INTERPHARM 2015 – Komplementärpharmazie

Was ist belegt und was muss beachtet werden?

Symposium zur Komplementärpharmazie

hb | Heilmethoden, die sich außerhalb der Schulmedizin bewegen oder adjuvant zu dieser eingesetzt werden, sind schwer „en vogue“. Dazu gehören die hierzulande bewährten Homöopathika und Anthroposophika, aber auch nicht so gut etablierte oder verbreitete Ansätze wie die traditionelle chinesische Medizin oder die Nosoden-Therapie. Bei onkologischen Patienten gewinnt die zusätzliche Gabe von Mikronährstoffen immer mehr an Bedeutung. Apotheker sollten auch auf dem Gebiet der Komplementärmedizin und den hierbei eingesetzten Arzneimitteln gut Bescheid wissen, auch um zu verhindern, dass die Kunden sich im Internet meist erheblich weniger fundierte oder sogar fehlerhafte Beratung suchen.

TCM: Fokus auf die Qualität

Im Bereich der traditionellen chinesischen Medizin sind nach Angaben des TCM-Experten Dr. Axel Wiebrecht aus Berlin rund 300 Drogen in Europa üblich. Zu den möglichen Risiken der Behandlung zählen die Unkenntnis einer etwaigen Toxizität der eingesetzten Wirkstoffe, die Nichtbeachtung besonderer Sensibilitäten oder auch unzureichende Anwendungshinweise. Bei den Arzneidrogen können mindere Qualitäten, Kontaminationen oder Verwechslungen vorkommen. Hier haben die Apotheker für Wiebrecht eine große Verantwortung im Rahmen der Plausibilitätsprüfung zum Ausschluss von Verordnungsfehlern und zur Sicherstellung einer ordnungsgemäßen Qualität.

Foto: Alex Schelbert

Dr. Axel Wiebrecht

Beim Centrum für Therapiesicherheit in der Chinesischen Arzneitherapie (CTCA), einem Zusammenschluss der wesentlichen Fachgesellschaften für chinesische Arzneitherapie in Deutschland sowie kompetenter Einzelpersonen, wurden nach Wiebrechts Angaben zwischen 2004 und 2014 insgesamt 33 Risikofälle, darunter Leberenzymerhöhungen, Hepatitis, Hautreaktionen, etc. gemeldet. Als Beispiele für risikobehaftete Drogen führte er Süßholzwurzel wegen der Blutdruckerhöhung durch Glycyrrhizin, Drogen mit Pyrrolizidin-Alkaloiden oder mit Amygdalin an. Bei gleichzeitiger Einnahme allopathischer Mittel mit einer engen therapeutischen Breite rät Wiebrecht zu besonderer Vorsicht. Dies betrifft speziell Immunsuppressiva (z. B. Ciclosporin), Anti-HIV-Mittel, Zytostatika, Antiepileptika oder neue Antikoagulanzien, und zwar besonders in der Anfangsphase der Therapie oder bei Veränderungen der Rezeptur. Für Berichte über Arzneimittelrisiken stellt das Centrum für Therapiesicherheit in der Chinesischen Arzneitherapie einen eigenen Meldebogen zur Verfügung, der von der Webseite des Zentrums abrufbar ist (www.ctca.de). Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte TCM-Präparate aus eigens hierauf spezialisierten Apotheken beziehen.

Nosoden und Antitoxine

Dr. med. Marion Kraßnitzer-Geyer, Würzburg, gab eine kleine Einführung in die „Welt“ der Nosoden und berichtete über ihre zahlreichen positiven Heilerfahrungen auf diesem Gebiet. Unter Nosoden sind homöopathische Zubereitungen zu verstehen, die aus pathologischen Sekreten oder Exkreten, pathologischem Zellgewebe, Krankheitserregern, potenzierten Allopathika, Umwelttoxinen oder Allergenen als Auto- oder Heteronosoden hergestellt werden. Einsatzgebiete sind Infektionskrankheiten mit akutem oder protrahiertem Verlauf, chronische Krankheiten, Therapieblockaden und Intoxikationen.

Foto: Alex Schelbert

Dr. med. Marion Kraßnitzer-Geyer

Das Konzept der Nosoden-Therapie beruht auf dem Gesetz der Umkehrwirkung. Das heißt, die Heilung ist verbunden mit der Ursache des Unheils. Die verwendeten homöopathischen Tiefpotenzen lösen eine immunologische „Beistandsreaktion“ aus. Dabei erkennen die immunkompetenten Zellen des Körpers die Antigenstrukturen der Nosode und aktivieren die Immunkompetenz gegen dieses Antigenmuster. Als Ergebnis werden die schädlichen Stoffe aus dem Körper ausgeleitet. Je tiefpotenter die Nosode, desto heftiger die Reaktion. „Nosoden sind wie Zündkerzen, die unsere immunologische Reaktionsfähigkeit wieder anfeuern und die fälligen Toxinausleitungen katalysieren,“ fasst Kraßnitzer-Geyer das Wirkprinzip zusammen. Zur Klassifikation verschiedener Nosoden siehe Tab. 1.

