Apothekenpraxis

Äußere Voraussetzungen

Typische altersbedingte Veränderungen, die in der Apotheke auffallen, sind motorische Beschwerden sowie Beeinträchtigungen der Sinnesfunktionen. Je weiter das Alter und die Morbidität voranschreiten, desto häufiger treten auch kognitive Defizite auf, die mit zusätzlichen psychischen Problemen und Erkrankungen einhergehen können. Nahezu alle physiologischen Funktionen lassen mit fortschreitendem Alterungsprozess nach und können, wenn sie nicht dauerhaft unterstützt werden, schließlich ganz ausfallen. Ein bekanntes Beispiel ist die Blasenfunktion, wie in unserem Eingangsbeispiel beschrieben. Ältere Patienten nehmen diese Veränderungen auch an sich selbst wahr und sind somit oft eine besonders sensible Kundengruppe.


Inhaltsverzeichnis: "Schritt für Schritt zur seniorengerechten Apotheke"


Barrierefreier Zugang Senioren sind dankbar, wenn der Eingang zur Apotheke keine Treppenstufen hat.
Foto: ABDA

Die Beratung in der Apotheke sollte auch den Wunsch nach Jugendlichkeit aufgreifen und entsprechende Angebote machen, die nicht das Alter betonen, wohl aber die Aufgabe erfüllen, die nachlassenden Funktionen so unauffällig wie möglich zu unterstützen. Die seniorengerechte Apotheke nimmt die besonderen Bedürfnisse dieser Patienten wahr und bezieht sie in die Gestaltung ihrer täglichen Arbeit mit ein.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) vergibt das Qualitätssiegel "Seniorengerechte Apotheke" für Betriebsstätten, die sich im besonderen Maße auf die Bedürfnisse älterer Menschen spezialisiert haben (www.bagso.de/gesundheit_apotheken.html). Hilfreich kann auch eine Selbsteinschätzung sein, inwiefern die eigene Apotheke auf die Bedürfnisse dieser sensiblen Kunden ausgerichtet ist. Eine apothekenspezifische Checkliste dazu finden Sie im folgenden Kasten.

Checkliste für die seniorenfreundliche Apotheke


  • Wie leicht ist der Zutritt für Seniorinnen und Senioren in Ihre Apotheke?
  • Wie schaffen Sie Diskretion in Beratungssituationen?
  • Wie stellt sich das Apothekenpersonal auf die besonderen Anforderungen in der Beratung ein?
  • Welche Unterstützung bekommen Senioren für den Aufenthalt in Ihrer Apotheke (Sitzgelegenheiten usw.)?
  • Was ist notwendig, damit Ihre Apotheke auch für Menschen mit nachlassenden Sinnesfunktionen attraktiv ist?
  • Ist das Sortiment auf die Bedürfnisse von älteren Menschen abgestimmt?
  • Welches Dienstleistungsangebot ist insbesondere für Seniorinnen und Senioren attraktiv?
  • Für welche funktionellen Einschränkungen bietet Ihre Apotheke alltagstaugliche Hilfestellungen an?

Räumliche Anforderungen

Für ältere Kunden mit eingeschränkter Mobilität ist ein barrierefreier Zugang unverzichtbar. Weder schwer zu überwindende Schwellen noch Stufen dürfen den Zutritt zur Apotheke behindern. Besonders Kunden mit Rollstuhl oder Rollatoren wissen automatisch öffnende Türen zu schätzen. Wenn bauliche Veränderungen zur Verbesserung des niederschwelligen Zugangs nicht möglich sind, kann eine Klingel an der Tür helfen – aber dann sollte sich das Apothekenpersonal auch vorrangig um die Patienten bemühen, die die Apothekenräume nur mit fremder Hilfe betreten können.

Dass der Fußboden in der Offizin auch bei Nässe für Menschen mit Gehbehinderungen rutschfest sein sollte, versteht sich von selbst, damit insbesondere ältere Kunden mit eingeschränkter Beweglichkeit nicht ausrutschen und stürzen. Auch Aufsteller, Regale und Schütten können in der Offizin zur Stolperfalle werden. Wer diesen Bereich testen will, kann versuchen, mit einem Kinderwagen im Freiwahlbereich zu navigieren – wenn das Probleme macht, besteht auch für eine seniorenfreundliche Apotheke Handlungsbedarf.

Eine gute Ausleuchtung trägt zum einen zur Sicherheit bei und erleichtert außerdem älteren Menschen mit Sehbehinderungen den Aufenthalt in der Offizin. Spiegel in der Freiwahl ermöglichen interessante Werbeeffekte, erschweren aber auch die Orientierung, insbesondere für Menschen mit kognitiven Defiziten.

