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Weder Pillendreher noch Schubladenzieher, sondern Arzneimittelmanager

Ärger mit Rabattverträgen, Konkurrenzkampf mit Discount- und Billig-Versandapotheken, Pick-up-Stellen bei Drogeriemärkten, Fremd- und Mehrbesitzverbot vor dem Europäischen Gerichtshof – zweifellos sind das die Probleme, die derzeit unsere berufs- und gesundheitspolitische Szene beherrschen. Wird es gelingen – zusammen mit politischen Kreisen –, den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln wieder zu verbieten? Wird es möglich sein, die unsäglichen Pick-up-Stellen von Drogeriemärkten zu untersagen? Wird der Europäische Gerichtshof die Entscheidung, wie ein EU-Staat sein Apothekenwesen regeln darf, in die Hoheit der Mitgliedstaaten geben oder Fremd- und Mehrbesitzverbot als wettbewerbswidrig erklären? Diese Themen sollten uns allerdings nicht davon abhalten, weiterzudenken in die Richtung, in die sich unser Beruf entwickeln soll.

In der Tat, die aktuellen Fragestellungen erfordern derzeit viel Kraft, aber die Diskussion um die Zukunft unseres Berufsbilds muss dringend weitergeführt werden. Man könnte bei näherer Betrachtung sogar zu dem Schluss kommen, dass sich manche Entwicklung, mit der wir heute zu kämpfen haben, nicht ergeben hätte, wenn unser Berufsbild rascher reformiert worden wäre und schon heute andere Schwerpunkte hätte. Um es plakativ auszudrücken: Unsere Gesellschaft bezahlt uns als Apotheker nicht fürs Pillendrehen und auch nicht fürs Schubladenziehen. Diese Zeiten sind vorbei. Die handwerkliche Kunst des Apothekers als Hersteller von Arzneimitteln ist nur noch marginal gefragt. Und die logistische Dienstleistung, so perfekt sie auch sein mag, wird heute (leider) nicht so geschätzt und als normal, als selbstverständlich hingenommen. Die Gesellschaft wird uns in naher Zukunft nicht mehr für die Beschaffung, Lagerhaltung und Distribution von Arzneimitteln bezahlen. Wenn es nur darum ginge, könnten diese Aufgaben – ketzerisch formuliert – letztlich auch Automaten bewerkstelligen und dazu billiger.

Was heute den Beruf des Apothekers ausmacht oder ausmachen sollte, sind die Eigenschaften, die wir bisher als einen "Mehrwert" verkauft haben. Es sind die Fähigkeiten und Eigenschaften, mit denen wir einzigartig in der therapeutischen Landschaft dastehen: Wir ermöglichen mit unserem Wissen über Arzneimittel, über deren Zusammensetzung und über die korrekte Anwendung die sichere Arzneimitteltherapie der Patienten. Erst durch Einsatz des Apothekers wird die Arzneimitteltherapie sicher.

Schaut man hier in Deutschland genauer hin, inwieweit dieses Denken bereits in den Alltag eingezogen ist, wird man feststellen, dass dies ausbaufähig ist. Zwar wurde bereits viel über pharmazeutische Betreuung und klinische Pharmazie im Apothekenalltag diskutiert, vereinzelt wird dies in manchen Apotheken in Ansätzen bereits gelebt, doch richtig angekommen in der Mehrheit der Apotheken sind diese Gedanken noch nicht.

Mit dem Beitrag "Die richtige Medizin" (siehe Seite 56 in dieser Ausgabe) liefert ein Autorenteam aus drei klinischen Pharmazeuten eine Diskussionsgrundlage für dieses Thema. Sie wollen dazu anregen, das Berufsbild des Apothekers systematisch weiterzuentwickeln – im Interesse einer optimierten Gesundheitsversorgung der Patienten, aber auch im Interesse des Apothekerberufs. Sie stellen zehn Thesen zur Diskussion und rufen alle an der Patientenversorgung beteiligte Partner zur Diskussion auf. Eine dieser Thesen fordert beispielsweise dazu auf, die Fachkompetenz der Apotheker im deutschen Gesundheitswesen besser als Ressource zur Gewährleistung einer sicheren, effektiven und effizienten Pharmakotherapie zu nutzen. Eine andere These setzt sich für den Auf- und Ausbau der Ausbildung in klinischer Pharmazie ein. Wieder eine andere These befürwortet die Einbeziehung öffentlicher Apotheken in wissenschaftliche Projekte der Versorgungsforschung, Pharmakovigilanz und andere Projekte.

Wenn wir schon heute verstärkt die klinische Pharmazie im Alltag implementiert hätten, wenn die pharmazeutische Betreuung und das durch den Apotheker überwachte Therapiemanagement schon Alltag wären, wenn wir der Öffentlichkeit und der Politik nachdrücklich vor Augen geführt hätten, dass Apotheke und Apotheker kein Pillendrehen und kein Schubladenziehen ist, sondern im besten Sinne ein Arzneimittelmanagement, dann gäbe es keine Abholstellen und womöglich auch keinen Versandhandel und keinen Streit um die billigsten Angebote. Denn das Arzneimittelmanagement, das In-die-Hand-Nehmen der Arzneimitteltherapie zum Wohl des Patienten (in "Management" steckt auch das lateinische Wort "manus"), erfordert den persönlichen Kontakt zum Patienten. In diesem Sinne: Diskutieren Sie mit über die Zukunft unseres Berufsbilds.


Peter Ditzel

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