Praxis aktuell

Schriftlich wirkt besser

Erfahrungen aus der Beratung in der Apotheke

Was gehört zu einer guten Beratung in der Apotheke? Die Leitlinien der Bundesapothekerkammer bieten eine Orientierung, aber zur praktischen Umsetzung gibt es viele Auffassungen. Was muss den Patienten zu den einzelnen Wirkstoffen gesagt werden? Wie sollen die Botschaften formuliert werden? Wie viele Informationen sind überhaupt vermittelbar? Ein hilfreiches Werkzeug zur Lösung dieser Probleme bieten schriftliche Patienteninformationen. Darüber sprach DAZ-Mitarbeiter Dr. Thomas Müller-Bohn mit Dr. Joachim Framm, ehemaliger Inhaber der Hirsch-Apotheke im mecklenburgischen Wismar. Framm engagiert sich seit vielen Jahren in einer Arbeitsgruppe für praxisgerechte Hilfsmittel zur Beratung in der Apotheke.

Dr. Joachim Framm (rechts) berichtet über seine Erfahrungen mit schriftlichen Informationshilfen für Patienten bei Erstverordnungen, im Gespräch mit DAZ-Redaktionsmitglied Dr. Thomas Müller-Bohn.

Ein bekanntes Ergebnis dieser Arbeit ist das Kitteltaschenbuch "Arzneimittelprofile", erschienen im Deutschen Apotheker Verlag. Framm hat die Apotheke kürzlich an seinen Sohn weitergegeben und widmet sich nun umso mehr der Gestaltung zeitgemäßer Beratungshilfen für Apotheken. Aus der Arbeit an den Arzneimittelprofilen und in der Rückkopplung mit dem Apothekenalltag hat Framm viele Erfahrungen gewonnen, über die er im nachfolgenden Interview mit der DAZ spricht.

Individualisierte Handzettel


Besonders liegt ihm die schriftliche Zusammenfassung der Beratungsgespräche für die Patienten am Herzen. Denn zu einer leitliniengerechten Beratung gehört oft mehr, als sich die meisten Patienten ohne schriftliche Unterstützung merken können. Dafür hat Framm Arzneimittelmemos zur Information der Patienten bei Erstverordnungen entwickelt. Dies sind vorgefertigte wirkstoffbezogene Handzettel, die handschriftlich oder am Computer für den jeweiligen Patienten individualisiert werden. Damit sind die Memos einerseits standardisiert und andererseits als individuelles Instrument einsetzbar. Die Mitgabe solcher schriftlichen Informationen wird in der Leitlinie der Bundesapothekerkammer zur Beratung bei der Rezeptbelieferung schon seit vielen Jahren als unterstützende Maßnahme empfohlen.

Die Arzneimittelmemos sind Handzettel im DIN-A5-Querformat. Damit wirken sie nicht wie ein amtliches Schreiben, aber ausdrucksstärker als ein kleiner Zettel. Memos liegen für 210 gängige Wirkstoffe vor. Der Aufbau entspricht stets dem auf der folgenden Seite abgebildeten Beispiel. Die Handzettel bieten Raum für die wichtigsten abgabebegleitenden Hinweise und zusätzliche individuelle Eintragungen. Die wirkstoffbezogenen Textbausteine können vor dem individuellen Ausdruck jeweils durch einen Klick entfernt werden, falls sie individuell irrelevant sind, z. B. zur Schwangerschaft.

Hier finden Sie ein Beispiel zur Struktur und Gestaltung von Arzneimittelmemos für individuelle Eintragungen.


Arzneimittelmemos 2009 – Bestellung


Dr. Joachim Framm bietet die "Arzneimittelmemos 2009" interessierten Kollegen zur Nutzung an. Die Druckvorlagen werden als Textdateien per E-Mail verschickt. Die Dateien für 210 Wirkstoffe kosten zusammen 4,00 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer, die Rechnung ist als Datei zum Ausdrucken beigefügt. Voraussetzung für die Nutzung ist ein PC mit Microsoft Word und Drucker. Die Bestellung richten Sie bitte per E-Mail an joachim.framm@t-online.de.



DAZ: Herr Dr. Framm, wie kann eine qualitätsgesicherte Beratung in der Apotheke die sichere Arzneimittelanwendung optimal unterstützen?

