Die Seite 3

Brandgefährlich

Dr. Doris Uhl, Chefredakteurin der DAZ

Während ABDA, Kammern, Verbände und Fachgesellschaften noch diskutieren, wie die neue pharmazeutische Dienstleistung Medikationsmanagement mit Leben zu füllen ist und welche Chancen sie für die Weiterentwicklung unseres Berufsstandes bietet, nutzen andere die unklaren Vorstellungen geschickt als Marketinginstrument für ihre eigenen Interessen - eine brandgefährliche Entwicklung.

So suggerieren Software-Anbieter einfache Lösungen: Medikationsmanagement = Reichweitenanalyse und Wechselwirkungscheck. Ganz vorne an der Front: Ordermed mit Medikationskarte und Medikamentencheck, Rezeptservice, gerne auch für die „Pille danach“. Die ärztliche Verordnung übernimmt im Zweifel Dr. Ed, die Apotheke vor Ort führt einfach nur noch aus und wenn sie nicht da ist, dann gibt es ja noch die Versandlösung. Apropos Versandapotheken! Auch sie haben eine ganz eigene Vorstellung zum Medikationsmanagement: Sie möchten Krankenkassen und chronisch Kranken ein Medikationsmanagement im Rahmen von Bonusmodellen anbieten: Sprich, der Patient erhält von seiner Krankenkasse oder der Versandapotheke eine Auszahlung und damit eine Belohnung dafür, dass er sich ein Medikationsprofil erstellen lässt. Auch hier wird das Medikationsmanagement verkürzt auf die Erkennung von Interaktionen und Kontraindikationen. Das kann zweifelsohne jede gute Software. Was sie jedoch nicht kann, ist in Erfahrung bringen, welche Konsequenzen für den Patienten zu ziehen sind.

Dabei fängt hier das, was unter Medikationsmanagement zu verstehen ist, erst an (s.a. DAZ 2013; Nr. 38; S. 58 ff). Wer die Medikation eines Patienten „managen“ will, muss erst einmal in Erfahrung bringen, was der Patient wirklich benötigt, welche Krankheiten und Probleme im Vordergrund stehen. Dann müssen Lösungen mit dem Patienten erarbeitet werden, die er auch umsetzen kann. Warnt die Software beispielsweise vor Interaktionen, muss entschieden werden, welche in Kauf genommen werden können und welche nicht. Dazu sind nicht nur ausgezeichnete pharmazeutische und pharmakotherapeutische Kenntnisse und eine enge Kooperation mit den behandelnden Ärzten notwendig, unverzichtbar sind auch besondere kommunikative Fähigkeiten und vor allem der direkte persönliche Kontakt. Diese Art des Medikationsmanagements geht weit über Softwarelösungen hinaus. Sie ist eine pharmazeutische Dienstleistung, die für chronisch Kranke und multimorbide Patienten unentbehrlich und für die Krankenkasse von hohem Wert ist. Folgerichtig ist sie entsprechend zu honorieren und darf nicht in Bonusmodellen verramscht werden.

Der Missbrauch des Begriffs Medikationsmanagement für Marketingzwecke aller Art ist brandgefährlich. Nicht nur für uns als Berufsstand, auch für den Patienten, der mit einer App oder im Internet seine Medikation selbst managed und zum Beispiel einfach aufgrund einer erkannten, vermeintlich gefährlichen Interaktion das eine oder andere Medikament absetzt.

Doris Uhl

Das könnte Sie auch interessieren

BAK-Präsident Dr. Andreas Kiefer und ABDA-Geschäftsführerin Dr. Christiane Eckert-Lill im Gespräch

Pharmazeutische Dienstleistungen - die Zukunft?

Chancen und Herausforderungen am Beispiel des Medikationsmanagements

Digitalisierung trifft auf Dienstleistungen

Projekte für mehr Arzneimitteltherapiesicherheit begeistern Apotheker, Ärzte und Patienten

„ARMIN ist gelebte Pharmazie“

Ein Kommentar

Das große Schweigen

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.