Gerade in hochfrequentierten Apotheken oder während der Stoßzeiten kommt es manchmal zu Wartezeiten. Wer seine älteren Kunden im Blick hat, bietet Stühle an und einen Beratungsbereich, in dem ein Platz für eine Beratung im Sitzen vorgesehen ist. Eine Trennlinie vor dem HV-Tisch markiert die diskrete Beratungszone, sodass vertrauliche Gespräche auch im normalen Alltagsgeschäft ermöglicht werden.

Für ältere Kunden mit Störungen der Blasenfunktion ist es gut zu wissen, dass sie bei Bedarf in ihrer Stammapotheke eine Kunden-Toilette benutzen können.

Rücksicht auf sensorische Einschränkungen

Für die meisten Senioren stellt kleine Schrift – sei es auf Preisschildern oder Beipackzetteln – ein deutliches Hindernis dar. Eine entsprechende Gestaltung der Etiketten trägt dazu bei, dass ältere Menschen sich im Freiwahlbereich gut orientieren können. Als zusätzlicher Service können wichtige Informationen im Beipackzettel – etwa zur Dosierung oder zum Einnahmezeitpunkt – während des Beratungsgespräches farbig markiert werden. Kurze Infos können auch direkt auf der Packung vermerkt oder besser noch als "Fahne" angeheftet werden; unsere niederländischen Nachbarn benutzen dazu regelmäßig vorgedruckte Etiketten. Demselben Zweck dienen "Arzneimittel-Memos" (siehe Kasten).

Arzneimittel-Memos


Apotheker Dr. J. Framm, Wismar, hat Arzneimittel-Memos zur Information der Patienten bei Erstverordnungen entwickelt. Dies sind vorgefertigte wirkstoffbezogene Handzettel, die handschriftlich oder am Computer für den jeweiligen Patienten individualisiert werden. Die schriftliche Zusatz-Info fasst die wichtigsten Punkte zum Arzneimittel zusammen: Wie und wogegen hilft das Medikament? Einnahmeart und -dauer? Wann tritt die Wirkung ein? Mit welchen Nebenwirkungen muss man rechnen? Ein solcher patientenfreundlicher und individueller "Beipackzettel" kann für Senioren eine gute Gedächtnisstütze sein, um sich auch noch zu Hause an die wichtigsten Beratungspunkte zu erinnern (siehe in dieser DAZ unter "Praxis aktuell").


Ein besonderer Service ist es auch, den Beipackzettel vergrößert zu kopieren, damit er besser lesbar ist. Schriftliche Informationen erleichtern die Erinnerung an die Inhalte der Beratung und können auch weitere Tipps zu nicht-medikamentösen Maßnahmen beinhalten.

Wie soll man eine diskrete Beratung mit jemandem durchführen, der schwerhörig ist? Das geht eigentlich nur in einem abgetrennten Bereich, der gegenüber Geräuschen aus der Offizin abgeschirmt ist. Das Verstehen wird erleichtert, wenn man sich explizit dem Kunden zuwendet sowie deutlich und ausreichend langsam spricht. Das ist in vielen Fällen fühlbar hilfreicher, als nur seine Stimme zu erheben. Wer selbst einmal die Kundenperspektive einnehmen will, kann im Team versuchen, ein Beratungsgespräch mit Ohrenstöpseln und laufendem Radio zu führen. So ähnlich fühlen sich auch hörbehinderte Patienten vor der oft lauten Apothekenkulisse.

Aktiv Beratung zum Arzneimittel anzubieten, gehört zum Standard jeder öffentlichen Apotheke. Besonders in der Selbstmedikation sind bei Senioren die veränderten physiologischen Funktionen zu beachten. Gelegentlich kann ein Selbstmedikationswunsch aber auch auf Nebenwirkungen durch verordnete Arzneimittel hindeuten (konkrete Hinweise für die wichtigsten Indikationen im 2. Teil).

Applikationshilfen

Bei Senioren können auch in der Anwendung von Arzneimitteln ganz andere Aspekte eine Rolle spielen als bei jüngeren Menschen. Dazu gehören beispielsweise Hinweise auf den richtigen Umgang mit komplexen Verpackungen, die kindergesichert sind, oder Applikationshilfen, wie sie etwa bei Atemwegserkrankungen eingesetzt werden. Für ältere Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik oder Kraft kann aber auch die Verordnung von zu teilenden Tabletten ein Hindernis darstellen. Seniorengeeignete Tablettenteiler sind ein sinnvoller Service der Apotheke, von dem viele Kunden profitieren.

Eine seniorenfreundliche Apotheke verfügt darüber hinaus über ein breites Sortiment an Hilfsmitteln, mit dem auch funktionell eingeschränkte Senioren ihren Alltag bewältigen können (siehe 3. Teil).