Dr. Framm: Wer sich für eine sichere und effektive Arzneimittelanwendung verantwortlich fühlt, sieht sich die Beratungsinhalte für die Wirkstoffe genau an. Die Idee zu wirkstoffbezogenen standardisierten Beratungsempfehlungen geht auf Professor Vladimir Smecka von der Universität Brünn zurück, und seit 1980 hatten wir mit den von Dr. Feldmeier und seinen Mitarbeitern herausgegebenen Rostocker Piktogrammkarten gute Erfahrungen gemacht. Dies haben wir 1996 mit mehreren Kollegen erneut aufgegriffen. Als Ergebnis sind die Arzneimittelprofile entstanden. Sie liegen inzwischen als Kitteltaschenbuch in der vierten Auflage mit über 300 Wirkstoffen vor. Das Informationspotenzial für abgabebegleitende Gespräche ist erstaunlich unterschiedlich. Es gibt Wirkstoffe für komplexe Anwendungen mit eher wenig Informationsbedarf wie Ondansetron und andere Wirkstoffe mit sehr viel Informationsbedarf wie Leflunomid oder Indometacin.

DAZ: Wie sind Sie darauf gekommen, den Patienten schriftliche Zusammenfassungen der Beratung mitzugeben?

Dr. Framm: Leider sagen uns Psychologen immer wieder, dass Patienten nur drei oder maximal vier Informationen aufnehmen können. Rollenspiele, die ich regelmäßig beim begleitenden Unterricht mit Pharmazeuten im Praktikum durchführe, bestätigen das. Darum haben wir auf der Grundlage der Arzneimittelprofile schriftliche Arzneimittelmemos entwickelt, die sich als Handzettel eignen. Angesichts der Sorgfalt, mit der in anderen Bereichen schriftlich informiert wird, sollte dies bei hochwirksamen Arzneimitteln selbstverständlich sein. Denn die Packungsbeilagen sind nicht individuell. Mündliche und individualisierte schriftliche Informationen sind vertrauensbildende Maßnahmen, die die Ergebnisse der Therapie verbessern können. Man sollte eher begründen, wenn man nichts Schriftliches dazu geben wollte.

DAZ: Seit wann setzen Sie diese Arzneimittelmemos ein?

Dr. Framm: Wir verwenden sie seit 1997. Die jüngste Fassung mit 210 Memos haben unsere Mitarbeiterin Frau Ann-Luise Napierski und ich 2009 auf der Grundlage der vierten Auflage der Arzneimittelprofile erstellt. Diese "Arzneimittelmemos 2009" biete ich anderen Kollegen zur Nutzung an.

DAZ: Welche Erfahrungen haben Sie damit in der Apotheke gemacht? Sind die Patienten eher erfreut über den Service oder meinen die Patienten, sie würden ein besonders problematisches Arzneimittel erhalten?

Dr. Framm: Viele Patienten kennen das bei uns. In einer Kundenbefragung haben sie diese Vorgehensweise als sehr gut bewertet. Doch der Handzettel darf keinesfalls ein Ersatz für ein Gespräch sein. Stattdessen unterstützt er das Gespräch. Ich habe stets ein gutes Gefühl dabei.

DAZ: Setzen Sie die Arzneimittelmemos bei allen Patienten ein oder sind sie speziell für bestimmte Patientengruppen gedacht?

Dr. Framm: Ich möchte betonen, dass die Memos nur für Erstverordnungen gedacht sind, dazu gehören auch Einmalverordnungen, beispielsweise für Antibiotika. Wir setzen sie in diesen Fällen immer ein, denn jede Erstverordnung ist eine potenziell problematische Situation. Wenn ein neuer Patient einen solchen Service erlebt, kann das im Wettbewerb nur gut für die Apotheke sein. Ich empfehle die Memos aber auch den Kollegen, die pharmazeutische Betreuung nicht als allgemeine Notwendigkeit sehen oder als Wettbewerbskonzept nutzen, sondern die nur in einzelnen Fällen eine besondere Beratung anbieten möchten, weil sie bei bestimmten Patienten besonderen Bedarf sehen.

DAZ: Wie viel Zeit braucht man nach Ihrer Erfahrung für eine Beratung im Fall einer Erstverordnung?

Dr. Framm: Alles Wichtige zu einem neu verordneten Wirkstoff lässt sich meist in drei Minuten sagen. Länger als vier Minuten dauert es nie, das können wir belegen. Das schaffen sogar ungeübte Praktikanten im Rollenspiel. Ich denke, das ist keine überzogene Zeitvorstellung, denn Erstverordnungen sind im Apothekenalltag eher die Ausnahme.

