Management

Karrierefaktor Stressresistenz

Die Entscheidung fällt im Kopf

Von den Mitarbeitern in der Apotheke wird heutzutage Stressresistenz erwartet und verlangt – häufig wird einem Bewerber schon im Einstellungsgespräch auf den Zahn gefühlt, wie er sich in Stresssituationen verhält: Wie reagiert er, wenn der Chef nörgelt, ihn mehrere Kunden zugleich sprechen möchten, er aber schon seit Stunden zwischen Front Office, Frei- und Sichtwahlbereich und Back Office hin und her stürmt?

Wenn dann zu dem täglich bedingten beruflichen Stress eine ökonomisch und privat unsichere Situation kommt, erhöht sich der Stressfaktor. Darum ist es sinnvoll, wenn sich der Apothekenmitarbeiter frühzeitig mit seinem Verhalten in Stresssituationen auseinandersetzt und überdies ein wenig Stresswissen aufbaut.

Negativen Disstress bekämpfen

Grundsätzlich kann zwischen belastendem Disstress und positivem Eustress unterschieden werden. Der Eustress hilft, Herausforderungen anzunehmen und zu bewältigen. Warum sich jemand gestresst fühlt und zu welchen Stresssymptomen dies führt, ist individuell unterschiedlich: Jeder Mensch wird durch seine "persönlichen" Stressoren bedrängt. Und Stressoren gibt es wie "Sand am Meer"; die Skala reicht von körperlichen bis zu seelischen Stressauslösern. Der erste Schritt zur Stressbewältigung besteht daher in der Ursachenforschung: Der Mitarbeiter sollte seine Stressoren, also seine persönlichen Belastungssituationen erkennen und analysieren.

Dabei gilt: Stress hat man nicht – man macht ihn sich meistens selbst. Ob eine Situation belastend wirkt, entscheidet sich im Kopf. Gerade Mitarbeiter, die eine neue Stelle antreten, suchen bei Problemen die "Schuld" gerne bei sich selbst – ohne zu fragen, ob diese subjektive Bewertung gerechtfertigt ist.

Trotzdem gibt es ihn – den negativen Disstress, der durch die kleinen, aber feinen Nadelstiche, die sich tagtäglich wiederholen, verursacht wird. Die permanente Belastung führt zu einer Anspannung, die abgebaut werden muss: Der Apothekenmitarbeiter sollte für einen kontinuierlichen Wechsel zwischen Phasen der Anspannung und der Entspannung sorgen. Wer es versteht, immer wieder körperlich und mental entspannende Phasen in seinen Berufsalltag einzubauen und den Energieakku aufzufüllen, bewältigt die unausbleiblichen anspannenden Stresssituationen besser.

Oft hilft es bereits, wenn der Mitarbeiter über seine Stresssituationen berichten kann und sich dafür öffnet, Stressbewältigungsmethoden anzuwenden. Dies fällt manchmal leichter, wenn es außerhalb des Berufsalltages und der Apotheke möglich ist – etwa im Gespräch mit einem unbeteiligten Dritten aus dem privaten Bereich.


Wichtige Schritte auf dem Weg zur Stressbewältigung


  • Ursachenforschung: Stressoren feststellen. Dabei Stresstyp bestimmen und persönliche Bewertung von stressenden Situationen beachten

  • hemmende Glaubenssätze feststellen und ändern

  • bereits (oft unbewusst) genutzte Stressbewältigungsstrategien analysieren und zum gezielten Stressabbau einsetzen
  • Möglichkeiten der Einflussnahme auf Stressor feststellen und beeinflussbare Stressoren vermeiden und ausschalten

  • Stressbewältigungstechniken (Stresspause, Sport, autogenes Training etc.) einsetzen

