Nosoden

Nosoden in der Isopathie und Homöopathie

Die Homöopathie ruht auf drei Säulen: Arzneimittelprüfung am Gesunden, Ähnlichkeitsregel und Potenzierung der Arzneimittel. Die Isopathie ersetzt die Ähnlichkeitsregel durch die Gleichheitsregel, oder lateinisch ausgedrückt: An die Stelle des Simile tritt das Aequale. Ausgangsstoffe für isopathische Arzneimittel sind daher einerseits die Krankheitserreger, andererseits Produkte oder Teile des Patienten, die durch die Krankheit hervorgerufen oder verändert werden. Aufgrund dessen entfällt bei der Isopathie die Arzneimittelprüfung am Gesunden. Ihre Nähe zur Homöopathie ergibt sich daraus, dass isopathische Arzneimittel potenziert werden.

Den Begriff "Nosode" schuf der Homöopath Constantin Hering (1800–1880), der darunter Krankheitsprodukte verstand (griech. nosos = Krankheit). Als erste potenzierte Nosode stellte er 1830 aus Krätzeeiter das Psorinum her, das noch heute zum homöopathischen Arzneischatz gehört. Ferner behandelte er an Krätze Erkrankte mit der von ihnen gewonnenen Nosode, die er Autopsorin nannte, machte mit ihr jedoch keine positiven Erfahrungen.

Als Begründer der Isopathie gilt der Tierarzt Johann Joseph Wilhelm Lux (1773–1849), der seit 1810 in Leipzig wirkte und dort mit der Homöopathie in Berührung kam. 1833 publizierte er die Schrift: "Isopathik der Contagionen, oder: Alle ansteckenden Krankheiten tragen in ihrem eigenen Ansteckungsstoff das Mittel zu ihrer Heilung." Sein Leitspruch für die Therapie lautete: "Aequalia aequalibus curentur – Gleiches möge durch Gleiches geheilt werden." Lux stellte seine isopathischen Präparate in der Potenz C30 her.

Anfangs erhielt Lux viel Zustimmung für sein Konzept. Die damals schon seit einigen Jahrzehnten etablierte Pockenschutzimpfung (Vakzination) hatte ja gezeigt, dass es möglich war, sich mit dem "Ansteckungsstoff" einer Krankheit vor der Infektion mit eben dieser Krankheit zu schützen. Neu war der Gedanke, den "Ansteckungsstoff" nach einer bereits erfolgten Erkrankung einzusetzen.

Nach der Publikation der "Isopathik der Contagionen" hat die Tierarzneischule in Berlin einige der von Lux berichteten Heilerfolge zu wiederholen versucht. Es war das erste Mal, dass Professoren einer Hochschule potenzierte Arzneimittel getestet haben – allerdings mit negativen Ergebnissen.

Auch unter den Homöopathen war die Isopathie umstritten. Samuel Hahnemann persönlich verurteilte sie, weil ihr eine Säule der Homöopathie, die Prüfung des Arzneimittels am Gesunden zur Ermittlung des Arzneimittelbildes, fehlt. Er fasste seine Kritik in dem Satz zusammen: "Dies Heilen-Wollen durch eine ganz gleiche Krankheits-Potenz (per idem) widerspricht allem gesunden Menschenverstande und daher auch aller Erfahrung." (Organon VI § 56, Anmerkung) Hahnemann behauptete andererseits, dass ein Krankheitsstoff, beispielsweise eine Krätzepustel, nicht mehr "derselbe" sei, wenn er potenziert worden ist, denn durch die Potenzierung wandelt sich das "Idem" (oder Aequale) zum "Simillimum" (äußerst Ähnlichen). Demnach ist ein isopathisches Präparat eigentlich ein homöopathisches Präparat – vorausgesetzt, es ruft beim Gesunden ein Arzneimittelbild hervor, das sich mit dem Krankheitsbild deckt.

Entsprechend dieser Anschauung Hahnemanns haben homöopathische Ärzte die Isopathie umgedeutet und gewissermaßen integriert. Heute werden hauptsächlich drei Typen von Nosoden verwendet:

  • Nosoden im ursprünglichen Sinne (nach C. Hering), hergestellt aus den Erregern oder Ausscheidungen infektiöser Krankheiten; sie gehören zur klassischen Homöopathie.
  • Autonosoden, hergestellt aus Körperbestandteilen des Patienten – z. B. Blut oder Plazenta – oder aus seinen Produkten – z. B. Urin oder Nierenstein; nur der zuletzt genannte Ausgangsstoff ist krankhaft, sodass der Begriff "Nosode" eigentlich nur hier zutreffend ist; im weiteren Sinne handelt es sich um isopathische Präparate.
  • Impfnosoden, hergestellt aus Impfstoffen, gegen Beschwerden nach Impfungen.

Für die Anwendung von Autonosoden hat sich insbesondere die homöopathische Kinderärztin Hedwig Imhäuser (1903–1988) eingesetzt. Die von ihr publizierten Heilerfolge haben bei Ärzten und Patienten Aufsehen erregt und dem Heilverfahren weithin Anerkennung verschafft.

Literatur

Kannengießer, Ursula-Ingrid: Der Tierarzt J. J. W. Lux (1773–1849) und die Veterinärhomöopathie im 19. Jahrhundert. In: Dinges, Martin (Hrsg.): Homöopathie – Patienten, Heilkundige, Institutionen – von den Anfängen bis heute. Haug Verlag, Heidelberg 1996, S. 228–252.

Wegener, Andreas: Die Nosoden und Sarkoden. In: Genneper, Thomas, und A. Wegener (Hrsg.): Lehrbuch der Homöopathie. 2. Aufl., Haug Verlag, Stuttgart 2004, S. 217–228.

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