DAZ: Wie läuft ein Beratungsgespräch mit einem solchen Memo ab?

Dr. Framm: Es gibt zwei Varianten. Für die häufigsten Wirkstoffe drucken wir Handzettel auf Vorrat. Darin tragen wir im Gespräch handschriftlich den Patientennamen, den Arztnamen und die Dosierung ein. Das Memo strukturiert den weiteren Ablauf. Es verkürzt die Beratungszeit, weil man die wesentlichen Informationen vor sich liegen hat und sich ganz auf den Patienten konzentrieren kann. Im Einzelfall irrelevante Passagen können von Hand gestrichen werden. Die Alternative ist das Ausfüllen direkt am Computer mit individuellem Ausdruck. Dann dauert es etwa zwei Minuten länger, weil die Memos bisher nicht in die Apothekensoftware eingebunden sind und nur mit einem gewöhnlichen PC im Beratungsraum bearbeitet und ausgedruckt werden können. Bei beiden Varianten sind Datum und Unterschrift wichtig, um den individuellen Charakter hervorzuheben.

DAZ: Wie reagieren die verordnenden Ärzte auf die Memos?

Dr. Framm: In 13 Jahren habe ich keine negative Reaktion erlebt.

DAZ: In welcher rechtlichen Beziehung stehen die Arzneimittelmemos zu den "offiziellen" Packungsbeilagen?

Dr. Framm: Auf jedem Ausdruck ist ein deutlicher Hinweis auf die Beachtung der Packungsbeilage angebracht. Das Arzneimittelmemo ist keine zweite Packungsbeilage, sondern eine individuelle Ergänzung, die nicht auf andere Patienten übertragen werden kann. Das wird auch durch die Eintragung des Patientennamens deutlich.

DAZ: Was ist nicht in den Memos enthalten? Wo sind die Grenzen?

Dr. Framm: Angaben zu Wechselwirkungen sind nur bei naheliegenden Interaktionen zur möglichen Selbstmedikation erfasst. Wechselwirkungen zu verschreibungspflichtigen Arzneimitteln werden nicht erwähnt, weil diese vor der Abgabe geprüft werden sollten. Außerdem haben wir auf alle motivierenden Hinweise zur Therapie verzichtet. Denn die können mündlich glaubwürdiger vermittelt werden. Das unterstreicht, dass die Memos den persönlichen Kontakt nie ersetzen können.

DAZ: Welche weiteren Verwendungen können Sie sich für die Memos vorstellen?

Dr. Framm: Letztlich stellen die individualisierten Memos eine Dokumentation eines Beratungsgespräches dar. Wenn die Patienten dies mit ihrer Unterschrift bestätigen, könnte es in eine honorierte pharmazeutische Betreuung münden.

DAZ: Wie werden die Informationen der Memos aktualisiert?

Dr. Framm: Die Memos entstehen aus den Arzneimittelprofilen. Bei neuen Auflagen werden auch die Memos aktualisiert. In neuen Auflagen der Profile ändert sich erfahrungsgemäß bei praktisch jedem Wirkstoff irgendetwas. Es gibt immer wieder Neuerungen und Präzisierungen. Ein Wirkstoff ohne Änderung ist eine große Ausnahme.


Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Framm.

Literatur-Tipp


Das Profil: Steckbriefe zu über 300 Arzneistoffen mit den wichtigsten Daten.

Im Blick: Piktogramme für die richtige Arzneimitteleinnahme.

Der Tipp: Patienteninfos sind farblich hervorgehoben.

Die "Arzneimittelprofile" gehören seit mehr als 10 Jahren zum Standard für die Beratung in der Apotheke.

Die 4. Auflage wurde völlig neu bearbeitet und um 29 Wirkstoffprofile erweitert.

Autoren: Framm, Joachim/Anschütz, Martin/Framm, Almut/Heydel, Erika/Mehrwald, Anke/Schomaker, Grit/Stranz, Dörte

Arzneimittelprofile

Arzneimittelprofile für die Kitteltasche – Wirkstoffbezogene Beratungsempfehlungen für die Pharmazeutische Betreuung

4., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage 2009. XIX, 311 S., 18 Euro.

ISBN 978-3-7692-4869-2

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