerikanische Leitlinien bewerten den Einsatz von Betablockern nach einem akuten Myokardinfarkt bei Patienten ohne Herzinsuffizienz unterschiedlich. Eine französische Beobachtungsstudie zeigte, dass eine frühzeitige Gabe von Betablockern die Mortalität innerhalb der ersten 30 Tage senkt. Eine Fortsetzung der Einnahme über das erste Jahr hinaus brachte jedoch keine Überlebensvorteile.
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Von einer Betablocker-Therapie nach Myokardinfarkt profitieren Patienten ohne linksventrikuläre Dysfunktion oder Herzinsuffizienz wahrscheinlich nur kurze Zeit.

Während der Nutzen von Betablockern bei Patienten mit Herzinsuffizienz allgemein bekannt ist, ist mittlerweile umstritten, ob der Einsatz nach akutem Myokardinfarkt noch zeitgemäß ist. Die meisten Studien zu diesem Thema sind inzwischen mehrere Jahrzehnte alt und stammen aus einer Zeit, in der weder Reperfusion noch Statine zur Rezidivprophylaxe verfügbar waren. Daher wurden nun Daten aus dem nationalen französischen Register für akute Myokardinfarkte mit und ohne ST-Streckenhebung (FASTMI) analysiert.

Mortalität nach 30 Tagen gesenkt

Von den 2679 Patienten, die mit akutem Myokardinfarkt aufgenommen wurden und zuvor nicht an Herzinsuffizienz gelitten hatten, erhielten 2050 während der ersten 48 Stunden Betablocker (76,5%). Die Mortalität innerhalb der ersten 30 Tage lag bei diesen Patienten bei 2,3%, verglichen mit 8,6% ohne Betablocker. Dies ergibt nach Anpassungen für Alter, Komorbidität und anderen Risikofaktoren (GRACE-Score) eine Hazard-Ratio (HR) von 0,46 (unabhängig vom eingesetzten Wirkstoff). Insgesamt verließen 2217 der Patienten das Krankenhaus lebend und ohne linksventrikuläre Dysfunktion. 80% dieser Patienten wurden bei Entlassung Betablocker verschrieben. Nach einem Jahr lag die Mortalität in der Betablocker-Gruppe bei 3,4% verglichen mit 7,8% (angepasste HR 0,77). Es zeigten sich signifikante Unterschiede in der Zahl der kardiovaskulären Todesfälle, jedoch nicht in nicht-kardiovaskulär bedingten Todesarten und plötzlichen Herzstillständen.

11,1% der Patienten hatten innerhalb dieses Jahres aufgehört, Betablocker einzunehmen. Nach fünf Jahren lag ihre Mortalität bei 9,2%, verglichen mit 7,6% bei fortgeführter Therapie. Die angepasste HR betrug 1,19 in der Gruppe mit fortgesetzter Betablocker- Einnahme. Auch die Wahrscheinlichkeit für die Ereignisse Tod, weiterer Herzinfarkt oder Schlaganfall war nicht niedriger als in der Kontrollgruppe (HR 1,02).

Statine nicht vergessen

Als Vergleich wurde analysiert, wie sich ein Abbruch einer zusätzlichen Statin-Einnahme innerhalb des ersten Jahres auswirkt. Die Gruppe, die eine Dauertherapie mit Betablockern und Statinen erhielt, hatte mit 5,8% eine niedrigere Mortalität, als die Gruppe, die die Statine innerhalb des ersten Jahres absetzte (16,9%; angepasste HR 0,42). Diese Beobachtungsstudie liefert Hinweise, dass eine frühe Gabe von Betablockern nach akutem Myokardinfarkt die Mortalität bei Patienten ohne Herzinsuffizienz innerhalb der ersten 30 Tage sowie des ersten Jahres senken kann, aber eine langfristige Gabe hier – im Gegensatz zu Statinen – keine Überlebensvorteile mit sich bringt.

In den europäischen Richtlinien liegt das Empfehlungsniveau für den Einsatz von Betablockern nach akutem Myokardinfarkt auf Klasse IIa, in den amerikanischen Leitlinien weiterhin auf höchster Empfehlungsklasse. Ob eine Anpassung der Leitlinien auf Grundlage der vorliegenden Studiendaten zu erwarten ist, lesen Sie im nachfolgenden Kommentar. |

Quelle

Puymirat E, et al. β blockers and mortality after myocardial infarction in patients without heart failure: multicentre prospective cohort study, BMJ 2016;354:i4801

Apothekerin Sarah Katzemich

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