Tab. 1: Einteilung der Nosoden
Art der Nosode Charakteristika
Nosode mit und ohne Arzneimittelprüfung mit: nach homöopathischer Anamnese und Repertorisation (Auswahl des richtigen Mittels), um ein Simile abzugleichen
ohne: nach anamnestischer Ähnlichkeit als Isopathie, z. B. Gabe der Nosode Pfeiffersches Drüsenfieber nach Epstein-Barr-Virusinfektion
Spenglersan Kolloid Therapie Antigene und Antitoxine verschiedener Bakterienstämme, potenziert auf D9, z. B. Mycobacterium tuberculosis bovis D9 gegen Infektanfälligkeit
homöopathisierte Allopathika nach dem isopathischen Prinzip zur Behebung von Therapieschäden (z. B. Penicillin-Injeel oder Cortison-Injeel)
Impfnosoden aus Impfstoffen hergestellt, gegen langfristige krankhafte Folgen von Impfungen, die auf herkömmliche ­homöopathische Arzneien nicht ansprechen.
Autonosoden Behandlung mit potenziertem Eigenblut nach Imhäuser, etwa zur Anregung der körpereigenen Abwehr
Körpersubstanzverdünnung von Homeda: individuelle homöopathische Mittel auf der Basis von Blut, Harn, Tränenflüssigkeit, Sputum, Eiter, Stuhl oder krankem Gewebe des Patienten

Nosoden stehen als Einzelpotenzen, Serienpackungen mit aufsteigender Potenzfolge, Potenzakkorde oder Mischungen verschiedener Nosoden in Komplexen zur Verfügung. Sie werden getrunken, können aber auch mithilfe eines Adapplikators in Sprayform zum Beispiel in den Mundraum appliziert werden.

Mistel gegen Krebs: Hilft das wirklich?

Mistelpräparate haben in der adjuvanten Krebstherapie seit Langem einen hohen Stellenwert. Sie sollen das Wachstum von Tumoren und Metastasen beim Menschen hemmen, durch den Schutz der DNA vor Schädigungen Chemotherapie-induzierte Nebenwirkungen begrenzen, immunkompetente Zellen stimulieren und letztendlich die Lebensqualität der Patienten verbessern. Nach Darlegung von Prof. Dr. Arndt Büssing vom Institut für Integrative Medizin der Universität Witten/Herdecke gehören dazu zwei Gruppen: Die Anthroposophika sind wässrige Auszüge (Iscucin, Helixor), Presssaft (Abnoba) oder durch wässrige Fermentierung mit Lactobacillus hergestellt (Isacador). Sie weisen unterschiedliche Wirkstoffspektren auf. Das einzige phytotherapeutische Präparat (Lektinol) ist auf 15 ng „aktives Mistellektin“ normiert. Neben der Herstellungsart soll laut Büssing auch die Art des Wirtsbaums eine Rolle für die Wirkqualität auf unterschiedliche Krebs­arten spielen.

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Prof. Dr. Arndt Büssing

Nach der überwiegend subkutanen Applikation verbessern Mistelpräparate die Durchblutung der Haut, die Körpertemperatur steigt leicht an und das Immunsystem wird milde stimuliert. Die Patienten erleben eine Verbesserung der subjektiven Befindlichkeit. Mit den „harten klinischen Belegen“ hapert es allerdings nach Büssings Recherchen. Die klinische Datenlage wurde im Jahr 2008 in einem Cochrane-Review aufgearbeitet. Hiernach ­ergeben sich aus den einbezogenen 21 Studien keine überzeugenden Belege für die Wirksamkeit in Bezug auf das Überleben und die Tumorresponse. Etwas besser sieht es hinsichtlich der Lebensqualität und den Nebenwirkungen antitumoraler Therapien aus, aber auch hier lassen sich positive Effekte nicht zwingend ableiten. Außerdem haben viele Studien methodische Schwächen. Büssing resümierte, dass die Verordnung entsprechender Präparate bei Tumorpatienten gut begründet sein und zum Patienten „passen“ sollte. Unter dieser Prämisse könnten die Patienten durchaus davon profitieren. „Wer im Sinne der Selbstregulation aktiver ist, hat mehr davon,“ glaubt Büssing.

