Selbstmedikation

Leise rieselt's wie Schnee

Wie man Kopfschuppen effektiv behandelt

Von Julia Borsch | Bei jeder Bewegung des Kopfes rieseln sie wie Schnee, und das Tragen dunkler Kleidung wird fast unmöglich. Zu dem ästhetischen Problem kommt oft ein lästiger Juckreiz. Die Rede ist von Kopfschuppen, einer der häufigsten Erkrankungen der Kopfhaut. Je nach Informationsquelle variiert die Anzahl Betroffener zwischen knapp über 20% und 70%. Allerdings ist niemand gezwungen, unter Kopfschuppen zu leiden, denn sie lassen sich in der Regel mit entsprechenden Shampoos und Lösungen behandeln.

Die Abschuppung (Desquamation) der Kopfhaut ist ein physiologischer Vorgang. Täglich werden ein bis zwei Zelllagen abgestoßen (Abb. 1). Unter normalen Umständen sind die Hautschüppchen winzig klein und mit bloßem Auge nicht sichtbar. Würde man jedoch eine bis zwei Wochen auf Haarwäsche, bei der die Schuppen mechanisch entfernt werden, verzichten, wären sie bei jedem erkennbar. Bei pathologischen Kopfschuppen ist die Zellteilungsrate und damit die Abschuppung der behaarten Kopfhaut doppelt so hoch wie normal. Die Zellen haften dann zusammen. Ab ca. 500 zusammenklebenden Zellen sind die Zellhaufen sichtbar. „Richtige“ Schuppen bestehen aus Tausenden zusammenhaftenden Hornzellen.

Abb. 1: Die Abschuppung der Kopfhaut ist ein natürlicher Prozess. Bei gesunder Kopfhaut sind die Schuppen jedoch sehr klein und nicht sichtbar [nach W. Raab. Hautfibel].

Im Folgenden sollen lediglich Schuppen ohne weitere Symptome (Pytiriasis simplex) behandelt werden. Schuppen, die aufgrund von anderen Erkrankungen wie allergischen Kontaktekzemen, atopischen Ekzemen, Tinea oder Psoriasis auftreten, werden nicht thematisiert. Diese Erkrankungen sollten aber in jedem Fall Gegenstand differenzialdiagnostischer Überlegungen sein. Das gilt insbesondere dann, wenn klinisch sichtbare, entzündliche Veränderungen der Kopfhaut oder Schuppenbildung, die über die Kopfhaut hinausgeht, auftreten oder die Schuppen auf therapeutische Maßnahmen nicht ansprechen. Werden solche Symptome beobachtet, sollte man in jedem Fall beim Dermatologen vorstellig werden. Aber auch wenn verstärkte Kopfschuppung erstmalig auftritt, kann eine ärztliche Abklärung hilfreich sein, um andere Erkrankungen als Ursache auszuschließen. Spätestens dann, wenn die Beschwerden auf therapeutische Maßnahmen im Rahmen der Selbstmedikation nicht ansprechen, sollte Hilfe in Anspruch genommen werden.

Grundsätzlich müssen zwei Arten von Schuppen unterschieden werden, nämlich

  • Schuppen bei trockener Kopfhaut und
  • fettige Schuppen bei fettiger Kopfhaut.

Trockene Schuppen durch zu viel Pflege

Trockene Schuppen entstehen oft durch eine Überpflege der Kopfhaut. Parfümierte Shampoos und häufige Haarwäsche verursachen dann ein kumulatives toxisches Kopfhautekzem. Aber auch eine verminderte Talgsekretion im Alter (Sebostase) kann als Ursache zugrunde liegen. In den Wintermonaten wird die Problematik durch trockene Heizungsluft oft noch verstärkt. Problematisch ist, dass durch Haarwäsche Schuppung und Juckreiz temporär gelindert werden, was die Patienten dazu verleitet, sich häufig die Haare zu waschen und man wieder beim Grundproblem, der häufigen Haarwäsche, angelangt ist. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Abhilfe schaffen seltenere Haarwäsche, milde Shampoos, idealerweise mit Harnstoff, oder lipidhaltige O/W-Emulsionen. Bei starkem Juckreiz können milde alkoholfreie Corticoidlösungen (Präpratebeispiele s. fettige Schuppen) gegebenenfalls auch in Kombination mit Salicylsäure zum Einsatz kommen.

Praxistipp

Um im Beratungsgespräch fettige von trockenen Schuppen unterscheiden zu können, kann es hilfreich sein, den Patienten nach den Haarwäsche-Gewohnheiten zu fragen. Bei fettigen Schuppen muss alle ein bis zwei Tage gewaschen werden, bei trockenen genügt in der Regel alle fünf bis sechs.

