Komplementäre Therapien

Darf ich die Globuli anfassen?

Praxisbezogene Fragen zur Anwendung von homöopathischen Arzneimitteln

Von Daniela Haverland | In der Selbstmedikation nimmt die Homöopathie sowohl beim Laien als auch in den Apotheken einen hohen Stellenwert ein. Oft hat sich mindestens ein Apothekenmitarbeiter auf dem Gebiet der ­Homöopathie fort- oder weitergebildet und ist ein kompetenter Ansprechpartner, wenn es um das richtige ­homöopathische Mittel geht. Im Zweifelsfall findet er Unterstützung in der einschlägigen Literatur und ­Computerprogrammen. Oft wollen Kunden aber noch sehr spezielle Hinweise vom Fachmann erhalten, da sie durch widersprüchliche Aussagen verunsichert sind. Da kann auch manch versierter Apotheker um eine Antwort verlegen sein.
Foto: Mariusz Blach – Fotolia.com

Ist Kaffee während einer homöopathischen Behandlung verboten? Nicht unbedingt! Seit Samuel Hahnemann haben sich die Ansichten diesbezüglich geändert.

Typische Fragen von Apothekenkunden lauten:

  • Wie sieht das aus mit der Lagerung und Haltbarkeit?
  • Kann ich die Globuli auch selbst anfassen, obwohl mein Kind sie nehmen soll?
  • Darf ich sie überhaupt anfassen, oder muss ich einen ­Löffel nehmen? Falls Ja: Plastik oder Metall?
  • Und was ist, wenn nicht drei, sondern vier Globuli aus der Flasche gerollt sind? Was mache ich mit dem ­Kügelchen, welches zu viel ist?

Der Hintergrund für solche Fragen sind gewisse Empfehlungen oder Hinweise, und der Wissenschaftler im Pharmazeuten will natürlich wissen, inwieweit sie durch Studien belegt und bewiesen sind. Die Studienlage ist jedoch sehr dürftig, es gibt nur vereinzelte wissenschaftliche Versuchsansätze.

Ganz klar muss man sagen, dass fast alle bestehenden Aussagen zu besonderen Anwendungen von homöopathischen Arzneien immer nur auf Erfahrungsberichten und Meinungen der Fachleute beruhen. Nun gilt es, aus allen, teilweise widersprüchlichen Aussagen die Essenz zu bilden, um einen Ansatz zu haben, den man auch in der Offizin bei der Beratung zur Selbstmedikation vertreten kann.

Alle homöopathischen Vorschriften haben ihren Ursprung im „Organon“ von Samuel Hahnemann. In seiner „homöopathischen Bibel“ hat Hahnemann alle Einzelheiten erläutert: Wie man mit der Homöopathie arbeiten muss, was man alles beachten muss, um die richtige Arznei zu finden, welche Arten von Krankheiten es gibt, und wie sie homöopathisch behandelt werden, und natürlich auch, welche Heilungshindernisse vorkommen können. So hat Hahnemann klar beschrieben, was der homöopathische Patient alles meiden soll, ­damit die Arznei gut greifen und wirken kann (s. Kasten).

Was der homöopathische Patient meiden soll*

Kaffee, feiner chinesischer und anderer Kräuterthee; Biere mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken unangemessenen Gewächssubstanzen angemacht, sogenannte feine, mit arzneilichen Gewürzen bereitete Liqueure, alle Arten Punsch, gewürzte Schokolade, Riechwasser und Parfümerieen mancher Art, stark duftende Blumen im Zimmer, aus Arzneien zusammengesetzte Zahnpulver und Zahnspiritus. Riechkißchen, hochgewürzte Speisen und Saucen, gewürztes Backwerk und Gefrornes mit arzneilichen Stoffen, z. B. Kaffee, Vanille u.s.w. bereitet, rohe, arzneiliche Kräuter auf Suppen, Gemüße von Kräutern, Wurzeln und Keim-Stengeln (wie Spargel mit langen, grünen Spitzen), Hopfenkeime und alle Vegetabilien, welche Arzneikraft besitzen, Selerie, Petersilie, Sauerampfer, Dragun, alle Zwiebel-Arten, u.s.w.; alter Käse und Thierspeisen, welche faulicht sind, (Fleisch und Fett von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges Kalbfleisch und saure Speisen; Salate aller Art), welche arzneiliche Nebenwirkungen haben, sind eben so sehr von Kranken dieser Art zu entfernen als jedes Uebermaß, selbst das des Zuckers und Kochsalzes, so wie geistige, nicht mit viel Wasser verdünnte Getränke; Stubenhitze, schafwollene Haut-Bekleidung, sitzende Lebensart in eingesperrter Stuben-Luft, oder öftere, bloß negative Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), übermäßiges Kind-Säugen, langer Mittagsschlaf im Liegen (in Betten), Lesen in wagerechter Lage, Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche Wohllust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften, Onanism oder, sei es aus Aberglauben, sei es um Kinder-Erzeugung in der Ehe zu verhüten, unvollkommner, oder ganz unterdrückter Beischlaf; Gegenstände des Zornes, des Grames, des Aergernisses, leidenschaftliches Spiel, übertriebene Anstrengung des Geistes und Körpers, vorzüglich gleich nach der Mahlzeit; sumpfige Wohngegend und dumpfige Zimmer; karges Darben u.s.w. Alle diese Dinge müssen möglichst vermieden oder entfernt werden, wenn die Heilung nicht gehindert oder gar unmöglich gemacht werden soll.

