Fortbildung

Cannabis – alles andere als harmlos

Fünf Millionen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind in Deutschland suchtgefährdet, 2,7 Millionen sind tatsächlich betroffen. Einstiegsdroge ist Cannabis, das Einstiegsalter liegt bei etwa 15 Jahren. Der Alkoholmissbrauch ("Komasaufen") nimmt allerdings deutlich zu. Neue Erkenntnisse zeigen, dass früher Cannabiskonsum zu schweren Neurodegenerationen bis hin zu Psychosen und zur Schizophrenie führen kann. Nach Auffassung von Prof. Dr. Rainer Thomasius, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters, ist Prävention wirksam, muss aber noch verstärkt werden.

Inhaltsverzeichnis: "48. Internationale Fortbildungswoche der Bundesapothekerkammer in Meran"


Rainer Thomasius

Foto: DAZ/diz

25 bis 30 Prozent der jungen Menschen unter 25 Jahren gelten als suchtgefährdet, weil sie als Ungeborene durch Alkohol, Nicotin oder andere Drogen beeinträchtigt wurden, in suchtbelasteten Familien aufwachsen oder selbst zu früh und zu viel konsumieren. Besonders gefährdet sind dabei Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien (nach Schätzungen knapp 2,7 Mio. Betroffene unter 18 Jahren). Besorgniserregend: Etwa ein Viertel der Kinder und Jugendlichen mit einem problematischen Suchtmittelkonsum beginnt bereits vor dem 14. Lebensjahr mit dem Missbrauch psychotroper Substanzen. Und: Jeder sechste bis siebte Jugendliche konsumiert aktuell Alkohol oder Drogen. Angestiegen ist die Zahl der Alkoholkonsumenten unter Jugendlichen: etwa 8% der 12- bis 17-Jährigen haben einen gefährlichen Hochkonsum von Alkohol.

Einstiegsdroge Cannabis

Deutlich zeigt sich: Einstiegsdroge bei den 14-Jährigen ist Cannabis, 20% der Cannabis-User wechseln auf Amphetamine, Kokain und Opiate. Ausgangspunkt für den Konsum von Alkohol und Cannabis sind Verhaltensstörungen, ineffektive Erziehung, Schulversagen, Gruppendruck. Konsummotive sind die Suche nach guter Stimmung, Genuss, Entspannung, für eine gesteigerte sexuelle Aktivität, zum Abbau sozialer Hemmungen und als Mittel gegen Langeweile.

Alkohol verursacht bei Kindern und Jugendlichen neurotoxische und neurodegenerative Effekte im Gehirn. Da sich bis zum 19. Lebensjahr die Nervenzellen im Gehirn noch entwickeln, schädigen saufende Jugendliche ihre Gehirnreifung, die Menge der Gehirnsubstanz ist erniedrigt.

Auch der Cannabiskonsum führt zur Neurodegeneration und erhöht das Risiko für schizophrene Erkrankungen und depressive Störungen. Wie Langzeituntersuchungen (1967 bis 1997) zeigten, hat sich die Inzidenz der Schizophrenie (früher 1% der Bevölkerung) aufgrund des Cannabismissbrauchs verdoppelt. Zugenommen haben auch cannabisinduzierte Psychosen (Depersonalisation, Wahnvorstellungen, gestörtes Kontaktverhalten).

Defizite im Bereich des Lernens und der Gedächtnisfunktionen bis hin zum vorzeitigen Schulabbruch sind die Folgen. Cannabis stört Reifungsprozesse bei der Hirnentwicklung, es blockiert die Bildung von Nervenzellverbänden. Störungen von Emotionen, Aggressivität und destruktives Verhalten deuten auf Cannabismissbrauch hin. Etappen der Persönlichkeitsreifung werden nicht mehr durchlaufen, wenn in jungen Jahren gekifft wird. Je früher der Einstieg in den Drogengebrauch erfolgt, um so höher ist das Risiko für eine Abhängigkeit. Wie Untersuchungen zeigen, ist das Einkommen und der Bildungsstand um so geringer, je mehr Cannabis konsumiert wurde.

Die Einnahme von Substanzen aus der Ecstasy-Gruppe bewirkt serotonerge Neurodegenerationen und Substanzdefekte im Gehirn. Beeinträchtigt werden Schlaf und Schmerzempfinden, neuroendokrine Prozesse und kognitive Prozesse im Lerngedächtnis. Rasch entwickelt sich eine Abhängigkeit.

Immer wieder tauchen in der Szene neu synthetisierte Abkömmlinge von Ecstasy auf, beispielsweise das Mephedron (4-Methylmethcathinon, 4-MMC). Die Substanz wirkt stimulierend, euphorisierend, halluzinogen. Sie wurde dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt.

Substanzbezogene Todesfälle machen in den Industrieländern etwa 30 Prozent aller Todesfälle in der Gruppe der 15- bis 29-Jährigen aus.

Mehr Prävention

Prävention wirkt. Gute Auswirkungen zeigt die strikte Einhaltung eines Mindestalters für die Abgabe von Alkohol an Jugendliche. Auch Einschränkungen für Alkoholwerbung wirken sich positiv aus. Je früher Jugendliche Alkoholwerbung sehen und damit konfrontiert werden, um so größer ist die Gefahr, alkoholabhängig zu werden, wie Untersuchungen zeigten.

Dennoch, so Professor Thomasius, sind Prävention und ein Beratungsangebot, aber auch das Behandlungsangebot für Jugendliche weiter zu erhöhen.

diz

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