Lichttherapie

Herbst-Winter-Depression

Stimmungstief oder saisonabhängige Depression?

Von Detlef Nachtigall

Ein zeitweiliges Stimmungstief bei regnerischem Herbstwetter – das ist nichts Ungewöhnliches. Es hängt mit den kürzer werdenden Tagen zusammen, denn Tageslicht und Sonnenscheindauer beeinflussen unsere Stimmungslage. Daher sind jahreszeitliche Schwankungen der Befindlichkeit (Saisonalität) eher die Regel als die Ausnahme. Tritt jedoch im Herbst eine anhaltend depressive Stimmungslage mit weiteren Beschwerden wie Antriebslosigkeit und Tagesmüdigkeit auf, die im Verlaufe des Winters noch an Stärke zunehmen, und stellen sich diese Beschwerden über mehrere Jahre nur in den Herbst- und Wintermonaten ein, sprechen die Experten von einer Herbst-Winter-Depression, die therapiebedürftig ist [1].
Die beste Vorbeugung gegen Herbst-Winter-Depression: die wenigen Sonnenstunden nutzen und ins Freie gehen.
Foto: Klosterfrau

Saisonalität

Die saisonalen Veränderungen der Stimmungslage können hinsichtlich ihrer Ausprägung auf einer Skala abgebildet werden, die mit der Saisonalität als mildester Form beginnt und mit der Herbst-Winter-Depression als schwerster Form endet. In der Mitte der Skala ist die Symptomatik auffällig geringer als bei einer Herbst-Winter-Depression, aber dennoch fühlen sich die betroffenen Personen aufgrund der Beschwerden wesentlich beeinträchtigt.

Die Saisonalität zeigt in ihrer Häufigkeit eine deutliche Abhängigkeit von der geografischen Breite. Je weiter nördlich die Menschen (auf der Nordhalbkugel) leben, desto häufiger sagen sie "im Winter fühle ich mich schlechter". Beispielsweise beschreiben knapp 47 Prozent der Einwohner von New York eine Saisonalität ihrer Stimmung, während die Saisonalität in Florida keine Rolle zu spielen scheint [16].

SAD und S-SAD

Die Herbst-Winter-Depression (auch: saisonale Gemütsstörung oder saisonbedingte Depression, engl.: seasonal affective disorder, SAD) hat in unseren Breitengraden eine Prävalenz von etwa drei Prozent (s. u.).

Von dem Vollbild der SAD kann eine subsyndromale SAD (S-SAD) abgegrenzt werden, die die Symptome der SAD in abgeschwächter Form zeigt [4]. Für die Betroffenen bedeuten auch diese vergleichsweise mäßig ausgeprägten Beschwerden eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität. Die S-SAD ist deutlich häufiger als die SAD; in unseren Breitengraden sind bis zu zehn Prozent der Bevölkerung davon betroffen (s. u.) [1].

Risikofaktoren

Der bevorzugte Aufenthalt in Innenräumen und die fehlende Sonnenlichtexposition in den Herbst-Winter-Monaten scheinen neben den kürzer werdenden Tagen bedeutsame Risikofaktoren für die Entwicklung der Herbst-Winter-Depression zu sein.

Frauen reagieren wesentlich anfälliger auf saisonale Veränderungen als Männer; das Geschlechterverhältnis liegt bei etwa 3 zu 1. Außerdem scheint die Anfälligkeit mit dem Alter zu sinken. Das Durchschnittsalter bei Erkrankungsbeginn liegt zwischen 25 und 40 Jahren. Die Symptome beginnen meist im Oktober, erreichen ihr Maximum im Januar und Februar und bilden sich im März wieder zurück. Anderen europäischen Studien zufolge fühlen sich die betroffenen Patienten in den Monaten November und Dezember am schlechtesten. Zwischen dem ersten Auftreten der Symptome bis zur Diagnosestellung vergehen im Mittel etwa zehn Jahre.