* Aus: Samuel Hahnemann, Organon der Heilkunst, 6. Auflage, 1842, § 260

Wer diesen Text von Hahnemann liest, mag sich verwundert fragen, wie Patienten in der heutigen Zeit eine homöopathische Therapie durchführen können. Es lässt sich also schon an dieser Stelle erkennen, dass nicht alles, was Hahnemann im Organon geschrieben hat, in der heutigen Zeit strengstens eingehalten werden muss. Auch Hahnemann hat bei der Niederschrift aus eigener Erfahrung und damit nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt (und seine Ansichten von Auflage zu Auflage des Organons teilweise auch geändert).

Man muss hinsichtlich der Einhaltung der verschiedenen Vorgaben auch immer unterscheiden, ob es sich um eine Einzelgabe einer homöopathischen Hochpotenz im Rahmen ­einer Konstitutionsbehandlung handelt oder um häufigere Gaben niedrigerer Potenzen im Rahmen der Selbstmedikation von banalen Erkrankungen.

Keinen Kaffee trinken und nicht die Zähne putzen?

Bei der Einmalgabe muss die Arznei mit ihrer homöopathischen Energie im Körper „ankommen“; eine Störung der Energie durch Antidote (manche homöopathische Arzneien stören sich gegenseitig) oder Kaffee und ätherische Öle kann die Arznei unwirksam machen. Hierzu gibt es reichlich Erfahrungsberichte von Therapeuten. In so einem Fall kann man wirklich empfehlen, die Therapeutenmeinung anzunehmen und sich an die Vorgaben zu halten. Auch diese können sehr variieren. Die einen raten, in der ersten Woche nach der Arzneigabe auf Kaffee sowie campher- und mentholhaltige Tees, Einreibungen, Bonbons oder Zahnpasta zu verzichten; die anderen erwarten dies mindestens über vier bis sechs Wochen zu tun, denn erst dann könne man abschätzen, ob die Hochpotenz eine Wirkung beim Patienten auslöst. Es hat sich z. B. bewährt, auf den Genuss von Kaffee immer dann zu verzichten, wenn er die Symptomatik der Beschwerden verschlimmert (was z. B. auf die Arzneimittelbilder von Nux vomica, Ignatia oder Sulfur zutrifft).

In der Selbstmedikation mit niedrigen Potenzen gilt der Grundsatz, die Einnahme des Mittels für den Patienten so einfach wie möglich zu gestalten und keine unnötigen Verbote auszusprechen. Falls eine Gabe durch Kaffee, Zähneputzen oder was auch immer gestört sein sollte, so wird die Gabe der Arznei kurze Zeit später wiederholt. In der Apothekenpraxis würde es sich als sehr schwierig gestalten, jedem Patienten bei der Abgabe eines homöopathischen Mittels zu ermahnen, ab sofort keinen Kaffee mehr zu trinken und bitte noch eine mentholfreie Zahnpasta dazu zu kaufen, damit seine Globuli oder Tabletten auch wirken können.

Generell gilt hier, die Arznei immer auf eine saubere Mundschleimhaut zu geben und 15 Minuten Abstand zum Essen, Trinken und Zähneputzen einzuhalten.

Haltbarkeit oder: Kann man Globuli vererben?

Was ist an dem Spruch „Globuli kann man vererben“ dran? Die Mindesthaltbarkeitsdauer der homöopathischen Arzneien ist gesetzlich geregelt und steht auf den jeweiligen Packungen. Sie bezieht sich aber immer auf die geschlossene Packung. Die Hersteller geben die Haltbarkeit nach Anbruch der Packung mit drei bis zwölf Monaten an. Dies ist doch sehr kontrovers zur „Vererbungstheorie“! Woher kommt sie also?

Globuli bestehen aus Rohrzucker und werden mit der wässrig-alkoholischen Lösung der passenden Potenz besprüht und anschließend getrocknet. Dies erklärt, warum Globuli, wenn sie das Primärpackmittel verlassen haben, nicht wieder in dasselbe zurückgetan werden dürfen. Rohrzucker ist hygroskopisch, deshalb wird die Oberfläche der Globuli schnell mit Wassermolekülen besetzt, die in der Arzneiflasche nichts zu suchen haben. Auch bei jedem Öffnen der Flasche gelangt erneut Wasser aus der Luft in das Behältnis, die Oberfläche der Kügelchen wird angelöst, wodurch diese unwirksam werden können. Hier kommt auch die Frage ins Spiel, ob Globuli mit der Hand berührt werden dürfen. Dies ist unkritisch, wenn es sehr kurzzeitig ist, also: die Globuli auf die Hand und dann ab in den Mund (den eigenen oder den der Kinder), ohne lange mit ihnen herumzuspielen.

