Arzneimittel und Therapie

Antibiotika gegen Rückenschmerzen

Nur ganz wenige Patienten könnten profitieren

Diese Studie hatte für einige Aufregung gesorgt, und zahlreiche kritische Leserbriefe erreichten den Herausgeber der Zeitschrift European Spine Journal: Eine dänische Arbeitsgruppe hatte die Hypothese publiziert, dass Patienten mit chronischen Rückenschmerzen und einer bestimmten Form des Bandscheibenvorfalls (Modic-Typ 1) von einer Antibiotika-Behandlung profitieren könnten – was sich in einer doppelblinden placebokontrollierten Untersuchung auch bestätigen ließ.

Die Autoren der dänischen Studie hatten im Knochenmark, das direkt an die Wirbelkörper angrenzt, anaerobe Erreger nachgewiesen, darunter hauptsächlich Propionibacterium acnes. Sie behandelten die Betroffenen dreimal täglich über 100 Tage mit Amoxicillin/Clavulansäure (500/125 mg) bzw. Placebo. Die Antibiotika-Behandlung erwies sich bei diesen Patienten mit Modic-Typ 1 in allen Endpunkten, darunter Bein- und Lumbal­schmerzen, als signifikant überlegen, der Effekt hielt bis zur Nachuntersuchung nach einem Jahr an.

Ursache meist Über- ­oder Fehlbelastung

In einem Interview in der Zeitschrift physiopraxis erläuterte der Wirbelsäulen-Therapeut Mathias Rosenbaum, dass die Modic-Veränderungen in der Normalbevölkerung zu rund 6% vorkommen, bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen dagegen zu 40%. Bei den meisten Patienten hätten diese Veränderungen jedoch keine infektiösen, sondern mechanische Ursachen. Sie seien durch Über- oder Fehlbelastung entstanden und sprächen daher in der Regel gut auf eine spezifische physiotherapeutische Behandlung an. Diese sei dann auch die Therapie der ersten Wahl.

Genaue Diagnose wichtig

Bei einigen Patienten könnten jedoch nach einem Bandscheibenvorfall Bakterien in die Bandscheibe eingedrungen sein. Normalerweise werden diese vom Immunsystem rasch eliminiert. Da die Bandscheiben jedoch nicht durchblutet werden, könnten Bakterien hier leichter überleben und im Bandscheibengewebe eine Entzündung verursachen. Hauptursache der Modic-Veränderungen ist dabei wahrscheinlich die von den Aknebakterien produzierte Propionsäure, da sie rotes Knochenmark auflöst und Knochentrabekel korrodiert, wodurch Mikrofrakturen und Ödeme entstehen können. In diesen Fällen könnte eine MAST – eine Modic Antibiotic Spine Therapy analog zur dänischen Studie – eventuell hilfreich sein.

Modic-Klassifikation

Die Modic-Klassifikation dient der Beschreibung von Veränderungen in der Nachbarschaft erkrankter Bandscheiben, die nur im MRT sichtbar sind. Sie betreffen das direkt an die Deck- und Bodenplatten der Wirbelkörper angrenzende Knochenmark; beim Modic-Typ 1 liegt dort ein Ödem vor.

Rosenbaum, der in seiner Wirbelsäulen-Schwerpunktpraxis derzeit seinen ersten Patienten mit MAST behandelt, plädiert jedoch für eine exakte Diagnose: Erst wenn der Schmerz länger als sechs Monate bestehen bleibe und durch die Physiotherapie nicht besser werde, könne eine gezielte antibiotische Therapie der Entzündungsvorgänge in Erwägung gezogen werden. Die Diagnostik sollte immer von einem ausgebildeten MAST-Therapeuten vorgenommen werden, da viele Kriterien berücksichtigt werden müssten. Damit ließe sich auch ein „massenhafter Fehlgebrauch der Medikamente“ vermeiden. „Die derzeitige Studienlage spricht dafür, dass höchstens ein Prozent aller Rückenschmerz-Patienten für eine MAST infrage kommt“, sagte Rosenbaum in dem Interview. |

Quelle

Moers S. MAST know – Antibiotikatherapie bei Rückenschmerzen. physiopraxis 2014;7-8:34-37

Albert HB et al. Antibiotic treatment in patients with chronic low back pain and vertebral bone edema (Modic type 1 changes): a double-blind randomized clinical controlled trial of efficacy. Eur Spine J 2013;22(4):697-707, doi: 10.1007/s00586-013-2675-y

Antibiotika können Rückenschmerzen lindern. www.aerzteblatt.de/nachrichten/54334/Antibiotika-koennen-Rueckenschmerzen-lindern, letzter Aufruf am 1. Oktober 2014

Apothekerin Dr. Claudia Bruhn

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