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Blutdruck routinemäßig bei Kindern ab drei Jahren messen

Bluthochdruck ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen. Zwischen hohen Blutdruckwerten im Kindesalter und späteren kardiovaskulären Erkrankungen konnte bisher kein direkter Zusammenhang durch Langzeitstudien belegt werden. Doch es gibt Hinweise, dass die essenzielle Hypertonie der Erwachsenen ihre Wurzeln schon im Kindesalter hat, wie Prof. Dr. Stephanie Läer, Düsseldorf, darstellte.
Stephanie Läer
Foto: DAZ/ck

Bei Kindern sollte deshalb rechtzeitig mit der Therapie begonnen werden, wenn eine Hypertonie festgestellt wurde, forderte Prof. Dr. Stephanie Läer vom Institut für klinische Pharmazie und Pharmakotherapie der Universität Düsseldorf, obwohl viele der zur Verfügung stehenden Arzneistoffe für die Behandlung von Kindern nicht zugelassen sind.

Die Blutdruckwerte bei der Geburt sind deutlich niedriger als im Erwachsenenalter, sie steigen aber in der Kindheit stetig an. Hypertonie zählt zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter. Aktuelle Erhebungen zum Gesundheitsstatus deutscher Kinder weisen auf die zunehmende Bedrohung hin. Vermutlich leiden über 6% der Jugendlichen an einer Hypertonie, 15% der Kinder und Jugendlichen leiden an Übergewicht, 6% an Adipositas. Folgeerkrankungen der Hypertonie im Kindesalter sind hypertensive Enzephalopathien, Gefäßerkrankungen, Herzinsuffizienz und Nephropathie.

Repräsentative Daten zur Verteilung des Blutdrucks bei drei- bis 17-jährigen Kindern und Jugendlichen zu erfassen, die Blutdruckverteilung zu analysieren und die Entwicklung von Referenzwerten zu ermöglichen, war das Ziel des Kinder- und Jugendsurveys (KIGGS), der vom Robert Koch-Institut 2003 bis 2006 durchgeführt wurde. Dazu wurden bei 14.730 Kindern und Jugendlichen aus 167 repräsentativen Städten und Gemeinden Daten wie Blutdruck und Puls erhoben. Die Ergebnisse zur Verteilung des systolischen und diastolischen Blutdrucks bestätigen die Zunahme des Blutdrucks mit dem Alter und der Körpergröße.

Für den Blutdruck bei Kindern gelten verteilungsbasierte Grenzwerte, wobei bezogen auf Geschlecht und Wachstumsparameter wie Größe und Alter eine Hypertonie als mittlere systolische und/oder diastolische Blutdruckwerte größer oder gleich der 95. Perzentile definiert wird, wie Läer erklärte. Ein Blutdruck auf der 95. Perzentile bedeutet, dass 95% der Kinder gleichen Alters und gleicher Größe einen geringeren Blutdruck haben. Wenn im Mittel der systolische oder diastolische Blutdruck größer oder gleich der 90. Perzentile, aber weniger als die 95. Perzentile ist, so spricht man von hoch-normalen Werten. Jugendliche mit Blutdrücken größer oder gleich 120/80 mmHg sollten als hoch-normal angesehen werden.

Bei Erwachsenen ist die Ursache eines erhöhten Blutdrucks oft unklar, bei 90% liegt eine essenzielle Hypertonie vor. Anders bei den Kindern, hier sind es zu 90% sekundäre Hypertonien, das heißt, es gibt eine renale, kardiovaskuläre oder endokrine Ursache.

Schon bei hoch-normalen Werten sollte bei Kindern mit einer medikamentösen Therapie begonnen werden. Die fünf Säulen der Hypertonietherapie (Diuretika, Beta-Blocker, Calciumantagonisten, ACE-Inhibitoren, AT1-Antagonisten) können prinzipiell auch bei Kindern eingesetzt werden. Arzneimittel haben bei Kindern altersabhängig spezifische Muster hinsichtlich Pharmakokinetik und -dynamik, Wirksamkeit und Nebenwirkungen. Bei der Dosierung spielen entwicklungspharmakologische Aspekte eine große Rolle, denn zum Beispiel ist die Enzymausstattung oft noch nicht ausgereift. Je nach Begleiterkrankungen und unerwünschten Wirkungen sollte hier die Auswahl getroffen und aus Gründen der Compliance möglichst einfache Therapieschemata eingesetzt werden. Da viele Arzneistoffe hinsichtlich Sicherheit und Effektivität nicht überprüft sind und die meisten kardiovaskulären Arzneistoffe Off label eingesetzt werden, sollte man Wirkstoffe bevorzugen, zu denen die meisten Erfahrungen vorliegen. Bei den Betablockern kommen vor allem Metoprolol und Atenolol, bei den Diuretika Furosemid und Hydrochlorothiazid und bei den ACE-Hemmern Captopril, Enalapril und Ramipril zum Einsatz.

Läer bedauerte, dass die Blutdruckmessung bei Kindern in der ärztlichen Praxis noch keine Routine ist. Ihre Forderung: ab einem Alter von drei Jahren sollte bei allen Vorsorgeuntersuchungen regelmäßig der Blutdruck gemessen werden! Läer plädierte dafür, in der Apotheke auch bei Kindern öfter Körpergröße, Gewicht und den Blutdruck zu bestimmen und zu notieren. Denn eine Hypertonie ist nicht an klinischen Symptomen erkennbar, sondern nur durch gezielte Messungen. Nur so können Kinder mit erhöhten Blutdruckwerten identifiziert und das Gesundheitsverhalten möglichst früh beeinflusst werden. ck

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