Geht man davon aus, dass die Globuli trocken aufbewahrt werden und auch die Entnahme schnell passiert, ohne dass die Flasche offen stehen bleibt, dann ist sicherlich eine lange bis sehr lange Haltbarkeit gewährleistet. Doch die Hersteller gehen da zu Recht auf Nummer sicher und rechnen natürlich mit dem worst case der Lagerung. Für Tabletten kann dies aus Herstellungsgründen nicht so streng gelten wie für Globuli, da hier ein Pulver verpresst wird. Bei Dilutionen besteht natürlich immer die Gefahr der Verdunstung.

Löffel – aus Metall oder Plastik oder was sonst?

Wenn man nun unbedingt einen Löffel mit ins Spiel bringen will, was eigentlich nur bei dem „Verkleppern“ (das Lösen von Globuli in Wasser mit schnellem Rühren zur Aktivierung der homöopathischen Energie) einen Sinn macht, so stellt sich die Frage: Metall oder Plastik? Der Plastiklöffel gewinnt bei diesem Vergleich meistens, da Hahnemann in seinen Erfahrungsberichten erwähnt hat, dass Metalle die homöopathische Energie stören können. Wie man aber dann auf Plastik kommt, wäre ja eigentlich sehr spannend, denn zu Hahnemanns Zeiten stand es noch nicht zur Verfügung. Will man streng nach Hahnemann arbeiten, so nimmt man den berühmten Hornlöffel, der in den Tiefen eines Rezepturschrankes ab und an noch zu finden ist. Die Metalle, die zu Hahnemanns Zeiten eingesetzt wurden, waren häufig verunreinigt, deshalb hat Hahnemann festgestellt, dass starke Metall-Reaktionen eine Störung der homöopathischen Energie hervorrufen können. Heutzutage hat dies keine Bedeutung mehr, denn Globuli werden industriell hergestellt, u. a. auch in Edelstahlkesseln, und wirken trotzdem. Und ganz nebenbei: Wie steht es mit den homöopathischen Arzneien, die injiziert werden? Solange es keine Plastikkanüle gibt, muss man wohl auch hier die Metallkanüle benutzen.

Scannen verboten?

Weitverbreitet ist auch die Meinung, dass jegliche Strahlung die homöopathische Energie stören und die Arzneiwirkung zunichte machen kann. Dazu gibt es zumindest eine wissenschaftliche Publikation [1]: Untersucht wurde der Einfluss von elektromagnetischen Feldern auf homöopathische Mittel mithilfe von homöopathischem Thyroxin und dessen ­Wirkung auf „Hochland-Frösche“. Was etwas befremdlich klingen mag, hat aber immerhin im Ergebnis gezeigt, dass es für die homöopathische Wirkung keine Rolle spielt, ob die Arznei mit elektromagnetischer Strahlung in Berührung kommt oder nicht.

Die meisten homöopathischen Therapeuten stimmen darin überein, dass weder das Scannen in der Apotheke oder beim Großhandel noch die Durchleuchtung am Flughafen negative Einflüsse auf homöopathische Arzneimittel haben. Für eine Flugreise wird trotzdem eine alubeschichtete Strahlenschutztasche als Umhüllung für die Globuliflaschen empfohlen. Doch im Apothekenalltag gilt der Grundsatz, dass normales Scannen des Umkartons zu keinerlei Wirkbeeinträchtigung führt.

Es gibt Erfahrungsberichte, dass Mikrowellenstrahlung homöopathische Arzneien unwirksam werden lässt, und zwar genügt es, sie in der Nähe des Mikrowellenherdes (meist daneben oder darauf) zu platzieren. Auch Röntgenstrahlung oder Radiumstrahlung (insbes. Alphastrahlung) kann die Wirksamkeit negativ beeinflussen.

Fazit: keine Ängste schüren

Zusammenfassend ist zu sagen, dass homöopathische Arzneien robuster sind, als sie manchmal erscheinen, und dass man dringend davon absehen sollte, Ängste bezüglich der Handhabung und Lagerung zu schüren. Der Patient ist oft in Sorge, dass er irgendwas falsch macht, und blockiert somit seine Heilung. Eine positive Annahme der Therapieform ist immer ein wichtiger Beitrag zum Therapieerfolg – und das gilt nicht nur in der Homöopathie. Deshalb sollte auch der Apotheker das Vertrauen des Patienten in seine Therapie stärken. Jede These, jeder Mythos geht nur auf Erfahrungen der Homöopathen der letzten 220 Jahre zurück, fast nichts davon ist wissenschaftlich bestätigt. Die Therapie beruht auf Erfahrungen und wird durch Überlieferung weitergegeben, kritisches Hinterfragen ergibt in diesem Fall wenig Sinn. |

Literatur

[1] Weber S, et al. The effect of homeopathically prepared thyroxine on highland frogs: influence of electromagnetic fields. Homeopathy 2008;97(1):3-9

Autorin

Daniela Haverland, Apothekerin, ­Heilpraktikerin

Referentin für Homöopathie und ­Biochemie