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Eine Frage der Schuld!?

Foto: DAZ/Kahrmann

Dr. Doris Uhl, Chefredakteurin der DAZ

Glaubt man den unzähligen Ratgebern und Ratschlägen für Schwangere, dann können werdende Mütter vieles falsch machen und manches ganz besonders richtig. Nachlässigkeit im Hinblick auf die Vitamin- und Mineralstoffversorgung wird verantwortlich gemacht für ein ganzes Spektrum von Erkrankungen bei den unter solchen Umständen geborenen Kindern – und damit wird ganz schnell die Schuld für das erkrankte Kind der Mutter zugewiesen. Zum Beispiel soll ein Vitamin-D- und Eisenmangel das ADHS-Risiko des ungeborenen Kindes erhöhen. Umgekehrt kann eine ausreichende Versorgung die Mütter in falscher Sicherheit wiegen. Denn bewiesen ist gar nichts, außer dass es als gesichert gilt, dass bei ADHS erbliche Faktoren eine bedeutsame Rolle spielen.

Eine andere Dimension bekommt die „Schuldfrage“ und die Last, die auf den Müttern ruht, wenn Arzneimittel in der Schwangerschaft eingenommen werden (müssen). Wir haben alle das Bild der Contergan-geschädigten Kinder vor Augen und wissen um potenzielle Risiken einer Arzneimitteleinnahme. Doch der völlige Verzicht auf Arzneimittel ist für all die werdenden Mütter keine Alternative, die an einer Pharmakotherapie-bedürftigen Erkrankung leiden. Das sollte beispielsweise bei Diabetes oder Asthma noch einigermaßen gut zu vermitteln sein.

Doch wie ist es, wenn eine Frau unter Depressionen oder Angststörungen leidet, die als solche nicht unbedingt als Krankheiten akzeptiert werden? Wie gehen diese Frauen und ihr Umfeld mit einem Bericht in der Tageszeitung oder den Online-Medien um, der Antidepressiva für ein erhöhtes Autismus-Risiko beim Kind verantwortlich macht (s. S. 26 „Autismus gibt weiterhin Rätsel auf“)? Und – wie fühlen sich Mütter von autistischen Kindern, die während der Schwangerschaft Antidepressiva eingenommen haben?

Es ist wohl kaum davon auszugehen, dass solche Berichte von allen richtig eingeordnet werden können. Nur die wenigsten werden erkennen, dass die Aussagekraft zugrunde liegender Studien in der Regel begrenzt ist. Den meisten bleibt verborgen, dass oft schon die Erkrankung selbst das Risiko erhöhen kann und die Daten eine Differenzierung nicht zulassen. Wird dann aus lauter Angst und Sorge einfach das Arzneimittel weggelassen, müssen im schlimmsten Fall sowohl die Mutter als auch das Kind unter den Folgen leiden.

Hier ist viel Aufklärung gefordert, von Ärzten, von Apothekern, von verantwortungsvollen seriösen Medien. Aber es ist auch mehr Gelassenheit notwendig. Es gibt nicht das „perfekte Kind“, aber es gibt eine unglaubliche Vielfalt, die jedes Kind – egal mit welchen Krankheiten und Störungen es behaftet ist – zu einem unverzichtbaren Teil unserer Gesellschaft macht.

Dr. Doris Uhl


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