Symptome

Die am häufigsten von Patienten mit einer Herbst-Winter-Depression genannten Symptome sind eine subjektiv erlebte Energielosigkeit (98% aller Patienten) und eine depressive Stimmungslage (93%), die sich im Verlauf der Herbst-Winter-Monate steigert und ab März wieder von selbst verflüchtigt. Auch Angstzustände und Tagesmüdigkeit werden häufig genannt. Zwei Drittel der Patienten (65%) beschreiben eine Appetitzunahme und Heißhunger auf kohlenhydratreiche Nahrungsmittel, vor allem Süßigkeiten. Rund drei Viertel gaben eine erhöhte Irritabilität sowie eine Libidoabnahme (74%) an. Auch eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit bei der Arbeit wird häufig berichtet.

Geografische Breite und Erkrankungshäufigkeit

Aus Untersuchungen in den USA ist bekannt, dass die Häufigkeit der saisonalen depressiven Störungen mit höheren Breitengraden und damit größeren Schwankungen der Tageslänge zunimmt. Bei der milderen Form der Herbst-Winter-Depression (S-SAD) lag die Prävalenz in New York (40° nördl. Breite) bei 12,4%, während sie in Fairbanks in Alaska (64° n. Br.) mit 24% angegeben wurde. Auch in Europa tritt dieser Effekt der geografischen Breite auf, wie der Vergleich der mittel- und westeuropäischen Staaten Schweiz, Niederlande und Großbritannien mit Finnland zeigt, das etwa so weit nördlich wie Alaska liegt (Tab. 1).

Tab. 1: Herbst-Winter-Depression in Europa: Häufigkeit der ausgeprägten Form (SAD) und der milderen Form (S-SAD) in vier Staaten
Staat nördl. BreiteSADS-SAD
Schweiz ~47°2,2%8,9%
Niederlande ~53°3,1%8,5%
Großbritannien 50– 58°2,9%9,5%
Finnland 60– 70°9,5%18,4%

Lichttherapie

Zahlreiche Untersuchungen belegen den deutlichen Einfluss von Licht und Helligkeit auf die Ausprägung der Beschwerden. In einer Reihe von Studien konnte der Nachweis erbracht werden, dass eine Lichttherapie die Symptomatik einer Herbst-Winter-Depression deutlich bessert.

Zur Lichttherapie hat sich helles, weißes Licht (10.000 Lux) mit einer Anwendungsdauer von 20 bis 40 Minuten täglich bewährt [2]. Die Therapie erstreckt sich über mehrere Wochen. Eine neuere Untersuchung dokumentiert auch einen Soforteffekt: Bereits nach der ersten Anwendung der Lichttherapie mit 10.000 Lux über 20 bis 40 Minuten besserte sich die Stimmungslage von Patienten mit einer saisonabhängigen Depression [15].

Die Ansprechrate auf die Lichttherapie wird in der Literatur mit bis zu 70 Prozent angegeben, wobei es keinen Unterschied zu machen scheint, ob die Lichttherapie am Morgen oder am Abend durchgeführt wird. Allerdings hat sich die zweimal tägliche Anwendung morgens und abends als wirksamer erwiesen als die einmal tägliche Anwendung [9].

Bei der Lichttherapie treten so gut wie keine Nebenwirkungen auf. Die Therapietreue der Patienten erreicht ähnlich hohe Werte wie bei der medikamentösen Standardtherapie mit Antidepressiva (ca. 83%) [12].

Eine präventive Lichttherapie kann die Manifestation der Herbst-Winter-Depression häufig verhindern [11].

Tipp

Als beste Vorbeugung gegen eine Herbst-WinterDepression gilt, sich bei Sonnenschein im Freien aufzuhalten.

Tryptophan und Antidepressiva

Studien deuten darauf hin, dass bei der Herbst-Winter-Depression ebenso wie bei anderen Depressionen eine Störung des Serotoninsystems vorliegt [3]. So erklärt es sich, dass die tägliche Supplementierung der Aminosäure Tryptophan, einer Vorläufersubstanz des Serotonins (5-Hydroxy-tryptamin), therapeutisch wirksam ist [6, 14] und bei der milden Form der Herbst-Winter-Depression sogar ähnlich gute Ergebnisse erzielt wie die Lichttherapie [1, 7]. Es liegen zudem erste Hinweise vor, dass die Wirkung von Tryptophan länger anhält als die Wirkung der Lichttherapie: Während sich bei Patienten mit Herbst-Winter-Depression die Beschwerden nach Beendigung der Lichttherapie kurzfristig wieder einstellten, blieben die Patienten, die Tryptophan erhalten hatten, länger beschwerdefrei [8].