Homöopathie in der adjuvanten Krebstherapie

Auch die Homöopathie ist für den Apotheker und Facharzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie und Naturheilverfahren Dr. Markus Wiesenauer, Kernen-Stetten, als begleitende Krebstherapie sehr wohl sinnvoll. Sie kann in verschiedenen Phasen durchgeführt werden und unterschiedliche Zwecke verfolgen, wie etwa der Phase der Diagnosestellung, im Rahmen der prä- und postoperativen Behandlung, unter der Bestrahlungs-, Chemo- oder endokrinen Therapie oder auch begleitend zur Therapie von Metastasen.

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Dr. Markus Wiesenauer

Auch in der Schmerztherapie und der Palliativtherapie hält Wiesenauer Homöopathika für indiziert, und gab anhand einer praxisnahen Auswahl von Zubereitungen (Tab. 2) konkrete Hinweise für die Beratung. Dabei sollte sich die richtige Auswahl des Präparates stets an der Lokalisation der Beschwerden und den Leitsymptomen und die Potenzen an den Möglichkeiten der Selbstmedikation orientieren. Vor diesem Hintergrund empfiehlt Wiesenauer zum Beispiel Arsenicum album D12 bei Zyto­statika-verursachter Diarrhö, Okoubaka D3 bei Appetitlosigkeit, Hydrastis canadensis D6 gegen Schleimhautläsionen als Folge von Radio- oder Chemotherapie oder auch Asterias rubens D4-Tabletten beim Mammakarzinom mit Lymphknotenbefall. Er betonte in diesem Zusammenhang, dass homöopathische Arzneimittel keine Interaktionen mit Zytostatika oder einer endokrinen Therapie auslösen.

Tab. 2: Auswahl von Homöopathika für die adjuvante Krebs­therapie
Aconitum D12
Arnica D6
Staphisagria D6
Nux vomica D6
Arsenicum album D12
Okoubaka D3
Hydrastis canadensis D6
Picrorhiza D6
Belladonna D6
Phosphorus D12
Sabdariffa D6
Asterias rubens D4-Tabletten
Scrophularia nodosa D6-Tabletten
Acidum sulfuricum D12

Mikronährstoffe: Geben, was fehlt

Foto: Alex Schelbert

Uwe Gröber

Der Mikronährstoffexperte Uwe Gröber tritt seit vielen Jahren vehement dafür ein, den Status an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen in der onkologischen Therapie nicht zu vernachlässigen. Eine Supplementierung sollte allerdings nicht im Gießkannenprinzip, sondern zum einen medikationsorientiert und zum anderen in der Regel labordiagnostisch validiert erfolgen. Wird dies richtig gemacht, so kann die Supplementierung die Wirksamkeit der onkologischen Therapie oder deren Verträglichkeit verbessern, was mit einer deutlichen Steigerung der Lebensqualität der onkologischen Patienten verbunden ist. Die Checkliste in Tabelle 3 erfasst einige Grunddaten zu häufig defizitären Mikronährstoffen. |

Tab. 3: Checklisten für Zielwerte und die Supplementierung wichtiger Mikronährstoffe in der Onkologie
Labor Häufigkeit des Mangels Dosierung
Vitamin D 25(OH)D im BlutserumZielwert: 40 bis 60 ng/ml > 95% 1. Vitamin-D-Insuffizienz: 40 × (Soll – Ist nmol/l) × kg KG pro Tag, verteilt auf 7 bis 10 Tage2. pro Tag: 40 bis 60 I.E. pro kg KG
Selen Zielwert im Vollblut:130 bis 155 μg/l > 80% oral: 300 bis 500 μg/Tag Na-Selenitoral bei Radiotherapie: 1000 μg/Tag Na-Selenitparenteral: 1000-2000 μg i.v. vor der CT
L-Carnitin > 80% oral: 3 × 1 bis 2 g/Tag als Tartratam Tag der Chemotherapie: 1 bis 2 g i.v.
Omega-3-Fettsäuren > 90% oral: 1500 bis 2000 mg EPA/DHA/TagKachexie: 2 bis 4 g EPA/DHA i.v.
L-Gutamin 2 bis 3 × 5 g/Tag p.o.
Nach U. Gröber, Zytostatika und Medikation hier nicht ausgewiesen

Recherche- und weitere Infos

  • Stand der Forschung im Bereich Komplementärmedizin: www.cam-quest.org/
  • aktuelle wissenschaftliche Publikationen der Akademie für Mikronährstoffmedizin: www.mikronaehrstoffmedizin.de
  • Uwe Gröber: Mikronährstoffe - Metabolic Tuning - Prävention - Therapie. 3. Auflg. Wissenschaftliche Verlags­gesellschaft Stuttgart

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