Fettige Schuppen durch Seborrhoe und Hefepilze

Als Ursache für die fettigen Schuppen werden eine übermäßige Talgproduktion der Kopfhaut sowie deren mikrobielle Besiedelung angenommen. Eine entscheidende Rolle spielen dabei vermutlich Malassezia-Hefen. Der Hefepilz aus der Gattung der Brandpilze, der zur physiologischen, residenten Hautflora des Menschen gehört, ernährt sich von langkettigen Fettsäuren und findet daher im talgreichen Milieu der Kopfhaut vor allem bei Seborrhoikern ideale Lebensbedingungen vor. Bei Kopfschuppen ist die Keimdichte erhöht. Die vorherrschenden Arten sind Malassezia furfur (Pityrosporum ovale) und Malassezia globosa. Bei der Zersetzung des Hauttalgs durch die Hefen entstehen freie Fettsäuren sowie Lipoperoxide, die zu Kopfhaut-Irritationen führen. Schuppenbildung durch gesteigerte Zellteilung, Juckreiz und vermehrte Talgproduktion sind die Folge. Durch Kratzen wird diese Entwicklung gefördert. Ein Teufelskreis entsteht (Abb. 2). Im Unterschied zu gesunder Kopfhaut scheint bei Schuppen zudem eine Funktionsstörung des Stratum corneum, der obersten Schicht der Epidermis, vorzuliegen. Dadurch könnten die vermehrte Abschuppung, die Neigung zu Entzündungen und Irritationen, die erhöhte Talgproduktion sowie mikrobielles Wachstum begünstigt werden. Außerdem konnten im Stratum corneum von Schuppen-Patienten erhöhte Histamin-Spiegel gemessen werden, die sich nach Behandlung wieder normalisieren. Darin liegt wohl eine Ursache des Juckreizes, der oft mit Schuppen assoziiert ist.

Abb. 2: Der Teufelskreis: Bei der Zersetzung des Hauttalgs entstehen Substanzen, die zu Juckreiz und wiederum vermehrter Talgproduktion führen. Kratzen fördert diese Entwicklung [nach W. Raab. Hautfibel].

Der Pathomechanismus, der der Genese fettiger Kopfschuppen (Pityriasis simplex soborrhoides capillitii) zugrunde liegt, entspricht vermutlich dem des seborrhoischen Ekzems. Bei dieser, durch gesteigerten Talgfluss hervorgerufenen, Ekzemreaktion ist die Kopfhaut oft nur eines von mehreren befallenen Arealen. Schuppen treten hier beispielsweise auch in den fettigen Arealen von Kopf und Gesicht wie den Nasolabialfalten auf. Der Übergang von Kopfschuppen zum seborrhoischen Kopfhautekzem ist fließend.Zur Behandlung der fettigen Schuppen werden Shampoos mit antimykotischen Wirkstoffen wie Ketoconazol oder Ciclopiroxolamin eingesetzt, die als apothekenpflichtige, verschreibungspflichtige oder Nicht-Arzneimittel (nach EG-Kosmetikverordnung) erhältlich sind. Sie müssen zunächst zwei- bis dreimal wöchentlich und dann zur Prophylaxe einmal pro Woche angewendet werden. Entscheidend ist eine ausreichend lange Einwirkzeit. Sie beträgt je nach Produkt drei bis fünf Minuten. In den meisten Packungsbeilagen wird von einer Dauerbehandlung abgeraten. Die Empfehlungen variieren zwischen vier Wochen und sechs Monaten. Dies ist damit zu begründen, dass sich durch den Dauereinsatz von Antimykotika die natürliche Hautflora verändern kann. Daher sollten nach Abklingen der akuten Beschwerden milde Shampoos ohne Duft-, Farb- und Konservierungsstoffe eingesetzt werden, um neuerlichen Reizungen der Kopfhaut entgegenzuwirken. Ein saurer pH wirkt zusätzlich antimikrobiell. In leichteren Fällen ist die Behandlung mit einem Teer-Präparat (Tarmed®) oft ausreichend und auch Pirocton-Olamin-, Pyrithion-Zink-, Selendisulfid-, Ichthyol- oder Salicylsäure-haltige Shampoos können wirksam sein. Sie wirken in unterschiedlichem Maße der Schuppenbildung, der Seborrhoe und dem Juckreiz entgegen. Ätherische Öle haben ebenfalls antimikrobielle Wirkung. Schwefel und (verschreibungspflichtige) Glucocorticoid-haltige Präparate wirken entzündungshemmend. Hier können auch stärker wirksame Substanzen der Wirkstärkeklassen II und III angewendet werden, da an der Kopfhaut selbst hochpotente Glucocorticoide nicht zu Atrophie führen. Zur Verfügung stehen Fertigarzneimittel beispielsweise mit Prednisolon (Lygal® Kopftinktur N), Hydrocortisonbutyrat (Alfason Crinale®, Alfason Crelo®), Betamethasonvalerat (Betnesol-V crinale® 0,1%, Deflatop® 0,1%, Betagalen® 0,1%) oder Betamethasondipropionat (Diprosone®). Viele Schuppenmittel enthalten Kombinationen mehrerer Wirkstoffe. Eine Übersicht über verschiedene Präparate und deren Inhaltsstoffe bietet Tabelle 1.