Das "Warum" erkennen

Welche Entspannungstechniken letztendlich weiterhelfen, ist wiederum von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Meditation, Atemtechniken, Konzentrations- und Visualisierungsübungen, sportliche Betätigung – der Mitarbeiter möge prüfen, was ihm persönlich hilft. Als gesichert gilt, dass alle Aktivitäten, die ein Zufriedenheitserlebnis auslösen, entspannend wirken. Auch ein effektives Ziel- und Zeitmanagement und Strategien zur Arbeitsmethodik sind geeignet, den Disstress in den Griff zu bekommen: Wer seine beruflichen – und privaten – Aktivitäten einem übergeordneten Lebensziel unterordnet, weiß, warum und wofür er stressige Situationen in Kauf nimmt. Der Mitarbeiter hat einen Grund, die ewigen Nörgeleien des Chefs "auszuhalten", wenn er zum Beispiel das Karriereziel vor Augen hat, eine Teamleiterposition in der Apotheke einzunehmen.

Innere Blockaden überwinden

Viele Stresssituationen sind durch tief verwurzelte Überzeugungen oder Glaubenssätze bedingt, die sich ein Mensch im Laufe seines Lebens aneignet. Hemmende Überzeugungen führen zu Stress, weil sie Energien blockieren und den Mitarbeiter nur mit "halber Kraft" an die Lösung eines Problems herangehen lassen: Wer eine Aufgabe mit der Überzeugung lösen will: "Das schaffe ich bestimmt nicht", programmiert sich auf Misserfolg, wird seine Potenziale nicht aktivieren können, wahrscheinlich tatsächlich scheitern und sich in seiner Grundüberzeugung nur bestätigt finden. Fördernde Überzeugungen hingegen wie "Ich schaffe das" setzen Ressourcen frei, die zur Problemlösung eingesetzt werden können.

Allerdings: Eine positive Einstellung und motivierende Überzeugungen allein genügen nicht, um zu erwünschten Resultaten zu gelangen. Doch Menschen mit fördernden Überzeugungen sind weniger geneigt, stressende Situationen als unveränderbar hinzunehmen. Darum sollte der Apothekenmitarbeiter versuchen, hemmende Glaubenssätze zu identifizieren, zu hinterfragen und sie umdeuten, also einer konstruktiven Neubewertung zu unterziehen. Denn sie sind nicht naturgegeben, sondern geprägt durch die Sichtweise eines Menschen, die Summe seiner Erfahrungen und der daraus abgeleiteten Erkenntnisse. Sie können daher auch verändert, ausgetauscht oder erweitert werden.

Stresstyp identifizieren und Einflussmöglichkeiten wahrnehmen

Hilfreich bei der Selbstanalyse ist das Wissen, zu welchem Stresstyp man gehört. Während der eine Typ zu hohem Leistungsstreben und Perfektionismus tendiert und sich wohl fühlt, wenn er viel leisten muss, und selbst höchste berufliche Anspannung als positiven Eustress empfindet, neigt der andere Typ dazu, Stresssituationen zu vermeiden – er fühlt sich schneller negativ gestresst.

Ein weiterer Aspekt bei der Stressbewältigung ist das Gefühl, eine Situation, die man als stressend definiert, beeinflussen zu können. Das Wissen, die Situation aktiv beeinflussen zu können, verhindert, dass eine Stressreaktion erfolgt. Ist eine Einflussnahme nicht oder in nur sehr eingeschränktem Maße möglich – und das ist bei Angestellten schließlich recht häufig der Fall – , droht die Stressgefahr. Der Mitarbeiter sollte überprüfen, auf welche seiner Stressoren er Einfluss hat und überlegen, was er tun kann, um diese "auszuschalten" oder zu beeinflussen. So lässt sich die tägliche Stressdosis zumindest reduzieren.

Ähnliches gilt für Konflikte am Arbeitsplatz. Kalte Konflikte, die nicht ausgetragen werden, schwelen unter der Oberfläche weiter und verursachen Stress. Wer einen Konflikt jedoch als Herausforderung betrachtet, eine schwierige Situation einer sachlichen Problemlösung zuzuführen, und ihn dezidiert thematisiert – auch gegenüber dem Vorgesetzten – , hat gute Chancen, den Stress in Schach zu halten. Und das ist unter Karrieregesichtspunkten kein Nachteil.


Dr. Michael Madel, freier Autor und Kommunikationsberater



AZ 2011, Nr. 14, S. 6

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