Fortbildung

Die stille Sucht

Menschen mit Arzneimittelabhängigkeit werden weit weniger erkannt als Drogen- und Alkoholabhängige, sie sind eher unauffällig und sozial integriert. Daher spricht man von der stillen oder diskreten Sucht. Valide epidemiologische Daten fehlen. Abhängigkeit besteht in erster Linie von Benzodiazepinderivaten, psychoaktiven Arzneimitteln und Analgetika. Am meisten sind Frauen und ältere Menschen betroffen. Die Ursachen sind vielfältig, meist sind es biologische, psychische und soziale Faktoren. Nur relativ wenige Arzneimittelabhängige finden den Weg in eine Therapie. Die Erfolgsquote einer Therapie ist gut, sie liegt nahezu bei 50 Prozent, wie PD Dr. Dr. Niels Bergemann, AHG Kliniken Daun, berichtete.

Inhaltsverzeichnis: "48. Internationale Fortbildungswoche der Bundesapothekerkammer in Meran"


Niels Bergemann

Foto: DAZ/diz

Nach neueren Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) leben in Deutschland 1,4 bis 1,9 Mio. arzneimittelabhängige Personen (Alkoholabhängige 1,5 Mio.), die meisten von ihnen sind abhängig von Benzodiazepinen. Bis zu 2,8 Mio. Menschen, insbesondere über 60-jährige, weisen einen problematischen Gebrauch von psychoaktiven Medikamenten auf. Der Übergang hin zur missbräuchlichen Einnahme ist oft fließend.

Risikogruppen sind in erster Linie Frauen und ältere Menschen. Frauen, vor allem im mittleren und höheren Alter, nehmen bis zu zweimal häufiger als Männer ärztlich verschriebene oder selbst erworbene Beruhigungs- und Schlafmittel, Schmerzmittel oder Arzneimittel zur Gewichtsreduktion. Frauen leiden zudem häufiger an Depressionen, Schlaf- und Angststörungen sowie an chronischen Schmerzen. Die Chance, Arzneimittel gegen diese Erkrankungen verordnet zu bekommen, ist somit größer. Etwa 8% aller über 70-jährigen Frauen erhalten regelmäßig Benzodiazepine verordnet, 25% von ihnen meist länger als ein halbes Jahr.

Arzneimittel mit Suchtpotenzial

Zu den Arzneimitteln mit Abhängigkeitspotenzial gehören in erster Linie Sedativa und Tranquilizer wie Benzodiazepine und Benzodiazepinanaloga wie die "Z-Substanzen" (Zolpidem, Zopiklon, Zaleplon), außerdem Clomethiazol und Gamma-Hydroxybutyrat (GHB). Sie verstärken die GABAerge Neurotransmission im ZNS. Abhängigkeitspotenzial besitzen außerdem Opiate und morphinartig wirkende Analgetika, peripher wirkende Analgetika, codeinhaltige Hustenmittel und Substitutionspräparate wie Levomethadon. Daneben sind hier auch Appetitzügler, Laxanzien und Psychostimulanzien (z. B. Methylphenidat) zu nennen.

Eine interessante Feststellung: In den letzten Jahren ist die Verordnung von Benzodiazepinen zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung um etwa 70% zurückgegangen, angestiegen ist dagegen die Verordnung dieser Präparate auf Privatrezept und die Verordnung der Z-Substanzen.

Wann Abhängigkeit besteht

Nach der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation besteht ein Abhängigkeitssyndrom von Benzodiazepinen, benzodiazepinähnlichen Substanzen und Clomethiazol, wenn drei oder mehr der folgenden Kriterien innerhalb von zwölf Monaten vorhanden waren:

  • Starker Wunsch oder eine Art Zwang, Sedativa und Hypnotika zu konsumieren;
  • verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums von Sedativa oder Hypnotika;
  • körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums, nachgewiesen durch die substanzspezifischen Entzugssymptome oder durch die Aufnahme der gleichen oder einer nahe verwandten Substanz, um Entzugssymptome zu mildern oder zu vermeiden;
  • Nachweis einer Toleranz. Um die ursprünglich durch niedrige Dosen erreichten Wirkungen der Substanz hervorzurufen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich;
  • fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten des Konsums von Sedativa oder Hypnotika; erhöhter Zeitaufwand, um sich die Substanz zu beschaffen (z. B. mehrfache Arztbesuche zur Einholung von Rezepten), zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen;
  • anhaltender Substanzkonsum trotz des Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen.