Häufig handelt es sich jedoch bei Kopfschuppen um ein dauerhaftes Problem. In vielen Fällen tritt die Problematik nach Absetzen des Präparats wieder auf, so dass wiederholte Behandlungen notwendig sein können. Darauf sollte im Beratungsgespräch auf jeden Fall hingewiesen werden.

Schuppenshampoos im Test

Stiftung Warentest hatte im Jahre 2007 Pirocton-Olamin, Pyrithion-Zink, Selendisulfid sowie Climbazol eine gute Wirksamkeit gegen Schuppen bescheinigt. Letzteres ist vor allem in Nicht-Arzneimitteln enthalten. Ökotest, bei dessen Bewertung die Wirksamkeit keine Rolle spielt, sondern nur auf Verträglichkeit getestet wird, stuft in seinem „Ratgeber Kosmetik und Wellness 2014“ Pyrithion-Zink, Selendisulfid sowie Climbazol als bedenklich ein. So greife Pyrithion-Zink in die Zellteilung ein und könne bei sensibler Kopfhaut zu Juckreiz, Ausschlag und Entzündungen führen. Das Azolantimykotikum Climbazol sei eine Halogen-organische Verbindung, die nach Resorption im Körper Chlorphenol abspalten kann. Chlorphenol stehe im Verdacht kanzerogen zu wirken, so Ökotest weiter. Zudem könne man in Einzelfällen allergische Reaktionen nicht ausschließen. Halogen-organische Verbindungen reichern sich außerdem in der Umwelt an und sind auch von daher umstritten. Selendisulfid, das in freiverkäuflichen Anti-Schuppen-Shampoos nur bis zu einer Konzentration von einem Prozent zugelassen ist und fungi-statische Eigenschaften hat, solle aufgrund seiner starken Wirksamkeit nicht in Kosmetika, sondern nur in Form von medizinischen Produkten und in sehr ernsten Fällen eingesetzt werden. Hier berufen sich die Tester auf Empfehlungen von Dermatologen. Lediglich Pirocton-Olamin sei verträglicher. Schuppen-Shampoos mit Ciclopirox oder Ketoconazol waren nicht Gegenstand des Tests. 


Literatur

Raab W. Hautfibel – Dermatologische Pflege kompakt; 4. Auflage; Govi-Verlag 2010

Adler Y. Hautkrankheiten – Symptome, Therapie, Beratung; 1. Auflage; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2012

Niedner R, Adler Y. Für die Kitteltasche: Hautkrankheiten im Blick; 2. Auflage; Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2007

Turner GA1, Hoptroff M, Harding CR. Stratum corneum dysfunction in dandruff; Int J Cosmet Sci. 2012 Aug;34(4):298-306

Kerr K1, Schwartz JR, et al. Scalp stratum corneum histamine levels: novel sampling method reveals association with itch resolution in dandruff/seborrhoeic dermatitis treatment; Acta Derm Venereol. 2011 Jun;91(4):404-8. doi: 10.2340/00015555-1073

Piérard-Franchimont C1, Uhoda E, et al. Effect of residence time on the efficacy of antidandruff shampoos; Int J Cosmet Sci. 2003 Dec;25(6):267-71. doi: 10.1111/j.1467-2494.2003.00195.x.

Sanft ist besser – Test Anti-Schuppen-Shampoos; Öko-Test Ratgeber Kosmetik und Wellness 2014

Leise rieselt der Schnee: Test 09/2007;S. 26-29

www.enzyklopaedie-dermatologie.de/login/n/h/3106_1.htm

Fachinformationen der Hersteller

Lauer-Taxe; letzte Zugriff am 14.07.2014

 

Autorin

Julia Borsch, Apothekerin, Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität München, derzeit Redakteurin bei der Deutschen Apotheker Zeitung.

jborsch@deutscher-apotheker-verlag.de

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