Auch die Wirksamkeit von Johanniskraut (Hypericum perforatum) in der Behandlung der Herbst-Winter-Depression wurde in mehreren klinischen Studien überprüft [1]. Dabei zeigte das Johanniskraut eine vergleichbar gute Wirkung wie die Lichttherapie, allerdings ergab die Kombinationstherapie aus Johanniskraut und Lichttherapie keinen additiven Effekt [5].

Es liegen weiterhin zahlreiche Untersuchungen vor, die synthetischen Antidepressiva eine gute Wirksamkeit bei Patienten mit einer Herbst-Winter-Depression bescheinigen [10, 11]. Beispielsweise wirkte der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Fluoxetin in einer Studie etwa so gut wie die Lichttherapie [13]. Bemerkenswert ist allerdings, dass die Wirkung der Lichttherapie schneller einsetzte und weniger Nebenwirkungen verursachte als Fluoxetin.

Fazit

Die ein- bis zweimal tägliche, 20 bis 40 Minuten dauernde Lichttherapie hat sich zur Behandlung von Patienten mit saisonabhängiger Depression bewährt.

Für Personen, die sich nicht regelmäßig einer Lichttherapie unterziehen können, bestehen als Alternativen

– die medikamentöse Therapie mit Johanniskraut oder SSRI oder

– die diätetische Supplementierung der Aminosäure Tryptophan.

Literatur [1] Miller AL. Epidemiology, etiology, and natural treatment of seasonal affective disorder. Altern Med Rev 2005;10:5 – 13. [2] Terman M. Review: light therapy is an effective treatment for seasonal affective disorder. Evid Based Ment Health 2006;9:21. [3] Neumeister A, et al. Effects of tryptophan depletion on drug-free patients with seasonal affective disorder during a stable response to bright light therapy. Arch Gen Psychiatry 1997;54:133 – 138. [4] Kasper S, et al. Phototherapy in subsyndromal seasonal affective disorder (S-SAD) and "diagnosed" controls. Pharmacopsychiatry 1988;21:428 – 429. [5] Kasper S. Treatment of seasonal affective disorder (SAD) with hypericum extract. Pharmacopsychiatry 1997;30 (Suppl 2):89 – 93. [6] Lam RW, et al. L-Tryptophan Augmentation of Light Therapy in Patients with Seasonal Affective Disorder. Can J Psychiatry 1997;42:303 – 306. [7] McGrath RE, et al. The effect of L‑tryptophan on seasonal affective disorder. J Clin Psychiatry 1990;51(4):162 – 163. [8] Ghadirian AM, et al. Efficacy of light versus tryptophan therapy in seasonal affective disorder. J Affect Disord 1998;50:23 – 27. [9] Lee TM, et al. Pathophysiological mechanism of seasonal affective disorder. J Affect Disord 1997; 46:25 – 38. [10] Westrin A, Lam RW. Seasonal affective disorder: a clinical update. Ann Clin Psychiatry 2007;19:239 – 246. [11] Westrin A, Lam RW. Long-term and preventative treatment for seasonal affective disorder. CNS Drugs 2007;21:901 – 909. [12] Michalak EE, et al. A pilot study of adherence with light treatment for seasonal affective disorder. Psychiatry Res 2007;149:315 – 320. [13] Lam RW, et al. The Can-SAD study: a randomized controlled trial of the effectiveness of light therapy and fluoxetine in patients with winter seasonal affective disorder. Am J Psychiatry 2006;163:805 – 812. [14] Sohn CH, Lam RW. Update on the biology of seasonal affective disorder. CNS Spectr 2005;10:635 – 646. [15] Virk G, et al. Short exposure to light treatment improves depression scores in patients with seasonal affective disorder: A brief report. Int J Disabil Hum Dev 2009;8:283 – 286. [16] Rosen LN. Prevalence of seasonal affective disorder at four latitudes. Psychiatry Res 1990;31:131 – 144

 


 

Autor

 

Dr. med. Detlef Nachtigall, Ernst-Mittelbach-Ring 2r, 22455 Hamburg, nachtigall.detlef@googlemail.com

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