Solche Folgen können beispielsweise körperlicher (Krampfanfallfolgen nach Entzugskrampfanfällen) oder sozialer Art (Arbeitsplatzverlust durch substanzbedingte Leistungseinbußen) oder psychischer Natur (depressive Zustände nach massivem Substanzkonsum) sein. Zu den negativen Folgen gehören auch Gedächtnisstörungen oder Stürze und Frakturen unter Sedativa- und Hypnotikaeinnahme. Die typische Trias bei Benzodiazepinabhängigkeit (affektive Indifferenz, kognitiv-mnestische Defizite, körperliche Schwäche) tritt auch bei einem Konsum im Niedrigdosisbereich auf.


Anzeichen für abhängigen Analgetikagebrauch


  • Injektion oraler/transdermaler Verabreichungsformen
  • Rezeptfälschungen
  • kriminelle Beschaffung von Opioiden
  • verschwiegener Bezug durch andere Ärzte
  • verschwiegener Beigebrauch von psychotropen Substanzen einschließlich eines Opioids trotz ärztlicher Anamnese
  • häufiger Verlust von Opioidrezepten
  • Fordern eines parenteralen Verabreichungsweges
  • häufig wiederholte Episoden von Dosiserhöhungen trotz ärztlicher Vorbehalten und Warnungen
  • anhaltender Widerstand gegen Änderungen der Opioidtherapie trotz eindeutiger Wirkungslosigkeit
  • Patient kommt schlecht in Beruf, Familie und sozialem Umfeld zurecht

Warum Menschen arzneimittelabhängig werden

Die Ursachen für eine Arzneimittelabhängigkeit sind vielfältig: biologische, psychische und soziale Faktoren wirken zusammen. Aber auch die Verordnungsgewohnheiten vieler Ärzte spielen eine Rolle. Die Entwicklung der Abhängigkeit von Sedativa und Tranquilizer ist multifaktoriell. Pharmakologische Eigenschaften der Substanzen interagieren mit bestimmten Strukturen im ZNS, es kommt zu neuroadaptiven Veränderungen im Gehirn (Desensitisierungen der GABAergen Rezeptoren, Sensitisierung glutamaterger Rezeptoren).

Das Missbrauchspotenzial von Psychostimulanzien ist mit dem von Kokain und Amphetaminen vergleichbar. Diese Substanzen beeinflussen das cerebrale Dopaminsystem.

Für die Ausbildung einer Analgetikaabhängigkeit gelten als Risikofaktoren oft schwerwiegende negative Lebensereignisse (Traumatisierungen, körperliche Gewalterfahrungen, schwere Erkrankungen, Unfälle oder auch gravierend psychosoziale Probleme). Ein Hauptrisiko für eine Arzneimittelabhängigkeit vom Opiattyp stellt eine frühere Suchterkrankung dar (z. B. Alkoholismus oder Abhängigkeit von illegalen Drogen).

Wie Abhängigen geholfen werden kann

Nur wenige arzneimittelabhängige Personen finden den Weg in eine Therapie, obwohl hier die Erfolgsaussichten auf Entzug und Abstinenz groß sind (etwa 47%). Einer Entzugsbehandlung, mitunter mit medikamentöser Unterstützung und Mitbehandlung komorbider Erkrankungen, schließt sich in der Regel eine psychotherapeutisch orientierte Entwöhnungsbehandlung (Rehabilitationsbehandlung) an. Der Patient muss seine Krankheit erkennen und akzeptieren, er muss Techniken erlernen, um mit Angst und Stress umgehen zu können. Die Eigenverantwortlichkeit muss gefördert werden. Zur Behandlung gehören Einzelgespräche, Sport und körpertherapeutische Maßnahmen, der Partner oder die Familie ist mit einzubeziehen.

Eine Behandlung lohnt sich, so Bergemann. Zwei Drittel sind nach der Behandlung wieder leistungsfähig, die Rückfallquote liegt nur bei etwa 13,5%.

diz

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